Israel/Kirchbrak (30.03.2007) Eine Reise in die Geschichte, eine Begegnung mit dem eigenen Glauben, die Konfrontation mit dem Heute. Das ist Israel. Das Heilige Land. Und darauf lassen sich 29 Reisende aus Kirchbrak ein. Eine Pilgerfahrt auf den Spuren Jesu ist es, die sie für acht Tage eintauchen lässt in die mehr als 2.000 Jahre alte Geschichte der Christen, in die Vergangenheit der Juden und in die Gegenwart der Menschen, die heute im Gelobten Land leben und doch nicht miteinander leben können. Würde Jesus heute von Bethlehem nach Jerusalem ziehen, er stände vor einer Mauer. Mit Graffiti besprüht, mit Wachtürmen gespickt. Was die Reisenden aber als Ausnahmezustand empfinden, ist Alltag in Israel (Jerusalem) und Palästina (Bethlehem). Ein Alltag, der für die einen durch die Mauer mehr Sicherheit bedeutet, ein Leben, das für die anderen Einschränkungen mit sich bringt. Ein Palästinenser, der in Jerusalem arbeitet, muss Zeit mitbringen am Checkpoint. „Bis zu vier Stunden”, berichtet Faten Mukarker, in Deutschland aufgewachsene palästinensische Schriftstellerin, die von ihren Eltern nach Palästina verheiratet wurde, es - wie sie sagt - „gut getroffen hat mit meinem Mann”. Die griechisch-orthodoxe Christin lebt heute in Beit Jala bei Bethlehem. Ist eine Füsprecherin des palästinensischen Volkes. Sie verlangt Verständnis, wünscht sich Gespräche mit dem Nachbarn, der sich abschottet vor den Selbstmordattentätern.
„Das hat Erfolg gehabt, auch wenn uns die Mauer nicht gefällt”, räumt Maya Leibovich ein paar Kilometer weiter, auf isrealischer Seite, ein. Auch sie ist eine außergewöhnliche Frau, die erste Rabbinerin in Israel, angefeindet von den orthodoxen Juden, gefragt in aller Welt ob ihres liberalen Judentums und ihrer herzlichen, resoluten Art, mit der sie von ihrem Glauben spricht und von ihrem Land, das den Frieden verdient hat und die Aussöhnung mit den Palästinensern. Näherkommen müsse man sich, sind sich die beiden Frauen einig. Doch die Mauer zwischen ihnen wächst.
Sie trennt auch Jericho, die älteste Stadt der Welt, von eben dieser Welt. Dort, in einem Hotel, kommt die Gruppe aus Kirchbrak unter für eine Nacht. Sie hat das Hotel fast für sich allein. Ausländische Touristen kann der Hotelmanager nur noch selten begrüßen. Die Angst ist groß unter denen, die Israel nur aus den Nachrichtensendungen kennen. „Dabei ist es hier doch ruhig”, sagt er, verteilt Prospekte. „Werben Sie für uns”, bittet er.
Auch in Beit Jala, der bislang weitgehend christlichen Nachbarstadt Bethlehems, kämpft ein Hotel ums Überleben. Die Abrahams Herberge gehört zur evangelischen Reformationsgemeinde in Beit Jala, die neben dem Hotel auch ein Kinderheim betreibt. Rund 50 Jungen unterschiedlicher Herkunft und Religionszugehörigkeit bietet dieses Heim seit 1956 eine Zukunft. Für die wirbt Pfarrer Shihadeh. Er spricht von der mangelnden Auslastung des Hotels, von den Problemen der Christen in Palästina, von denen inzwischen viele ihre Heimat verlassen, und von der Wichtigkeit des Kinderheims, das über einen Verein finanziert wird. Spenden will Pfarrer Shihadeh nicht. „Zu unsicher”, sagt er, „die könnten wegbrechen”. Vereinsmitglieder will er werben, dafür reist er weit.
Angekommen fühlen sich die Reisenden aus Kirchbrak immer dann, wenn sie wirklich den Fuß setzen dürfen auf den Weg, den Jesus gegangen ist. Am See Genezareth, dort, wo für sie Begegnung mit dem Heiligen Land beginnt, ist sie greifbar, diese große Ruhe, von der Israelreisende immer wieder berichten: Man ist nicht mehr derselbe, wenn man zurückkehrt aus dem Land, in dem eigentlich Milch und Honig fließen.
Was im Übermaß zu greifen ist, ist die Geschichte und die tiefe Religiosität, die andere Pilgergruppen ausstrahlen. Leidenschaftlich leben die Äthiopier ihren Glauben. Neben den Chinesen sind es vor allem sie, die zurzeit nach Israel kommen. Auch dahinter verbirgt sich Politik: Die christliche Regierung unterstützt jeden Pilger finanziell, um so das Vordringen des Islam in Äthiopien zu bremsen.
So dringen sie nach Israel vor. Man trifft sie am See Genezareth, sie beten in der Verkündigungskirche, lassen sich taufen am Jordan in Yardenit, dem Taufort, den die Israelis eingerichtet haben, weil die Stelle, an der Johannes der Täufer gewirkt hat, heute in Jordanien liegt. Unerreichbar für die Gläubigen. Deshalb wird hier getauft, im brackigen Wasser und wie am Fließband.
Drei Weltreligionen haben in Israel unübersehbare Spuren hinterlassen. Synagogen, Moscheen und viele Kirchen. Kirchen, in denen Stille herrscht, in denen man zur Besinnung kommen kann. Kirchen aber auch, die im Trubel untergehen, die überladen sind, die irritieren. Die Grabeskirche in Jerusalem ist kein Rückzugsort. Sie ist ein wahres Labyrinth von über- und aneinandergeschachtelten Kirchen und Kapellen verschiedener Konfessionen, jede bestrebt, dem leeren Grab des Auferstandenen möglichst nahe zu sein. Das hat in der Vergangenheit zu heftigen Streitereien geführt.
Streit auch am Tempelberg, an der Klagemauer, dort, wo eine neue Brücke gebaut wird und Ausgrabungen stattfinden. Es ist keine große Baustelle. Doch eine gut bewachte. Wer zur Klagemauer will, muss sich und seine Utensilien durchleuchten lassen. Der Weg zum Tempelberg ist den Kirchbrakern versperrt.
Nicht aber der Weg nach Qumram und Masada, dieser Festung auf dem Berg, auf den Herodes kurz vor Christi Geburt Paläste setzen ließ. Später war es für die Zeloten der letzte Zufluchtsort vor den römischen Truppen. Die belagerten das 440 Meter hohe Massiv, schütteten eine Rampe auf, stürmten nach sieben Monaten die Festung - und fanden nur noch Tote. Die Zeloten hatten den Tod der Sklaverei vorgezogen. Noch heute werden in Massada die jungen Rekruten vereidigt. Massada wird nie wieder fallen…
Nie vergessen werden kann, darf das Schicksal der Juden im Dritten Reich. Yad Vashem, die Gedenkstätte des Holocaust, der Shoah, wie die von deutschen organisierte Judenvernichtung auf hebräisch heißt, ist Pflicht, wenn man Israel besucht. Yad Vashem berührt, bedrückt, macht sprachlos und verpflichtet zum Aufbau einer besseren Welt. Zum 50-jährigen Bestehen Yad Vashems wurde ein Emblem gestaltet: Aus dem Stacheldraht rankt ein zartes Pflänzchen. Es steht für die Zukunft, ohne die Vergangenheit zu verdecken (bs).







