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Sonntag, 5. Februar 2012




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Stadtbaurat Scherman – Geburtstag im Ghetto Theresienstadt

Im April 1965 wurde dem Stadtbaurat a. D. Leopold Scherman das Ehrenbürgerrecht der Stadt Holzminden verliehen. Bürgermeister Bruno Brandes (links) und Stadtdirektor Paul Kretschmer überbrachten die Urkunde. Foto: Stadtarchiv

Holzminden (24.04.2010). Von seiner Geburt her war er Jude, als junger Mann aber war er evangelischer Christ geworden. Leopold Scherman wurde am 25. April 1875 im polnischen Lowicz geboren, verbrachte aber seine Jugendzeit in Dresden. Den Weg zum Architekten hatten ihm eine anhaltische Bauschule, die TH Darmstadt und Stuttgart sowie Studien in München eröffnet. Am Ende des Wehrdienstes in einem bayerischen Artillerieregiment war er Leutnant, bei den Bayern lag er auch im Ersten Weltkrieg drei Jahre lang an der Front und kehrte als Hauptmann mit dem EK I zurück.
Als er 1901 als Lehrer in der „Baugewerkschule“ den ersten Kontakt zu Holzminden bekam, hatte er selbst bereits in Darmstadt unterrichtet. Er sammelte Erfahrungen in Aufgaben der städtischen Bauverwaltung unter anderem in Brandenburg und Scwiebus, bevor ihn die Holzmindener im Herbst 1905 zu ihrem Stadtbaumeister, später zum Baurat machten.
Für den „Juden“ endete die Berufung „auf Lebenszeit“ im Dezember 1935 mit der Zwangspensionierung. Der Einsatz im Ersten Weltkrieg kann ihn bis dahin vor dem Rauswurf aus dem geliebten Beruf bewahrt haben. Die herrschenden NS-Ideologen hätten auch ihn nach 1941 in den Tod geschickt. Doch davor bewahrte ihn die 1906 geschlossene Ehe mit einer tapferen Frau: Franziska Scherman, geborene Zilz, eine Nichtjüdin oder „Arierin“. Sie konnte aber nicht verhindern, dass der beliebte Baurat ab 1941 den diffamierenden „Judenstern“ in den Straßen der Stadt tragen musste.
Die jüngere Tochter Anneliese, „Rassenmerkmal Mischling 1. Grades“, hatte einen anderen „Halbjuden“ geheiratet und überlebte die Verfolgungszeit. Ellen, die ältere Tochter, aber war die Ehe mit einem „Volljuden“, wenn auch katholischen Glaubens, eingegangen. Beiden brachte die Deportation nach Warschau den Tod. Den Behörden lieferte diese Ehe ein Argument, Baurat Scherman den „Stern“ tragen zu lassen.
Um den 18. Februar 1945 verschleppt die Gestapo fast alle Juden, die bislang noch in „Mischehen“ geschützt waren, in das Ghetto Theresienstadt – auch Leopold Scherman. Der Krieg ist längst verloren, am 8. Mai werden die deutschen Truppen kapitulieren.
In Theresienstadt trifft der Baurat das bis dahin überlebende Ehepaar Feldheim aus Holzminden, aber auch den befreundeten Günther Brandy. Er war bis 1934 Direktor des Braunschweigischen Landbundes in Holzminden. Auch Brandy, Christ jüdischer Abstammung wie Scherman, hatte eine nichtjüdische Ehefrau bis 1945 vor der Deportation beschützt.
Im Lager findet sich am 25. April 1945 eine Gruppe von Freunden zusammen: Sie begehen Leopold Schermans 70. Geburtstag. Die Hoffnung auf Befreiung muss in den letzten Wochen stark gewachsen sein. Sieben Tage später wird die deutsche SS die Stadt einem Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes übergeben, am 8. Mai steht die russische Armee vor dem Lager.
Eine sehr bewegende Rede Günther Brandys auf seinen Leidensgenossen ist uns durch die Familie des Landbaudirektors überliefert. Zur Erinnerung an den Holzmindener Stadtbaurat wird sie hier in wesentlichen Teilen wiedergegeben:
„Liebwerter Schermann!
