Höxter (16.07.2011). Beim Schloss liegt „die kleine, hässliche, schmutzige Stadt Höxter“, etwas entfernt „die kleine, aber nette Stadt Holzminden an der Weser“. Diese 172 Jahre alte Einschätzung stammt aus der Feder des damals elfjährigen Prinzen Constantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Zu sehen ist der Schulaufsatz in der aktuellen Ausstellung der Fürstlichen Bibliothek Corvey: „ex flammis orior“ Die Prinzen Hohenlohe-Schillingsfürst – vier bedeutende Karrieren.
Mitglieder der Familie von Hohenlohe-Schillingsfürst übernahmen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Schloss Corvey und die Besitzungen, nachdem die Kirche ihre rechte abtreten musste. Die neuen Herren erhielten vom preußischen König den Titel Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey und begründeten eine neue Linie des Gesamthauses Hohenlohe.
Titel der Ausstellung ist der Wappenspruch der herzöglichen Familie: ex flammis orior („aus Flammen erhebe ich mich empor“). Er bezieht sich auf die mythologische Redewendung „Wie Phönix aus der Asche“ und verweist auf das Sinnbild des Vogels, der aus dem Feuer aufsteigt, gleichsam für etwas, das schon verloren geglaubt war, aber in neuem Glanz wieder erscheint. In diesem Sinne gründete Fürst Philipp Ernst zu Hohenlohe-Schillingsfürst im Jahre 1754 den Hausorden „Von der goldenen Flamme“, und sein Sohn Karl Albrecht erneuerte den Orden 1775 unter der Bezeichnung „Haus- und Ritterorden vom Phoenix“ mit dem genannten Wahlspruch.
Auch das Herzogliche Haus Ratibor und Corvey führt dieses Motto in seinem Wappen. Dieses Herzogliche Haus entstand erst 1840 als siebter Zweig des Gesamthauses Hohenlohe infolge einer verwandtschaftlich begründeten Verbindung zwischen den fürstlichen Familien Hohenlohe-Langenburg und Hohenlohe-Schillingsfürst.
Fürst Karl Ludwig aus dem Hause Hohenlohe-Langenburg hatte zwei Töchter: Prinzessin Elise (1790-1830) und Prinzessin Constanze (1792-1847). Die ältere heiratete 1812 den Landgrafen Viktor Amadeus von Hessen-Rotenburg und die zweite 1815 den Fürsten Franz zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Beide Schwestern hatten zeitlebens ein inniges Verhältnis, so dass die ältere aufgrund ihrer Kinderlosigkeit ihren Gatten davon überzeugen konnte, die Kinder ihrer jüngeren Schwester zu versorgen. Dieses geschah durch ein Testament des Landgrafen von 1825, in dem dieser seine beiden Neffen Viktor und Chlodwig zu Universalerben seiner außerhessischen Besitzungen einsetzte. Es war ein beträchtliches Vermögen, das der Landgraf als Entschädigung im Jahre 1820 von der Krone Preußens erhalten hatte und aus dem schlesischen Herzogtum Ratibor und dem Fürstentum Corvey in Westfalen bestand, beide ehemalige geistliche Territorien.
Aufgrund der hessischen Hausverträge musste die Landgrafschaft Hessen-Rotenburg wegen der Kinderlosigkeit des Landgrafenpaares an das Kurhaus Hessen-Kassel zurückfallen, womit die letzte landgräfliche Linie seit dem Tod des letzten Landgrafen Viktor-Amadeus 1834 als ausgestorben galt.
Im Sommer 1834 wurde Schloß Corvey für zehn Jahre die Heimat der Familie Hohenlohe-Schillingsfürst, als nämlich nach dem Tode des Landgrafen Fürst Franz und Fürstin Constanze zu Hohenlohe-Schillingsfürst mit ihren acht Kindern in das verwaiste Schloß an der Weser einzogen. Dieses war der Beginn der heutigen Eigentumsverhältnisse.
Die vier in Corvey aufgewachsenen Prinzen machten später denkwürdige politische Karrieren. Sie stehen im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung. Der älteste der Brüder, Erbprinz Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1818-1893), wurde 1840 vom König von Preußen zum ersten Herzog von Ratibor und Fürsten von Corvey erhoben. Er ist der direkte Vorfahr des heutigen Hausherrn, der in fünfter Generation als Herzog Viktor die Geschicke Corveys lenkt.
