Holzminden (09.01.2010). „Am Wochenende war „Vatertag“. Es lag Schnee; Rodeln war angesagt. In dieser Situation verplante meine Mutter ihren Ehemann: „Heinrich, geh Du mit den Kindern rodeln. Ich habe noch zu bügeln und muss das Sonntagsessen vorbereiten.“ Mein Vater zog mit uns los, von eher mäßiger Begeisterung erfüllt. Mein Bruder, vier Jahre älter als ich, „verdünnisierte“ sich alsbald, indem er sich Freunden anschloss und sich somit der väterlichen Obhut entzog.
Ich selbst, fünf Jahre alt, warm eingepackt, verließ mich vertrauensvoll auf Vaters Schutz. Von der Innenstadt ging es zum Stadtpark. Es stand nicht etwa, wie heute üblich, Papa mit Auto vor der Tür! Nein, „auf Schusters Rappen“ musste das Ziel erwandert werden. Ich war schon am Ende meiner Kräfte angelangt, als das Ziel erreicht war und der Spaß losgehen sollte.
Wo heute der Thingplatz ist, ging es damals einen ziemlich steilen und vereisten Berg hinunter. Ich saß voller Vorfreude und Spannung vorn auf dem Schlitten, mit meinem Vater dicht hinter mir. „Auf geht’s!“, rief er und, indem er dem Schlitten einen Anstoß gab, stieg er flugs ab und ließ mich allein hinuntersausen. Ich schrie lauthals vor Angst während der gesamten Abfahrt und stieg anschließend heulend den Berg hinauf, wo mein Vater mich erwartete, genüsslich an seiner Zigarre zog und mich lachend fragte, ob die Abfahrt schön gewesen sei.
Unter dem Eindruck von gutem Zuspruch und einem Trostpreis von 10 Pfennigen wagte ich das Abenteuer mit klopfendem Herzen noch einmal, dann noch ein drittes Mal. Danach war ich vom Aufstieg so kaputt, dass ich nur noch eins wollte: Nach Hause!
Der lange Heimweg wollte kein Ende nehmen, die Tränen liefen mir vor Erschöpfung über die Wangen. Und wieder war es die gute Oma, die liebevoll dafür sorgte, dass aus dem „armen Kind“ wieder ein glückliches Kind wurde. Die Mutter servierte mir ein Stück vom eben gebackenen Sonntagskuchen. Und ich, auf der Holzkiste neben dem bullernden Herd hockend, durfte – oh Krone der Glückseligkeit! – die Form vom Topfkuchenteig auslecken, wobei mein Zeigefinger zu eifrigem Einsatz kam.
Und mein Vater? Er hatte seiner väterlichen Pflicht Genüge getan, tauschte nun schnell den alten Rock gegen einen neuen aus, steckte sich eine frische Zigarre an – und auf ging’s mit einem fröhlichen „Auf Wiedersehen!“ Richtung „Felsenkeller“ zum Kegeln.
So hatte jeder seinen Spaß, und ich träumte vom kommenden Tag: Was er wohl für Erlebnisse bringen würde? (Elisabeth Gümmer)

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