.... Du ersiehst daraus, ..... welche Hochachtung, Verehrung und Freundschaft Du Dir in den 2 Monaten, die wir heute gerade in Theresienstadt sind, erworben hast. Mit wie viel inniger Liebe aber hängen diejenigen an Dir, die Du in der Heimat zurücklassen musstest, als man Dich zwangsweise wegholte und hierher verschleppte. - .... 14 Jahre konnten wir an der schönen Weser gemeinsam wirken. In dieser Zeit habe ich Deine liebe, verehrte Frau kennen und schätzen gelernt und sah Deine beiden Mädels aufwachsen. Daher fühle ich mich ermächtigt und weiß im Sinne der Deinen zu handeln, wenn ich Dir in ihrem Namen innigst gratuliere und den Segen des Allmächtigen für Dich erflehe. Möge er .... in seiner grossen Güte Euch auch die Tochter wieder zuführen, über deren Geschick Ihr nun schon über 2 Jahre im Unklaren seid. Ferner möchte ich auch Deine alten Freunde in Holzminden erwähnen, welche auch in der schwersten Zeit unbeirrbar und fest zu Dir gehalten habe[n]. Ich führe nur die Namen Kerschbaum, Haarmann, Axt und Itzenplitz an. Sie wollen sicher nicht in der Reihe der Gratulanten fehlen. Auch der [gemeint: den] Rat der Stadt mit seinen alten Stadträten und Stadtverordneten .... lass als Gratulanten an Deinen Augen vorbeiziehen. Nicht zu vergessen sind weiterhin Deine Kriegskameraden, als deren Batteriechef Du .... wegen Tapferkeit vor dem Feinde auch ausser der Reihe zum Hauptmann befördert bist. Ihnen warst Du nicht Vorgesetzter, sondern ein wahrer Vater und das zeigen jetzt die vielen Briefe und Besuche mit denen sie Dich erfreuen. Sogar ihre Kinder schicken sie als Übermittler ihrer Treue zu Dir. [Ins Ghetto!!] – Auch die vielen Freunde aus den Vereinen gedenken heute Deiner in Liebe. Wir .... stellen fest, dass Du bei Allen in hohem Ansehen standest und nirgends auch nur einen Feind hattest und h[ast.] Das ist ein grosses Verdienst, dass Du Dir durch deine Gottesfurcht, fast übermenschliche Güte, Hilfsbereitschaft und Treue selbst erworben hast, und heute bei Deinem Eintritt in das biblische Alter nimm deshalb aller[herzlichsten?] Dank hierfür entgegen.
Gott behüte und beschütze Dich fernerhin und gebe Dir nach baldiger Rückkehr in den Kreis der Deinen in deinem selbst erbauten Heim noch lange Jahre einen sonnigen, friedlichen Lebensabend. Glückauf.“
Mit den Worten von den „alten“ Stadtverordneten und -beamten meint Brandy sicher eher die der Weimarer Zeit. Es gab Zeitzeugen, die sich erinnerten, dass Leopold Scherman ab dem Zeitpunkt, als er den „Judenstern“ tragen musste, den Weg durch die Neue Straße vermied, damit ihn Freunde und Kollegen nicht mit dieser für ihn unerträglichen „Markierung“ sahen.
Von den mit Namen vorkommenden treuen Freunden führen mindestens drei in den Kreis der Chemiker der Firma Haarmann und Reimer, einer vielleicht in den Bereich der Kaufleute. Es scheint, dass sogar ein deutscher Soldat, wohl der angedeutete Sohn eines Kriegskameraden, in Uniform als Besucher nach Theresienstadt hineingelangt ist. Dass die Tochter Ellen und ihr Mann umgebracht waren, konnten erst die Jahre nach 1945 zur schlimmen Gewissheit werden lassen.
Alle, die von ihm sprachen, erwähnten die übergroße Güte des Baurats Scherman. Sie wird ihm geholfen haben, nach seiner Rückkehr auch mit den NS-Mitläufern und -Mittätern in der Stadt auszukommen.
Aus Anlass seines 90. Geburtstags ernannte der Rat der Stadt Holzminden Leopold Scherman zum Ehrenbürger. Seine Frau war ihm 1965 vorausgegangen. Er selbst starb am 11. September 1970 in Holzminden. Das Grab des Ehepaars auf dem Friedhof an der Allersheimer Straße soll erhalten bleiben. (Klaus Kieckbusch)

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