Herzog Viktor I. verzichtete nach seiner Erhebung zugunsten seines Bruders Chlodwig auf Titel und Erbansprüche in Schillingsfürst. Schon bald war er „zweiter Mann im Staate“ und bekleidete hohe Ämter im Königreich Preußen sowie im neu gegründeten Kaiserreich. So war er Präsident des preußischen Herrenhauses und Mitglied des Staatsrates für auswärtige Angelegenheiten. Durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen lernte Herzog Viktor 1859 in Weimar den Germanistik-Professor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874) kennen, dem er ab 1860 die Stelle als Bibliothekar an seiner Fürstlichen Bibliothek in Corvey antrug.
Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1894 bis 1901) war der jüngere Bruder des Herzogs von Ratibor. Er machte als bayerischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler Karriere. Er hielt sich häufiger in Corvey auf und wollte sich ursprünglich sogar dort als „privater Landmann“ niederlassen. Noch kurz vor seinem Tode besuchte Fürst Chlodwig im Juni 1901 Corvey und das Grab seiner Eltern in der Gruft unter der Benediktuskapelle hinter der Abteikirche (heute im Friedgarten gelegen).
Gustaf Adolf Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1823-1896), der dritte der Brüder, studierte nach seiner „Schulzeit“ in Corvey Theologie in Breslau und München. Noch vor der Priesterweihe wurde er nach Rom berufen und im Jahre 1866 zum Kardinal ernannt; er war schließlich Beichtvater und Sekretär von Papst Pius IX. Der Kardinal residierte in der Villa d’Este bei Rom, wo auch zeitweise Franz Liszt wohnte, den Gustaf Adolf sehr unterstützte. Sein Grab befindet sich auf dem Deutschen Friedhof im Vatikan.
Der jüngste der Brüder war Konstantin Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1828 bis 1896), der nach seiner Erziehung in Corvey in den militärischen Dienst der österreichischen Armee eintrat. Hier machte er schnell Karriere und avancierte als Generalfeldmarschall zum ersten Obersthofmeister des Kaisers Franz Josef von Österreich. Er heiratete 1859 Marie Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, die Tochter der Lebensgefährtin von Franz Liszt. Über diese Verbindung kam die Bekanntschaft seines Bruders Viktor zu Hoffmann von Fallersleben und Franz Liszt zustande. Prinz Konstantin spielte in Wien eine herausragende kulturpolitische Rolle: er war nicht nur maßgeblich am Bau der Ringstraße beteiligt, sondern auch Intendant der Hofoper; immerhin widmete ihm Anton Bruckner seine 4. Sinfonie („Die Romantische“) und Johann Strauß den Walzer „Geschichten aus dem Wienerwald“ (beide in der Ausstellung zu sehen). Wie sehr sich die Brüder auch später Corvey verbunden fühlten, zeigen nicht nur zahlreiche Besuche des Fürsten Chlodwig und seines Bruders Konstantin nebst Familienangehörigen, sondern vor allem die Tatsache, dass beide ihre Hochzeitsreise nach Corvey unternahmen, Chlodwig im Februar 1847 und Constantin im Oktober 1859.
Die Ausstellung zeigt zahlreiche in Corvey erhaltene Dokumente, Bücher und Fotos aus dieser bedeutenden Zeit der jüngeren Geschichte von Corvey. Beim Rundgang kann auch die letzte Ruhestätte der Eltern der vier Brüder sowie der Herzöge von Ratibor im Friedgarten des Schlosses besucht werden. Herausragende Objekte sind zum Beispiel ein Bild von Schillingsfürst des bekannten Münchener Malers Carl August Lebschée, ein Geschenk des Fürsten Chlodwig an seine Schwägerin, die Herzogin von Ratibor, Briefe an die Brüder von König Ludwig II. von Bayern, Reichskanzler Bismarck und Prinzgemahl Albert von Großbritannien Glückwunsch- und Kondolenzschreiben der preußischen Könige.
Bis zum 1. November wird die Ausstellung im Sommersaal der Fürstlichen Bibliothek Corvey während der Öffnungszeiten des Museums zu sehen sein. Das Konzept und die komplette
Präsentation der Ausstellung stammt von Dr. Günter Tiggesbäumker, dem heutigen Bibliothekar der Fürstenlichen Bibliothek und Wissenschaftler an der Universität Paderborn. Dr. Tiggesbäumker ist es nicht nur gelungen, die alten Schulhefte der vier Prinzen zu finden und auszustellen, sondern auch ihre Notenhefte.
So hat er auch die Note des kleinen Prinz Constantin für den Aufsatz über das „kleine, hässliche, schmutzige Höxter“ und das „kleine, aber nette Holzminden“ herausgefunden: „zufrieden“. (fhm)

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