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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Trauerfeier für tote Soldaten und „Stille Nacht, heilige Nacht“ im Wadi

Militärpfarrer Michael Rohde (links) im intensiven Gespräch mit einem Einsatzsoldaten. Foto: TAH

Höxter (21.05.2011). Es sind Bilder, die für immer im Kopf haften bleiben. Die Trauerfeier im Feldlager für drei getötete Bundeswehrsoldaten. Und dazu ein zweites Bild von einer Weihnachtsfeier in einem ausgetrockneten Flussbett unter dem Sternenhimmel Afghanistans. „Das sind die markantesten Erinnerungen, die ich an meine Einsatzzeit habe“, berichtet Dr. Michael Rohde. Der Militärpfarrer der Bundeswehr-Stützpunkte Holzminden und Höxter war vom 18. November des vergangenen Jahres bis 2. April im Auslandseinsatz bei der Bundeswehr. Es war eine unheimlich dichte und intensive Zeit für den Mann der Kirche.
Die Vorbereitung hatte für ihn schon Monate vorher begonnen. Wie alle Frauen und Männer, die für die Bundeswehr in den Einsatz gehen, machte Rohde das komplette Vorbereitungsprogramm mit. „Nur bei der Schießausbildung war ich nicht dabei.“ Denn Michael Rohde trägt als Militärpfarrer zwar einen Schutzanzug, aber keine Rangabzeichen. „Ich bin Zivilist, kein Soldat. Aber ich bin für die Soldaten da.“ Drei Einsatzorte warteten auf den Theologen, der seit drei Jahren bei der Bundeswehr als Seelsorger tätig ist und zuvor als Gemeindepfarrer in Bad Gandersheim gewirkt hatte: Der Bundeswehr-Stützpunkt Mazar-e-Sharif, das Flug- und Logistikzentrum Termiz in Usbekistan, der Außenposten „OP North“ und das Camp Mike Spann.
Im „OP North“ wollte Rohde im Februar eine Taufe vorbereiten. „Auch das gibt es im Auslandseinsatz.“ Er sei im Camp unterwegs gewesen. Plötzlich fielen Schüsse. „Ich habe erst gar nicht reagiert, weil dort öfters geschossen wird, etwa auf der Schießbahn zu Übungszwecken.“ Plötzlich sei Hektik aufgekommen. Sanitäter liefen durchs Lager, Hubschrauber der Amerikaner landeten, um Verletzte aufzunehmen, Posten riegelten das Lager ab. Ein afghanischer Soldat hatte seine Waffe auf deutsche Soldaten gerichtet, drei Männer erschossen und weitere verletzt. Nach einer Stunde war es wieder ruhig im Lager. Dann begann Rohdes Einsatz als Notfallseelsorger. „Ich bin dann zu den Soldaten gegangen, die alles direkt miterlebt haben und habe mich um sie gekümmert.“
Offiziere sorgten dafür, dass man den betroffenen Soldaten sofort beistehen konnte. „Wir haben miteinander gesprochen, in einem Zelt zusammengesessen und einfach geredet.“ Einige Soldaten weinten, anderen waren einfach erschüttert und sprachlos. Ein Soldat erzählte, wie er den Anschlag erlebt hat. Der afghanische Soldat habe plötzlich die Waffe hochgenommen, in seine Richtung gehalten und geschossen. „Die Kugel ist zehn Zentimeter an mir vorbeigegangen. Neben mir fiel dann mein Kamerad um.“ Das Reden sei sehr wichtig gewesen, erinnert sich der Militärpfarrer. Bei der Trauerfeier habe er für die toten Männer, die Angehörigen und auch für die Kameraden im Einsatz gebetet. Diese Bilder und Worte werde er nie vergessen.
Der Einsatz in Afghanistan zeigt sich in großen Gegensätzen. Einerseits der Tod von Menschen, mit denen man am Abend zuvor noch bei einem Tee zusammensaß und über die bevorstehende Rückkehr nach Deutschland sprach. Andererseits gibt es Erlebnisse, die einem ein ganz besonderes Gefühl gebracht haben. Heiligabend 2010 war Rohde mit deutschen und amerikanischen Soldaten in einem Außenposten in Nord-Afghanistan. Es sei für diese Jahreszeit relativ warm gewesen. Um 21.30 Uhr habe man sich beim Lager in einem ausgetrocknetem Flussbett, einem Wadi versammelt. „Wir haben gemeinsam ,Stille Nacht, heilige Nacht!’ gesungen. Deutsch und englisch gleichzeitig.“ Die Soldaten hatten den Gottesdienst trotz der unwirklichen Situation toll vorbereitet. „Das war intensiv und sehr schön. Alle haben gespürt, dass die Feier zur Geburt Jesu Christi etwas besonderes ist. Und allen war etwas klar, ohne dass wir es aussprechen mussten: Wir haben etwas, auf das wir uns verlassen können.“
Während seiner gesamten Einsatzzeit habe es ihn fasziniert, wie positiv und dankbar die Arbeit der Militärseelsorge auf- und angenommen wurde. Es gab viele Gespräche mit Soldaten, schöne Gottesdienste, es gab sogar klassische Gemeindearbeit und es existierte sogar ein kleiner Kirchenchor. Die Zusammenarbeit mit dem katholischen Militärpfarrer sei ebenfalls fruchtbar und kollegial gewesen. Sehr nachdenklich habe ihn gemacht, dass Soldaten etwas zur Sprache gebracht haben, über das bisher noch niemand geredet hatte. „Herr Pfarrer, ich habe getötet und ich komme damit nicht klar.“ Auf dieses Gefühl müsse man reagieren lernen und diese Menschen begleiten, ist Rohde überzeugt. Begleitung von der Militärseelsorge, von der Bundeswehr und von uns allen vom Staat, aus der Gesellschaft.
Als sein Heimflug in Richtung Deutschland immer näher kam, sei ihm bewusst geworden, wie schwer ihm der Abschied von den Männern und Frauen in Afghanistan fällt. Und auch das Wiedersehen mit seiner Familie habe ihn schon im Einsatzland beschäftigt. „Ich war total unsicher, was passiert, wenn ich nach Hause komme. Ich wollte auf keinen Fall eine Willkommensparty.“ Am Flughafen Köln sei er von seiner Frau und den beiden Jungs Justus und Constantin (sechs und drei Jahre) in Empfang genommen worden. Seine Söhne haben ihn umarmt und gleich erzählt, was alles im Kindergarten passiert ist, welche Erfahrungen sie gemacht hatten und bei wem sie zum Geburtstag eingeladen sind. „Mein gefühl war: Papa ist wieder da und mitten im normalen Leben. Das war einfach genial. Das hat mein Ankommen sehr erleichtert.“
Afghanistan hat bei Michael Rohde Spuren hinterlassen. Neben unvergesslichen Erinnerungen hat es seinen Horizont erweitert. „Ich schaue jetzt auf die Dinge viel differenzierter. Ich habe schöne und schlimme Sachen erlebt. Und ich habe in dieser intensiven Zeit gelernt, die Dinge nach ihrer Wichtigkeit zu befragen. Mein Wertesystem ist viel konzentrierter und dichter geworden.“ Die Zeit im Auslandseinsatz will Michael Rohde nicht missen. Jetzt betreut er wieder die Soldaten in Höxter und Holzminden. Aber der nächste Auslandseinsatz steht schon fest. „Und dann gehe ich wieder in den Einsatz. Ich weiß, was auf mich wartet und was ich tun kann.“ (fhm)

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