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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Solch kostbare Werke, die sich in keiner Bibliothek wiederfinden

Corvey (19.05.01). "Diese einmalige Bibliothek soll nicht nur für die Nachwelt erhalten bleiben, sondern für jeden Interessierten zugänglich sein." Dr. Günter Tiggesbäumker weiß wovon er spricht. Denn so gut wie er kennt sich kaum jemand in der Fürstlichen Bibliothek zu Corvey aus. Er gehört zum Corvey-Institut der Uni Paderborn, das die Bibliothek betreut. 74.000 Bände befinden sich hier in den ehrwürdigen Mauern des Barockschlosses, die im Rahmen eines einzigartigen Projektes für die Nachwelt erhalten werden sollen. Seit 1985 wird jedes Buch katalogisiert und zunächst auf Microfiche und später im Computer abgespeichert.

Mit Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen und der Universität Paderborn werden Mittel und Technik dafür bereitgestellt. Zunächst, so berichtet Günter Tiggesbäumker, wurden alle Bände durchgesehen und in einem Katalog festgehalten. "Somit ist zunächst schriftlich fixiert, welche Bücher überhaupt in der Bibliothek vorhanden sind."
Im zweiten Schritt wurde jedes Buch per Hand auf sogenannten "Microfiche-Medien" festgehalten. Diese kleinen Negativfilme können in Bibliotheken von Lesegeräten benutzt werden und somit den Text zugänglich machen. Insgesamt 60.000 Microfiche liegen inzwischen vor, auf denen 12 Millionen Buchseiten zu finden sind. Das sind die Hälfte aller Bücher in Corvey.
Moderne Scan-Technik
Seit einiger Zeit arbeitet das Corvey-Institut mit einem modernen Scanner. Allein dieses Gerät hat 150.000 Mark gekostet. Zusätzlich verfügt das Institut über einen Jahresetat von 40.000 Mark, um die Digitalisierung voran zu treiben. Eine studentische Hilfskraft sitzt mehrere Stunden pro Tag an diesem Computer, schlägt Seite für Seite um und speichert sie einzeln als Bilddatei ab. "Das Schöne an dieser Scanner-Technik ist, dass die Bücher nicht mehr platt gedrückt werden müssen und auch die Finger mit eingescannt werden können", erläutert der Geisteswissenschaftler. "Der Computer rechnet die Wölbungen und Rundungen heraus, somit wird das Buch am Buchrücken nicht beschädigt." Günter Tiggesbäumker geht sehr vorsichtig mit den wertvollen Büchern der Corveyer Bibliothek um. Normalerweise kümmert sich der bekannte Literaturwissenschaftler um die wissenschaftliche Auswertung der Bände, aber einmal im Jahr "lege ich selbst Hand an".
Jedes Jahr im Frühjahr werden die Bücher aus den Schränken geholt, abgestaubt und wieder einsortiert. "Wenn ich dann bei geöffnetem Fenster sachte mit dem Pinsel die Bücher vom Staub befreie und die frische Frühlingsluft genieße, macht mir meine Arbeit besondere Freude." In der Fachwelt konnte Dr. Tiggesbäumker schon mit vielen Veröffentlichungen für Aufsehen sorgen. Im "Corvey-Journal" werden verloren geglaubte Schriften wieder vorgestellt und zudem lang verschollene Bücher wieder aufgelegt.
"Wenn ich die vielen Schränke durchsuche, stoße ich manchmal auch auf Absonderliches", berichtet Dr. Tiggesbäumker. So entdeckte er vor einiger Zeit eine Schreibfeder, mit der sich der Preußenkönig Wilhelm ins Gästebuch eingetragen hatte und die der Corveyer Bibliothekar Hoffmann von Fallersleben für die Nachwelt aufbewahrte.
Anfänge im 19. Jahrhundert
Die Anfänge der Corveyer Bibliothek liegen beim Landgrafen Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg, der bis zu seinem Tod im Jahr 1834 Herr von Corvey war. Sein Nachfolger, Herzog Viktor begründete als erster Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey das heutige Fürstliche Haus, in dessen Besitz sich Corvey und die Bibliothek befinden. Für Aufsehen sorgte die Bibliothek, als 1860 August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der Dichter des Deutschlandliedes, als Bibliothekar nach Corvey berufen wurde. 14 Jahre lang kümmerte sich Hoffmann von Fallersleben darum, dass die Sammlung, die bis dato nur Unterhaltungsliteratur enthielt, durch wertvolle Prachtbände, literarische Unikate und wissenschaftliche Werke aufgefüllt wurde. Er wolle "solch kostbare Werke erwerben, die sich in keiner Bibliothek Deutschlands wiederfinden", wird sein Vorhaben überliefert. Fallersleben starb am 19. Januar 1874 und wurde auf dem Corveyer Friedhof begraben.
Hoffmann von Fallersleben hatte 1860 mit Zettelkästen als Inventarverzeichnis der Bibliothek begonnen, seit 1999 liegt endlich ein kompletter Katalog vor. Auch die Digitalisierung, das Abspeichern aller Buchseiten im Computer, soll bis Ende 2002 weiter gehen, erzählt Dr. Günter Tiggesbäumker.
Bis dahin müssen allerdings noch viele Seiten aufgeschlagen werden, damit sie nicht dem Vergessen anheim fallen. Es wartet noch viel Arbeit auf das Corvey-Institut und seine Mitarbeiter. (fhm)

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