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Sonntag, 5. Februar 2012




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„Sie lärmen, pfeifen, rauchen, tanzen und spucken überall hin“

Dr. Günter Tiggesbäumker (links) und Herzog Viktor stellten das Buch vor. Foto: fhm

Höxter (17.04.2010). „Alles hat mit einem Weihnachtsgeschenk meiner Schwiegermutter begonnen“, erzählt Herzog Viktor von Ratibor. 2001 schenkt Renate von Wohlgemuth ihrem Schwiegersohn eine Postkartensammlung, die sie im Auktionshaus Dorotheum in Wien ersteigert hatte. „Das einzige Motiv war Corvey.“ 350 alte Postkarten umfasste die Sammlung, die für Herzog Viktor den Beginn einer Sammelleidenschaft darstellt. „Es ist der Grundstock meiner Sammlung.“ Seitdem sind viele Karten hinzugekommen, meist durch Internet-Auktionen.
Angesteckt von dieser Leidenschaft wurde auch der Bibliothekar der Fürstlichen Bibliothek, Dr. Günter Tiggesbäumker, der immer wieder den Herzog mit ebenfalls ersteigerten Karten versorgte. Gemeinsam entstand bei beiden die Idee, ein Buch mit den schönsten und interessantesten Postkarten zu veröffentlichen und dazu erläuternde Ausführungen zu machen. „Man bekommt einen interessanten Einblick in ein Corvey, wie es früher einmal war und es viele heute nicht mehr kennen“, so Herzog Viktor. „Viele der Fotos strahlen eine fast mystische Atmosphäre aus.“
Unterteilt ist das Buch nach den typischen Postkartenmotiven, die zwischen 1860 und 1960 vorherrschend waren. Hauptmotiv, so erklärt Dr. Tiggesbäumker, war die Gesamtansicht von der Weserseite mit der Eisenbahnbrücke. „Die Brücke, die 1865 eingeweiht wurde, war damals als vierbogige Brücke eine technische Sensation.“ Weitere Motive sind der Eingangsbereich von Corvey, Ansichten aus der Vogelperspektive, die Abteikirche mit dem Westwerk, Verschiedene Ansichten des Schlosses, die Sommerfrische „Dreizehnlinden“, Hoffmann von Fallersleben und die Fürstliche Bibliothek sowie das Innere der Abteikirche. Außerdem könne man auch den Stil der Zeit und dem Geschmack ablesen. So sind viele Karten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kolorierte Schwarz-Weiß-Bilder, bei denen allerdings nicht immer das ganze Bild mit Farbe versehen wurde.
Bestandteil des 100 Seiten starken Buches mit 90 meist fabriben Abbildungen ist eine lesenswerte Abhandlung von Günter Tiggesbäumker über den Fremdenverkehr in Corvey. So erfährt man dort, dass die Postkartenkultur erst mit dem aufsteigenden Corvey-Tourismus begann. „Und der Tourismus kam mit der Eisenbahn“, weiß Dr. Tiggesbäumker. Aus Hannover, Kreiensen, Holzminden und Bad Driburg kamen viele Gäste. Nicht alle, so der Bibliothekar, seien allerdings über diesen Ansturm – bis zu 70.000 Besucher pro Jahr wurden im 19. Jahrhundert gezählt – waren erfreut über diesen Andrang. Tiggesbäumkers Vorgänger, Hoffmann von Fallersleben, der damals im Schloss wohnte, beschwerte sich mehrmals schriftlich beim Herzog von Ratibor über die Besucher. Er bat darum, zumindest die Fremden aus dem Schloss nur beschränkt ins Schloss zu lassen. „Es gibt Tage, an denen scharenweise das Volk ins Schloß strömt. Sie tun so, als ob sie in einer Bauernkneipe wären, sie lärmen, singen, pfeifen, rauchen, tanzen, gucken durch alle Schlüssellöcher, dringen sogar in die Wohnstuben und spucken überall hin“, klagt der Dichter des Deutschlandliedes in einem Brief an den Herzog.
Neben den zahlreichen Touristen kamen allerdings auch andere Gäste nach Corvey, die entweder die adeligen Herrschaften besuchen wollten, das Gespräch mit Hoffmann von Fallersleben wünschten oder die 74.000 Bücher starke Bibliothek nutzen wollten. Über diese teilweise illustren Besucher geben Gästebücher Auskunft, die heute noch in der Bibliothek aufbewahrt werden. Neben dem Hochadel der damaligen Zeit finden sich Reichstagsabgeordnete, Dichter wie Anette von Droste-Hülshoff und Wilhelm Busch und sogar auswärtige Besucher aus den USA und Kuba in den Gästebüchern.
Das Buch mit den Postkartenmotiven „Schloss Corvey“ ist jetzt erschienen und kann entweder im Buchhandel erworben oder per Telefon (05271/68119) bestellt werden. (fhm)

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