Landkreis Holzminden (07.03.09). Bambi, das Rehkitz, blickt bewundernd und scheu auf eine Gruppe prächtiger, großer Hirsche. Die Mutter deutet auf den größten: „Schau, Bambi, das ist dein Vater!“ Schon als kleines Kind war ich über diesen Spruch entrüstet: Bambi ist doch ein Reh, und der Vater kann kein Hirsch sein! Und doch ist es vielen von uns gar nicht so geläufig: Rehe (oder Rehwild) und Hirsche (oder Rotwild) sind zwei ganz unterschiedliche Arten mit unterschiedlichen Ansprüchen an Lebensraum, Nahrung und Zusammenleben. Das Reh ist sogar mit dem Elch oder dem Rentier näher verwandt als mit dem Rothirsch.
Schon der Körperbau des Rehs zeigt, dass es ideal an unterwuchs- und strukturreiches Gelände angepasst ist, das Hinterteil steht höher als die Schultern: Keilförmig schiebt es sich ohne Mühe in dichtes Gebüsch und verharrt bei Störungen im nahen Dickicht. Die Rechteckform des Hirsches zusammen mit dem oft ausladenden Geweih der männlichen Hirsche scheint den Rothirsch eher als ursprünglichen Bewohner offenerer Landschaften auszuweisen. Heutzutage lebt er in größeren Waldgebieten auch mit dichten Dickungen, wie bei uns im Solling, die ihm im Zuge der immer stärkeren Zersiedlung der Landschaft und der zunehmenden Beunruhigung noch verhältnismäßig ungestörte Einstände zum Ruhen und zur Zuflucht bieten. Ganz offensichtlich kommt der Hirsch mit den verschiedensten Lebensraumtypen klar und ist nicht streng an Offenland gebunden.
Unser Solling ist für Tiere schon etwas Besonderes: Leben hier doch so spektakuläre und seltene Arten wie Wildkatze, Schwarzstorch, Mausohrfledermaus oder auch der imposante Hirschkäfer. Sogar Luchs und Wolf scheint er zu gefallen. Die heimlichen Herrscher des Sollingwaldes sind neben den Wildschweinen jedoch die „Allerweltsarten“ Reh und Rothirsch.
Nicht nur im Körperbau, auch im Verhalten unterscheiden sich die beiden Arten deutlich: Rehe sind im Frühjahr und bis in den Sommer hinein eigenbrötlerisch: Die Böcke verteidigen Territorien gegen Konkurrenten und dulden nur weibliche Rehe und „nicht ernstzunehmende Halbstarke“. Auch die Ricken, die weiblichen Rehe, dulden in der Setzzeit keine andere Ricke und sind sogar gegen erwachsene Böcke unverträglich. In der Brunft wendet sich das Blatt wieder. Hirsche dagegen, bilden – mit Ausnahme der kurzen Phase des Setzens der Kälber – das ganze Jahr über Rudel. Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist dieses Verhalten im offeneren Wald-Wiesenkomplex vorteilhaft, da das Rotwild insbesondere in der Gruppe sicherer vor Feinden ist. Ein Pendant zur Rudelbildung der Hirsche sind die „Feldrehe“, die besonders im Winter ebenfalls große Gruppen, „Sprünge“, bilden können.
Wie kommen beide Arten in der Winterzeit, mit tiefen Temperaturen und langanhaltenden Kälteperioden, wie es sie in diesem Winter gab, zurecht? Im Winterhalbjahr haben es beide Arten im nassen oder oft schneereichen Solling nicht immer leicht. Die Nahrung wird knapp, und zu manchen Zeiten ist sie sogar unter einer verharschten Schneedecke kaum erreichbar.
Besonders das Rotwild und hier wiederum die Hirsche sind jedoch „hart im Nehmen“: Die Brunft ist spät im Jahr, im September. Die „Platzhirsche“, die ihre „Kahlwildrudel“, das sind die weiblichen Tiere, gegen Konkurrenten verteidigen müssen, verbrauchen enorme Mengen an Energie – andererseits nehmen sie in dieser Zeit kaum Nahrung auf. Nicht selten verendet ein derart geschwächter Hirsch dann doch im Winter. Aber auch das weibliche Rotwild ist durch die aufreibende Brunft geschwächt. Daher heißt es in den nächsten Monaten, sich so wenig wie möglich zu bewegen und Energie zu sparen.
In einer österreichischen Untersuchung hat man herausgefunden, dass Rotwild bei besonders kalten und schneereichen Witterungsperioden in eine kurzfristige tägliche Lethargie von rund acht bis neun Stunden verfällt, wobei die Körpertemperatur bis auf 15 Grad Celsius absinken kann und das Herz deutlich langsamer schlägt. Eine Energiesparstrategie, die an kurzen Winterschlaf erinnert und äußerst effektiv ist! Allerdings kommt die Energiesparstrategie erst als „letzte Möglichkeit“ zum Zuge, wenn gleichzeitig zu den niedrigen Umwelttemperaturen die Tiere auch kaum noch Nahrungs- und Fettreserven haben.
Rehe dagegen haben nach ihrer Brunft, die Mitte August „gelaufen“ ist, noch zusätzlich den gesamten September, um sich für den Winter bereit zu machen. Die jetzt angefressenen Fettreserven sind es auch, die den Böcken ab Oktober/November letztlich ein starkes Gehörn wachsen lassen.
Ältere Hirsche werfen ab Februar ihr Geweih ab, müssen also im nahrungsarmen Winter damit beginnen, neue „Stangen“ aufzubauen. Man könnte sich fragen, warum beginnt der energetisch so aufwändige Geweihaufbau in einer Zeit, in der jedes bisschen Energie für die Lebenserhaltung notwendig ist? Hierzu gibt es Vermutungen: In der Regel ist hohes Körpergewicht beim Hirsch mit starker Geweihbildung korreliert. Ein Hirsch, der es sich leisten kann, ein starkes Geweih auszubilden, obwohl Nahrung knapp ist, muss in einem sehr guten Fitnesszustand sein. Damit hat er gute Chancen, in der Brunft potenzielle Gegner zu vertreiben, sich ein großes Kahlwildrudel zu sichern und durch die Paarung mit vielen Weibchen seine Gene zu verbreiten.
Das Geweih dient jedoch auch noch einem anderen Zweck: Neben dem Calcium der Knochensubstanz werden auch Stoffwechselendprodukte, also Abfallstoffe, im Geweih abgelagert. Mit dem Abwerfen der Stangen entsorgt der Bock oder der Hirsch diese Stoffe auf elegante Art.
Wintersportler waren in diesem Winter im Solling gut bedient. Die Schneedecke lag fast zweieinhalb Monate. Aber auch Rehe und Hirsche dürften, obwohl es so schneereich war, nicht die schlechtesten Bedingungen gehabt haben. Die trockene Kälte, die diesen Winter überwog, machte den Tieren längst nicht so zu schaffen wie ein nasser, eher milder Winter. Feuchte Winter führen oft zu Infektionserkrankungen der Atemwege und schnell zum Tod.
Trotzdem: Freuen wir uns schon jetzt auf einen sonnigen und warmen Frühling, die Rehe und Hirsche tun es bestimmt auch! (Bärbel Pott-Dörfer/Karsten Dörfer)

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