(02.10.2010). Von dem älteren Herrn nimmt kaum einer auf dem Bahnhof in Berlin Notiz. Weißer Bart, Brille, klein, gelbliche Haut und dunkle Augen kennzeichnen den 60-Jährigen, der am 8. September 1881 in den Nachtzug nach Breslau steigt. Dabei ist es ein berühmter Mann, der um 23 Uhr eine mehrmonatige Reise in den Kaukasus beginnt. Rudolf Virchow: Arzt, Mediziner, Archäologe, Volkskundler, Städteplaner, streitbarer Politiker und Reichstagsabgeordneter. Als sich Virchow dann auf den Weg nach Russland zu archäologischen Ausgrabungen macht, kann er schon auf eine einmalige und wirklich unglaubliche Lebensleistung blicken.
Der 1821 in Pommern geborene Rudolf Virchow studiert in Berlin und arbeitet nach seinem Examen als Arzt an der Charité. Dort weist er erstmals die Krankheitsbilder der Thrombose und der Leukämie nach. Wegen seiner Beteiligung an der Revolution von 1848 muss er Berlin verlassen und wird Universitätsprofessor in Würzburg. 1856 kehrte er als Ordinarius an die Universität Berlin zurück und arbeitet wieder an der Charité. 1858 veröffentlicht er seine Theorie zur Zellpathologie, die ihn weltweit bekannt macht. Virchows medizinische Arbeit bleibt aber nicht auf das Krankenhaus beschränkt. Schnell sucht er den Weg in die Politik, um die praktische Umsetzung medizinischer Erkenntnisse für die Menschen zu nutzen. „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik nichts weiter als Medizin im großen“, sagt er.
Virchow veranlasst die Gründung kommunaler Krankenhäuser in Berlin, sorgt für die Einführung der obligatorischen Trichinenschau und veranlasst den Bau einer zentralen Abwasserentsorgung und Trinkwasserversorgung von Berlin. Von 1861 bis zu seinem Tod im Jahr 1902 ist er Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung und des Preußischen Abgeordnetenhauses und von 1880 bis 1893 sogar Reichstagsabgeordneter. Politisch ist er ein Gegner des Preußischen Ministerpräsidenten und Reichskanzlers Otto von Bismarcks, der ihn sogar zu einem Duell fordert. Virchow ist allerdings so klug, dieses Ansinnen abzulehnen. Bismarck war schon während seiner Studentenzeit in Göttingen als Duellant gefürchtet. Den politischen Kampf scheut Virchow allerdings nicht. Er kämpft für Minderheitenrechte der Polen im Deutschen Reich, wendet sich gegen Antisemitismus und Kolonialismus.
Doch dieser Virchow macht sich 1881 nicht per Zug auf den Weg in den unwirklichen Kaukasus. Es ist der Archäologe und Ur- und Frühgeschichtler Rudolf Virchow, der bronze- und eisenzeitliche Gräberfelder in Ossetien untersuchen will. Seit frühester Jugend interessiert sich Virchow für die Entdeckung der Vergangenheit. Archäologie und Ur- und Frühgeschichte sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch keine systematischen Wissenschaften. Den Altertumsforschern geht es damals darum, möglichst viele und wertvolle Exponate der vergangenen Jahrtausende aufzuspüren und zu sammeln.
Virchow geht wissenschaftlich an diese Fragen heran. Er will wissen, woher der Mensch stammt. Die in der Medizin gültigen Wissenschaftsprinzipien überträgt er auf die Altertumsforschung und wird somit zum eigentlichen Begründer der modernen Ur- und Frühgeschichte in Deutschland. Der Arzt und Politiker, der sich sein historisches Wissen selbst erarbeitet hat, legt das entscheidende Fundament für den Aufbau der Vergangenheitsforschung. 1869 gründet er die „Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“. Er prägt den Begriff der Lausitzer Kultur (bronzezeitliche Kultur in Mitteleuropa 1300 bis 500 vor Christus), begründet die Burgwallforschung und gräbt selbst in Deutschland und Polen.
