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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Schon früher hieß es: In Hellental sind alle steinreich

Rudolf Timmermann (links) und Dr. Klaus Weber mit dem Rest der Ofenschale, die von Dr. Christian Leiber rekonstruiert wurde (Zeichnung).

Hellental

(05.02.05). Es begann vor fünf Monaten. Rudolf Timmermann, Landwirt in Hellental, entdeckte auf seiner Wiese kleine Glasperlen. Zunächst machte er sich keine Gedanken darum, zeigte sie aber Jutta Graßhoff. Die ahnte sofort, dass damit eine kleine Sensation verbunden ist. Seit längerer Zeit arbeitet die Hellentalerin im Heimat- und Geschichtsverein für Heinade-Hellental-Merxhausen (HGV-HHM) mit und hat ein Auge für archäologische Funde entwickelt. Sie zeigte die Glasperlen Dr. Klaus Weber, der sich zusammen mit Christel Schulz-Weber daran machte, die Fundstelle abzugehen und nach weiteren Funden zu suchen.

„Und diese Suche war erfolgreich”, so Dr. Weber. Er fand kleine grüne und kobaltblaue Glastropfen. Dass hier etwas Bedeutendes zu finden ist, war Dr. Weber als Leiter des Arbeitskreises Hellental des HGV-HHM schnell bewusst. Kreisarchäologe Dr. Christian Leiber wurde gerufen und zusammen mit der Arbeitsgruppe wurde eine Kontrollbegehung über der Wiese von Rudolf Timmermann durchgeführt. „Ohne die Zusammenarbeit und das Verständnis von Rudolf Timmermann wäre das alles nicht möglich gewesen”, freute sich Dr. Weber. Die Begehung förderte weitere Funde und eine Tatsache zu Tage, mit der niemand gerechnet hatte. „Dass hier eine alte Glashütte zu vermuten ist, war schon klar, aber dass sie aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammt, ist mehr als bemerkenswert”, urteilte Dr. Leiber. Denn neben weiteren Glashüttenresten fanden die engagierten Historiker Keramikscherben, die eine zeitliche Zuordnung ermöglichten.
Noch bis vor kurzem hatte man geglaubt, dass der Hochsolling bis 1740 eine fast menschenleere, weg- und steglose Wildnis war. Aber jetzt weiß man, dass hier schon im Mittelalter die „heiße Kunst” der Glasherstellung betrieben wurde. Für diese Waldglashütten herrschten in der Region und besonders im Hellental hervorragende Voraussetzungen: große Holzvorräte, reiner weißer Sand und ausreichend Wasser. Üblicherweise bestand eine Waldglashütte aus einem Gebäude, in dessen Zentrum der mit Holz von unten beheizte Glasschmelzofen, der mehrere Meter große Hauptofen als Herz der Waldglashütte aus handgefertigtem Lehm und Ton-Schamott-Steinen errichtet wurde. Um den Schmelzofen herum wurden mehr oder minder notdürftig Wohngebäude angeordnet, Wirtschaftsgebäude und Stallungen kamen hinzu. Die Blütezeit der Waldglashütten lag im 16. und 17. Jahrhundert.
Heinrich Seitz, ebenfalls mit viel Einsatz bei der Arbeitsgruppe Hellental dabei, erinnerte sich ebenso wie Rudolf Timmermann daran, dass schon früher bei Pflugarbeiten solche Funde gemacht wurden. „Aber das konnte niemand einordnen”, berichteten sie. „Schon früher hieß es: In Hellental sind alle steinreich.” Die gefundenen Glastropfen sind kleine mit Glasschmelze überzogene Steine, die bei der Glasproduktion anfielen. Die Scherben deuten auf Keramiken und Ofenschalen hin. Auch die dunkle Verfärbung des Bodens und die Holzkohlenfragmennte sind klare Zeichen für die Nutzung als Glashütte hin, so Dr. Klaus Weber. Zu den aktiven Mitstreitern der Arbeitsgruppe Hellental gehören neben Dr. Klaus Weber Wolfgang Schmidt, Barbara Michein und Gerhard Ross, die zusammen mit Christel Schulz-Weber, Heinrich Seitz und Jutta Graßhoff Hellentals Geschichte festhalten.
Für Dr. Christian Leiber sind die Funde in Hellental nicht nur Licht in das Dunkel der Geschichte. Sie stellen auch eine Chance dar. „Wir sollten die regionalen Traditionen nutzen, um mehr für den Landkreis Holzminden zu werben”, so der Kreisarchäologe. Man sollte die Glasmacherdörfer miteinander vernetzen und konzentriert für den Tourismus nutzen. Außerdem sollten die Funde auf jeden Fall ausgestellt, schlägt Dr. Leiber vor. Man könnte das unter dem Motto „Das gläserne Herz Niedersachsens” vermarkten und so die Glasorte im Hils, in der Hilsmulde, im Vogler und im Solling präsentieren. Auch Dr. Weber unterstützt diese Ideen. „Es ist gut, vor Ort einen Kreisarchäologen zu haben, der schnell und kompetent reagiert.” Sonst sei man überhaupt nicht in der Lage, die eigene Geschichte aufzuarbeiten und daraus sogar noch Kapital für den Tourismus zu schlagen. Auch in Zeiten knapper kommunaler Kassen beweise die archäologische Denkmalpflege des Landkreises, dass man direkten Nutzen daraus ziehen könne.
„Manchmal kommt dann auch noch der Zufall hinzu”, erzählte Dr. Weber. Als die Arbeitsgruppe zusammen mit Dr. Leiber die Begehung und weitere Sichtung von Funden vornahm, beobachteten Hellentaler Kinder das Treiben der Vergangenheitsforscher. „Was macht Ihr da?”, fragten sie und bekamen schnelle und umfassende Auskunft. „Dürfen wir mitsuchen”, baten sie und schlossen sich den Archäologen an. Und diese Kinder brachten einen weiteren Fund an Tageslicht. „Es wurde Flint- und Klingenmaterial aus dem Mesolithikum, aus der Zeit zwischen 8.000 und 5.000 vor Christus gefunden”, erläuterte Dr. Leiber. „Es handelt sich um die Hinterlassenschaften eines Jägerrastplatzes aus der Steinzeit. Ein solches Zeugnis im Solling zu finden, sei eine absolute Seltenheit. „Die Menschen haben auf der Jagd hier Rast gemacht, neue Klingen aus Stein geschlagen, die Beute bearbeitet und gegessen.”
Für die Arbeitsgruppe Hellental sind die Funde ein riesiger Ansporn, weiterzumachen und die Vergangenheit ihres erst im 18. Jahrhundert gegründeten Ortes zu erkunden. Obwohl es Hellental als Dorf erst seit weniger als drei Jahrhunderten gibt, ist das Hellental an sich eine geschichtsträchtige Region. Reich an Vergangenheit und „reich an Steinen”, wie man in Hellental zu sagen pflegt (fhm).

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