Stadtoldendorf (08.12.01). Heute möchte der TAH den Stadtoldendorfern ein ganz besonderes (Weihnachts-)Geschenk machen. Ein "großer Sohn der Stadt", der weltweit oder zumindest in ganz Deutschland bekannt ist, fehlt ihnen ja bis heute. Und einen solchen "Sohn" kann die Heimatzeitung nun - kurz vor Weihnachten - präsentieren! Wilhelm Mönkemeyer lautet sein Name. Nein, das soll kein Witz sein. Mönkemeyer (1862 - 1938) ist einer der bedeutendsten Bryologen im deutschsprachigen Raum, Bryologen in aller Welt arbeiten noch heute auf der Basis seiner Entdeckungen. Und dieser bedeutende Mann wurde in Stadtoldendorf geboren!
Bevor die Leser im Lexikon nachschlagen, soll das Geheimnis gelüftet werden: Bryologen sind Moosforscher! "Dafür interessiert sich doch niemand", werden einige Stadtoldendorfer jetzt einwenden. Nun ja, besonders populär ist dieser Zweig der Botanik vielleicht nicht. Andererseits umfasst das "Lexikon deutschsprachiger Bryologen" immerhin fast 700 Seiten!
Dieser dicke Wälzer ist auch die Quelle der Entdeckung des bedeutenden Stadtoldendorfers. Und der TAH will sich hier keinesfalls mit "fremden Federn" schmücken - das "Lexikon Deutschsprachiger Bryologen" gehört nicht zur Standardlektüre der Redakteure. Vielmehr war es Dieter Koenig aus Holenberg, der die Zeitung auf Mönkemeyer aufmerksam machte. Und der wiederum war von Jens Eggers, einem Studienfreund aus Hamburg, um Hilfe gebeten worden.
Der pensionierte Soziologe Eggers war und ist begeisterter Naturkundler, "versiert in Moosen und Flechten", wie Koenig erzählt. Das Lexikon deutschsprachiger Bryologen, 1995 von Jan-Peter Frahm herausgegeben, war ihm ein Begriff. Dann lernte er Frahm persönlich kennen - und gemeinsam gingen sie daran, die zweite Auflage des Nachschlagewerks zu erarbeiten. Schon die erste Fassung war sehr umfangreich, doch durch die Gemeinschaftsarbeit konnte das Lexikon stark erweitert werden. 1.335 Sammler, Forscher und Lehrer aus dem deutschsprachigen Raum Mitteleuropas sind darin zu finden.
Besonders Eggers setzte großen Ehrgeiz daran, die Biographien der Bryologen möglichst ausführlich darzustellen. Als er bei "M" wie Mönkemeyer ankam, stieß er auf "Stadtoldendorf". Er erinnerte sich an seinen Studienfreund Koenig, der viele Jahre im Forstamt der Homburgstadt tätig war. Vielleicht könnte der Freund ja etwas mehr über Wilhelm Mönkemeyer und seine Herkunft heraus bekommen.
In alten Kirchenbüchern wurde Koenig fündig - genauer gesagt unter der "Nummer 68 des Kirchenbuches 1860 - 1874 von Stadtoldendorf". So konnte er das bis dahin nicht bekannte Geburtsdatum des Moosforschers beisteuern: 24. Dezember 1862. Dass Mönkemeyer der Sohn eines Leinewebers war, so wie es jetzt im Lexikon steht, fehlte in der ersten Auflage ebenfalls. Interessant sind aber auch die weiteren Angaben aus den Kirchenbüchern, die Eggers allerdings nicht verwendete.
Geboren wurde der spätere Botaniker als Adolph August Wilhelm. Seine Mutter war Dorette Karoline Friederike Flagge, "Tochter der unverehelichten Louise Flagge hieselbst". Und auch Wilhelm Mönkemeyer wurde als uneheliches Kind geboren. Zwei Jahre später bekam der kleine Wilhelm einen Vater: "Der wohlbekannte hiesige Bürger und Leineweber Johann Heinrich Friedrich Wilhelm Mönkemeier" erklärte sich "freiwillig als Vater des unter Nummer 68 aufgeführten Kindes". "Die Namen des geständlichen Vaters sind gehörig dokumentiert", steht auch noch im Kirchenbuch. Der Nachname schrieb sich damals mit "i", später benutzte Wilhelm Mönkemeyer das "y" .
Nachfahren des Bryologen konnte Koenig in Stadtoldendorf nicht auftreiben. Dabei ist Mönkemeyer (ob nun mit "i" oder "y") ja kein seltener Name im Kreis Holzminden. Vielleicht tauchen ja jetzt noch Verwandte auf, nachdem sie erfahren haben, welch bedeutenden Vorfahren sie haben.
Was hat der aber so Besonderes gemacht? Eine ganze Menge eigentlich, wenn man im Lexikon nachliest. So hat er schon als junger Mann 1884/85 Westafrika bereist und an der Kongomündung Plantagen angelegt. In Nigeria, Fernando Poo und Gabun hat er Moose gesammelt - und neue entdeckt. Die wurden sogar nach ihm benannt und tragen so wunderschöne Bezeichnungen wie "Microdus moenkemeyeri" oder "Pilotrichella moenkemeyeri". Es gibt sogar eine Moos-Gattung namens "Moenkemeyera".
Ab 1887 war Mönkemeyer dann als Obergehilfe am Botanischen Garten Göttingen tätig, 1889 wurde er Garteninspektor am Botanischen Garten in Leipzig - bis 1928 hatte er diese Funktion inne. Bekannt ist noch, dass er die Ton- und Sandgruben der Umgebung Leipzigs regelmäßig und gründlich bryologisch untersuchte. Er soll auf diesen Exkursionen stets reichlich Material eingesteckt haben, "um immer genügend Proben für andere Liebhaber zu besitzen" - auch davon ist im Lexikon zu lesen.
Sein Laubmoos-Herbar soll besonders schön gewesen sein, noch zu seinen Lebzeiten wurde es an das Botanische Institut in Hamburg verkauft. 1938 ist Mönkemeyer in Leipzig gestorben.
Für folgende Generationen von Bryologen hat er sich vor allem mit einem Buch unvergesslich gemacht: Die "Laubmoose Europas" sind bis auf den heutigen Tag eines der beliebtesten und besten Bestimmungsbücher geblieben.
Und so ein Mann stammt aus Stadtoldendorf! Als "großer Sohn der Stadt" eignet er sich doch durchaus. Mal sehen, was die Stadtväter und -mütter aus dieser Neuigkeit machen...(rei)