Amelungsborn (21.12.07). „Sicherheit geht vor Sentimentalität”, sagt Eckhard Gorka. Das Bedauern ist dem Abt des Klosters Amelungsborn anzumerken, als das Schauspiel hoch über den Köpfen der Zuschauer beginnt. Auch Altabt Dr. Christian Drömann, der vor Gorka viele Jahre in Amelungsborn gewirkt hat, ist dabei. Beide sehen mit an, wie sich die graue Kuppel der Klosterkirche allmählich in die Lüfte hebt. Ganz sanft bewegt der schwere Autokran die drei Tonnen schwere Ladung am Haken. Ebenso vorsichtig setzt der Kranfahrer die drei Meter hohe Turmspitze neben der Klosterkiche ab. Und am Boden werden erst die Ausmaße deutlich, die die sonst so klein wirkende Kuppel tatsächlich hat. Noch extremer ist das Größenverhältnis beim zweiten Teil der spektakulären Aktion. Der untere Teil der Kuppel, diesmal sieben Meter hoch und 20 Tonnen schwer, schwebt ebenso vorsichtig wie die Turmspitze zu Boden. Der Autokran kommt scheinbar mühelos damit zurecht, ebenso der Kranfahrer, der mit viel Fingerspitzengefühl und manchmal sogar ohne Sichtkontakt die barocke Ladung zielsicher steuert. Ähnlich ergeht es den Glocken im Turm. Auch sie werden von ihrem angestammten Platz einige Meter tiefer verfrachtet. Das Geläut wird schließlich innerhalb der Kirche eingelagert. Die Kuppel fehlt uns also auch nachts, weil wir keine Glocken mehr schlagen hören“, meint Gorka. Zwischendurch darf er ein gut gehütetes Geheimnis lüften: In der Goldenen Kugel an der Turmspitze wurden nach der letzten Sanierung 1973 Dokumente eingelassen, die der Abt nun wieder ans Tageslicht holt.
Gut zwei Stunden dauert die ganze Aktion, die 300 Jahre alte charakteristische Silhouette der Klosterkirche hat sich danach dramatisch verändert. „Ein herber Eingriff in das äußere Erscheinungsbild“, weiß Eckhard Gorka, „aber an der Notwendigkeit des Abbaus gibt es keinen Zweifel.“
Sachverständige haben Gefahr signalisiert, weil drei der vier mächtigen Pfeiler in der Kirche das auf ihr lastende Gewicht nicht mehr tragen können (der TAH berichtete). Ein statischer Fehler, der seine Ursprünge schon beim Bau der bleiverkleideten Turmhaube im 17. Jahrhundert hat. Durch Messungen mit Ultraschall, Radar und sogar Endoskopie haben die Experten festgestellt, dass drei der so mächtig wirkenden Vierungspfeiler gar nicht massiv durchgemauert, sondern innen nur mit losem Gestein aufgefüllt sind. Das bedeutet, die 350 Tonnen Gewicht, die jede Säule tragen muss, lastet nur auf der äußeren Hülle der Pfeiler. Zu viel, wie sich inzwischen mittels Messmarken gezeigt hat. Um 18 Zentimeter hatten sich Pfeiler und Turmhaube an einer Stelle schon geneigt. Daher der dringende Handlungsbedarf, um schlimmere Folgeschäden zu verhindern. Anfangs war nur ein Pfeiler auffällig geworden, weil sich Risse in den Fugen zeigten. Er wurde mit einer Stahlummantelung versehen, die eine weitere Spreizung verhindern soll. Inzwischen sind aber auch zwei weitere Pfeiler, die das gleiche Bauprofil haben, mit Stahlbändern ummantelt. So ist die 872 Jahre alte Klosterkirche zur Großbaustelle geworden. Die drei Pfeiler müssen nun „unter Volllast“ neu aufgemauert werden. Ein schwieriges Unterfangen, für das mehrere Monate Zeit eingeplant sind.
Die Kosten für die Notsicherung und das vorläufig wetterfest verschlossene Dach trägt die Landeskirche. Ungeklärt ist aber, ob und wann die Klosterkirche eine neue Kuppel bekommen wird.
Geplant ist, dass die Kirchengemeinde zu Ostern 2008 hier wieder Gottesdienste feiern kann. Bis dahin ist die Kirche geschlossen, die Kirchengemeinde Amelungsborn weicht in die St. Gangolf-Kirche in Golmbach aus - auch zu Weihnachten. Pastor Wolfgang Bartram bittet dafür um Verständnis und verweist auf den aktuellen Gottesdienstplan im Internet unter www.kloster Amelungsborn.de. Fotos vom Abbau der Turmhaube auch unter www.tah.de (nig)







