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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Ohne den Maybachkoffer hätte es eine Epidemie gegeben

(23.04.02). Eigentlich gehört der alte Koffer zu den wichtigsten Familienerbstücken und wird nicht aus der Hand gegeben. Doch diesmal hat die bekannte Unternehmerfamilie Laabs aus Holzminden eine Ausnahme gemacht. Zwei Abgesandte von Daimler Chrysler waren persönlich am Lüchtringer Weg erschienen, um den 70 Jahre alten Koffer abzuholen und zum Genfer Automobilsalon zu bringen. "Die beiden haben versprochen, diesen Koffer wie ihren Augapfel zu hüten", erzählen Herbert und Marcus Laabs; denn mit diesem Koffer hat es eine ganz besondere Bewandtnis.

"Dieser Koffer gehörte neben zwei weiteren zur Ausstattung des ersten Maybach, einem Zwölf-Zylinder-Zeppelin Typ DS 7, den mein Vater Willi Laabs in unserer alten Heimat fuhr", erinnert sich Laabs Senior. Denn die Familie stammt eigentlich aus dem pommerschen Gollnow und ist durch Krieg und Flucht nach Holzminden gekommen. Willi Laabs gründete 1913 in der Hansestadt Gollnow mit zwei Mitarbeitern eine Möbelfabrik und führte als erste in Deutschland die Fließbandproduktion in der Möbelfertigung ein. Sein Produktionskonzept setzte sich durch und der "deutsche Möbelford" konnte sein Unternehmen vergrößern. Neue Produktionsstätten wurden gebaut, ein riesiges Rittergut von fast 4.000 Hektar Größe mit eigenem Gleisanschluss erworben, und schließlich arbeiteten fast 1.000 Leute für Willi Laabs, davon alleine 120 auf dem Gut. Unter den Logos "Wilago" und "WLG" (Willi Laabs Gollnow) wurde die Firma weltweit bekannt.
"Mein Vater hatte ein Faible für den Maybach", erinnert sich Herbert Laabs. Zwischen 1921 und 1940 stand der Name Maybach für Luxuswagen der erlesensten Qualität, jeder Wagen wurde nach den persönlichen Wünschen des einzelnen Kunden bei drei speziellen Karosseriebaufirmen in Ravensburg, Dresden und Berlin zusammengestellt. Maybach selbst baute in Friedrichshafen nur die Chassis und die Motoren. Noch heute ist Familie Laabs im Besitz der Korrespondenz, die Willi Laabs in den 20er und 30er Jahren mit Maybach führte. "Besonders kann ich mich an die Sportwagen-Ausführung erinnern. Wir Kinder mussten hinten auf dem Notsitz Platz nehmen. Weil wir nicht in Fahrtrichtung sitzen konnten, wurde mir dann immer schlecht", erzählt der Sohn des Firmengründers. Vier Maybach zählte Laabs neben zwei Horch zu seinem Fuhrpark, doch dann begann der Zweite Weltkrieg.
"Ein Maybach wurde gleich requiriert und tauchte als Dienstwagen des Generalfeldmarschalls Rommel beim Krieg auf dem Balkan wieder auf", berichtet Herbert Laabs. Der 1931 erworbene Maybach Zwölf-Zylinder-Zeppelin Typ DS 7, von dem der Koffer stammt, war ursprünglich ein sechssitziges Spezialcabrio und wurde in den 40er Jahren zur Limousine umgebaut, damit es nicht in die Hände der Wehrmacht fiel. Die Karosseriebaufirma Hermann Spohn in Ravensburg hatte die Anweisung, beim Umbau möglichst langsam vorzugehen. Im März 1945 musste sich Willi Laabs mit seiner Frau Paula und den sieben Kindern vor den herannahenden Truppen der Roten Armee in Sicherheit bringen. Der Maybach DS 7 wurde später von den Franzosen beschlagnahmt. Schnell wurde ein Koffer aus dem ersten Maybach geholt - er gehörte als lederumspannter Holzkoffer zur Standardausrüstung der Nobelkarosse - und mit lebenswichtigen Dingen vollgestopft. Darunter auch 6.000 Ampullen für die Bekämpfung von Typhus. Und diese Ampullen sollten das Leben vieler Menschen retten.
Mit vielen anderen Flüchtlingen rettete sich die Familie nach Misdroy auf die Insel Wollin. Am 6. Mai eroberten die Russen die Insel und plünderten die Habseligkeiten der Eingekesselten. Nur den Koffer konnte man in Sicherheit bringen. Als dann auf der Insel Typhus ausbrach, erinnerte man sich der Ampullen, und ein befreundeter Arzt der Familie, Dr. Pelling, verabreichte das Serum, das Leben rettete und den Ausbruch einer Epidemie verhinderte. Dr. Pelling war es auch, der für die Familie Laabs den Koffer durch die russischen Kontrollen schmuggelte und in den Westen rettete. Für Willi Laabs waren diese Entbehrungen zuviel. Er starb am 13. Juni 1945.
Ein Jahr später wurde Paula Laabs mit ihren sieben Kindern - das jüngste gerade zwei Jahre alt - dann aus Pommern vertrieben und kam im Herbst 1949 völlig mittellos nach Holzminden. Schon fünf Jahre später traten die Söhne Herbert und Bernd in die Fußstapfen ihres Vaters und machten sich in einem Blechschuppen selbstständig. Sie legten den Grundstein für die heutige Firma Laabs, die sich vom Möbelproduzenten zum Kunststoffrecycler entwickelte. Inzwischen hatte Dr. Pelling den bewussten Maybachkoffer zurück in die Hände der Familie gebracht.
Als jetzt Daimler Chrysler die Rückkehr der Nobelkarosse Maybach beschloss, meldeten sich Herbert und Marcus Laabs bei Daimler Chrysler und erzählten von ihrer Beziehung zu Maybach. "Bei denen stießen wir auf helle Begeisterung." Im Herbst soll der neue Maybach in Berlin, Stuttgart und München in eigens gebauten Hallen präsentiert werden und schon jetzt läuft die Marketing-Kampagne. Gezeigt wird der neue Maybach auf dem Genfer Automobilsalon noch nicht, es wird lediglich eine Maybach-Ausstellung geben, bei der der Laabs-Koffer zu den Prunkstücken gehören wird. "Reisen mit dem Maybach im Jahr 1938" ist das Thema der Ausstellung, die von Familie Laabs natürlich auch selbst besucht wird. Dann wird es ein Wiedersehen geben mit den Fahrzeugen, die für Willi Laabs so viel bedeutet haben. (fhm)

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