Außerhalb Deutschlands gilt sein historisches Interesse Troja und dem Kaukasus. Er ist mit Heinrich Schliemann, dem Entdecker Trojas und Mykene, befreundet, den er überzeugen kann, die zahlreichen Troja-Funde in einem Berliner Museum auszustellen. Schliemann und Virchow führen eine intensive Korrespondenz, in der sie sich gegenseitig sogar Tipps für sexuelle Potenz geben. Schliemann hat Angst, dass er den Ansprüchen seiner jungen Frau Sophia nicht genügen kann. Virchow gibt Schliemann folgenden Rat: „Aphrodisiaka sind sehr bedenkliche Mittel, die nicht leicht ohne Schaden angewendet werden. Vielleicht hat Bier (bayrisches), in mäßiger Menge genossen, eine gute Wirkung. Versuchen Sie es.“ Allerdings beendet eine Farce die Freundschaft zwischen dem bescheidenen Virchow und dem nach Anerkennung suchenden Schliemann. Wegen einer „falschen Sitzordnung“, bei der sich Heinrich Schliemann durch Virchows Verhalten zurückgesetzt fühlt, kündigt er die Verbindung auf.
Als Virchow auf der Bahnreise in den Osten ist, sind Schliemann und er noch Freunde. Nach zweitägiger Fahrt macht Virchow zunächst Station in der Ukraine, bis er Mitte September endlich im Kaukasus angekommen ist. Zwei Tage gräbt er das Gräberfeld von Koban aus und vergleicht seine Funde und Erkenntnisse mit denen anderer Forscher. Danach nimmt der deutsche Forscher an einer wissenschaftlichen Tagung teil, besucht Museen in Tiflis, führt Gespräche mit russischen und polnischen Ärzten und Forschern und sucht an den verschiedenen Stationen seiner 1.100 Kilometer langen Reise immer wieder nach Zeugnissen der Vergangenheit. Nach zwei Monaten macht er sich dann wieder per Bahn auf den Heimweg nach Berlin. Schon kurze Zeit nach seiner Rückkehr im Dezember 1881 hält er einen Vortrag über die Erkenntnisse seiner Reise. 1883 veröffentlicht er schließlich sein Buch „Das Gräberfeld von Koban“.
Weit über 1.800 Veröffentlichungen zu historischen, archäologischen und ethnologischen Fragen finden sich heute im Gesamtwerk Rudolf Virchows. Immer wieder äußert er sich auch zu aktuellen Fragen der Wissenschaft. Er macht sich stark für die Einteilung Steinzeit-Bronzezeit-Eisenzeit und diskutiert mit Schliemann die Bedeutung trojanischer Funde. Allerdings hat der kluge und sehr gebildete Mann nicht immer Recht, wie man heute weiß. Sein bekanntester Irrtum ist seine Haltung zur Neandertaler-frage. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ausgegrabenen Fossilien bei Düsseldorf stammten vom Vormenschen. Das findet bei Virchow aber eine andere Bewertung. Er untersucht die alten Knochen und stellt ihn als normalen Menschen mit Pathologien dar. Auf keinen Fall sei dies ein Vormensch.
Rudolf Virchow gehört trotz kleinerer Irrtümer zu den ganz Großen des 19. Jahrhunderts. Dieser Mann, der sein Handeln im Dienst seiner Mitmenschen sieht und voller Bescheidenheit ist, rettet durch seine Arbeit als Mediziner unzähligen Menschen das Leben. Als Stadtpolitiker sorgt er dafür, dass es menschenwürdige Verhältnisse auch für die Ärmsten der Armen geben müsse. Und als Reichstagsabgeordneter macht er sich zum Anwalt der Unterdrückten. Seine Leidenschaft und Liebe gilt der Altertumsforschung. Sein Antrieb ist es herauszufinden, woher der Mensch eigentlich stammt. Er sorgt dafür, dass die Erforschung der Vergangenheit zu einer systematischen Wissenschaft wird. Sein Werk wirkt bis heute fort. (fhm)

© Täglicher Anzeiger Holzminden