Corvey (12.01.08). Eigentlich hätte dieses Buch schon 1992 erscheinen sollen. Damals hatte Hilde Claussen, Denkmalpflegerin des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe, schon die Druckfahnen ihres neuen Werkes über „Wandmalereien und Stuck der Klosterkirche Corvey” vor sich liegen. Doch dann machte die Wissenschaftlerin bei einem weiteren Besuch in Corvey einen tollen Fund: Sie entdeckte Wandvorzeichnungen für sechs lebensgroße, über den Pfeilern in der Klosterkirche angebrachte Figuren aus Stuck. Diese Sinopien, so nennt man diese Vorzeichnungen für Figuren, waren zur Zeit der Karolinger (776 bis 911 nach Christus) bisher nur südlich der Alpen bekannt. Eine unglaubliche Entdeckung. (fhm) Hilde Claussen stoppte die Buchveröffentlichung, tauchte wieder in die Forschung ein und beschäftigte sich intensiv mit den neuen Erkenntnissen aus Corvey. 1996 fand zu diesen Funden sogar ein wissenschaftliches Kolloquium an der Universität Münster statt. Zusammen mit Professor Uwe Lobbedey, dem Experten für die Geschichte der Corveyer Abteikirche, setzte sie ihre Forschungen fort. Schon 1960 hatte man Stuckfragmente gefunden, die jetzt mit den Vorzeichnungen an der Chorwand exakt zusammenpassten. Insgesamt wurden von Hilde Claussen 36 Stuckfragmente festgestellt, die mit den Vorzeichnungen der Figuren perfekt übereinstimmen. Es war eine regelrechte Detektivarbeit, die von der bekannten Wissenschaftlerin geleistet wurde.
Seit dieser Entdeckung steht fest, dass im Westwerk der Abteikirche Corvey sechs Figuren genau in dem Bereich standen, in dem sich Kaiser und Könige aufhielten. Das Westwerk ist das einzige Bauwerk, was aus der karolingischen Anfangszeit von Corvey heute noch zu bewundern ist. Rätselhaft bleibt allerdings, ob die Figuren Heilige oder Herrscher darstellten. Im gleichen Raum wurden auch Wandmalereien gefunden, die Szenen aus Homers Odyssee darstellen, den Kampf des Odysseus mit dem Meeresungeheuer Skylla. Diese Art der Darstellung heidnischer Geschichten in christlichen Kirchen des Mittelalters ist zwar sehr selten, aber nicht einzigartig.
Die Forschungsarbeit von Hilde Claussen umfasste schließlich 100 Ordner mit Dokumenten, tausende Fotos und Zeichnungen und zahllose Kisten mit Funden, darunter kleine und kleinste Fragmente der Malereien, Ornamente und Stuckfiguren der Abteikirche. Sie selbst hat nach ihrem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2002 das Buch nicht mehr vollendet. Die Kunsthistorikerin Dr. Anna Skriver übernahm die Forschungsarbeit und schließlich auch die Vollendung des Buches von Hilde Claussen. Insgesamt 540 Seiten mit 780 Abbildungen umfasst das Werk, das vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe herausgegeben wurde und beim Verlag Philipp von Zabern erschienen ist. So unglaublich das klingen mag, dieses kunstgeschichtliche Buch ist oftmals ein spannendes, manchmal kriminalistisches Werk. Denn Hilde Claussen und Anna Skriver schaffen es mit der Unterstützung einiger Gast-Autoren wie Uwe Lobbedey, Gerald Großheim, Günther Goege, Hermann Kühn und Gerhard Drescher, eine Reise in eine Zeit zu unternehmen, die gerade für die Weserregion eine bedeutende und sehr wichtige Zeit war.Es gibt wenige Quellen über die ersten Jahrzehnte des Klosters Corvey, das zu Beginn des 9. Jahrhunderts bei Höxter gegründet wurde und sich schnell zum bedeutendsten Kloster in Norddeutschland entwickelte. Wir wissen nicht, wie es damals aussah, wie die Ausstattung war, aber wir wissen, dass Corvey vom 9. bis 13. Jahrhundert ein politisches, wirtschaftliches, kulturelles und kirchliches Machtzentrum war. Wer als Leser des Werkes von Hilde Claussen und Anna Skriver die einleitenden Aufsätze über Geschichte, Wirkung und Quellen erfasst, der bekommt eine Ahnung von der Bedeutung dieses Klosters und spürt, wie sehr das gesamte Weserbergland in dieser Zeit eine zentrale Region Europas war.
Das Werk der beiden Autorinnen gliedert sich in fünf Teile: ein Überblick über Geschichte und Architektur der Klosterkirche Corvey, die ausführliche Darstellung der bei Grabungen festgestellten Wandmalereien, die Bearbeitung und Interpretation der Wandmalereien im Westwerk, die aufregenden Funde der Sinopien und Stuckfiguren im Westwerk sowie ein Schlusskapitel mit Rekonstruktionszeichnungen und (so genau arbeiten die Autorinnen) zusätzlich mit Untersuchungen der in der Kirche verwendeten Mörtelarten. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet dieses große Werk ab.
Zum ersten Mal bekommt man eine Ahnung, wie bunt und schön die Corveyer Abteikirche vor über 1.000 Jahren gewesen sein muss. Die Hinweise auf die große und mit Figuren versehene Ausstattung lassen Rückschlüsse auf Bedeutung und Rang des Klosters zu. Weiterhin wird dem Leser bewusst, wie einzigartig und großartig das Kloster Corvey diese Region beeinflusst hat. Heute gibt es die Chance, diese herausragende Stellung wieder nach außen zu dokumentieren und damit ein neues Stück Selbstbewusstsein an die Weser zu holen. Derzeit wird der Antrag vorbereitet, Corvey als Weltkulturerbe anzuerkennen und damit die Einzigartigkeit zu „zertifizieren“. In einer Reihe mit den Pyramiden von Giseh, der Akropolis in Athen oder Stonehenge könnte Corvey Zeugnis dafür abgeben, dass unsere Region seit über 1.000 Jahren ein Zentrum der menschlichen Kultur ist. Unverzichtbarer Bestandteil zur Anerkennung als Weltkulturerbe ist die Dokumentation, Aufarbeitung, Interpretation und wissenschaftliche Bearbeitung der Geschichte in all ihren Facetten. Dieses Buch ist der erste Schritt zu dieser Pflichtaufgabe. Und diese Pflichtaufgabe ist mehr als gelungen. Wissenschaftlich ist dieses Werk auf höchstem Niveau. Und zusätzlich bietet es auch dem nicht kunstgeschichtlich ausgebildeten oder mit einem fundierten historischen Wissen ausgestatteten Leser einen faszinierenden Blick in die unglaubliche Vergangenheit der eigenen Heimat. Und der ist sogar in Farbe möglich (fhm).







