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Sonntag, 5. Februar 2012




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Von der Lippe rezitiert Homer und Niedecken schaut Fußball

Volker Faltin in seinem Badezimmer. Dort hängen alle Plakate und Tickets der 175 Konzerte.

Beverungen (13.03.2010). 1980 vor einem Haus in Beverungen. Eines Abends um 22 Uhr stehen dort drei junge Schüler der Klasse 10c der Realschule Beverungen. Sie klingeln bei Volker Faltin, Junglehrer und bekanntermaßen Rockmusik-Fan. „Herr Faltin, wir wollen Rockmusik.“ Mit dieser nächtlichen Episode beginnt eine inzwischen 30-jährige Erfolgsgeschichte. Denn sie ist der Startpunkt für die Arbeitsgemeinschaft Rock in der Kulturgemeinschaft Beverungen, die in den vergangenen Jahren solche Kulturevents wie Konzerte mit Herbert Grönemeyer, Marius Müller-Westernhagen, BAP, Herman van Veen oder Jürgen von der Lippe in die Stadthalle Beverungen geholt hat.
„Wie stellt Ihr euch das denn vor, wie soll das gehen?“ Volker Faltin will die jugendlichen Musikfreunde nicht enttäuschen, sieht aber gleich den großen Aufwand. „Ich habe keine Ahnung, wie man so etwas macht, aber ich will euch helfen.“ Pastor Hammer hilft, ist die Auskunft der Jungs. 1977 hat sich in Beverungen die Kulturgemeinschaft Beverungen gegründet, die zunächst nur das Abonnement-Programm im Angebot hatte. Der Stadtjugendring Beverungen organisiert damals Rockkonzerte mit Deutsch-Rock-Gruppen wie „Grobschnitt“. Und Pfarrer Hammer steht den Jugendlichen des Stadtjugendrings hilfreich zur Seite. Volker Faltin bekommt vom Pastor seine Musik-Akte – „die habe ich heute noch“ – und macht sich ans Werk.
In der Akte findet er eine Telefonnummer von Wintrup-Musik, einem Konzertveranstalter, der damals Gruppen wie Hölderlin, Kraan, Grobschnitt, Rufus und Epitaph unter Vertrag hat. „Grobschnitt war schon hier, Epitaph hört sich zu morbide an, also soll es Kraan sein“, erinnert sich Faltin an seinen ersten Anruf bei Wintrup-Musik. „Können wir nicht mal Kraan machen? – Habt Ihr denn überhaupt Strom in der Halle“, kommt als Antwort. Volker Faltin macht den ersten Auftritt klar. Ohne Ahnung davon zu haben, was man alles machen muss, engagiert er Kraan, malt selbst ein paar Plakate und und setzt im Vorverkauf gerade mal 25 Karten ab. 900 Leute stehen am 13. März 1980 vor der Stadthalle Beverungen und wollen rein. „Es war einfach unglaublich“, erinnert sich Volker Faltin.
Viele freiwillige Helfer machen gemeinsam dieses Erlebnis möglich. Und sie beschließen an dem Abend, weitere Konzerte durchzuführen. Unter dem Dach der Kulturgemeinschaft Beverungen bilden sie die Arbeitsgemeinschaft Rock und sind für die Sonderveranstaltungen verantwortlich. Beim zweiten Konzert mit Alexis Korner sind schon 1.200 Besucher in der Beverunger Stadthalle. In einer Musikzeitschrift findet Faltin die Adresse der Konzert-Agentur Karsten Jahnke. „Ich habe dort angerufen und einfach mal nach möglichen Künstlern gefragt.“ Natürlich sei die Reaktion zunächst verhalten gewesen, schließlich waren die Beverunger Rockmusik-Veranstalter ein unbeschriebenes Blatt.
Eines Tages ruft Karsten Jahnke an und fragt, ob die Stadthalle eine Woche für Marius Müller-Westernhagen zur Verfügung steht. „Ich habe einfach Ja gesagt, ohne an die Konsequenzen zu denken“, berichtet Volker Faltin. Die Genehmigung der Stadt wird nachträglich eingeholt und schließlich rückt Marius mit fünf großen Trucks an, baut seine Anlage auf und probt eine Woche für seine große „Stinker-Tour“ im Jahr 1981. „Das war für uns eine großartige Sache.“ Das Konzert mit Marius Müller-Westernhagen sprengt fasst alle Dimensionen, und Veranstalter Karsten Jahnke schätzt „Volker & Friends“ als zuverlässige Partner. Der Ausdruck „Volker & Friends“ stammt übrigens von Marius Müller-Westernhagen. Danach kommen die großen der Szene reihenweise nach Beverungen. Und manchen gefällt es so gut, dass sie immer wieder kommen.
„Viele fühlen sich bei uns einfach wohl“, weiß Volker Faltin zu berichten. „Wir stellen uns komplett auf sie ein.“ Wenn Wolfgang Niedecken und BAP spielen, dann beginnt das Konzert am Sonnabend erst nach 20 Uhr, weil Niedecken in der Sportschau erst sehen muss, was mit dem 1. FC Köln passiert. Für manchen Künstler wie Status Quo müssen immer bestimmte Mineralwassersorten und Obst bereitstehen, und einige wie Jürgen von der Lippe schätzen einfach die tolle Atmosphäre und das Miteinander in Beverungen. „Wir kochen meist selbst für die Künstler und sitzen nach den Konzerten noch zusammen. Und dabei lernt man die Künstler von einer anderen als der öffentlich bekannten Seite kennen.“ So erweist sich Marius Müller-Westernhagen als bescheidener, anspruchsloser, sehr netter Mensch, und Jürgen von der Lippe zeigt, dass er hoch gebildet und ein Liebhaber klassischer griechischer Literatur in der Originalsprache ist. „Der hat den kompletten Anfang von Homers Odyssee auf Griechisch rezitiert, absolut perfekt.“
Die Konzerte sind oft mit großen Anstrengungen für die Kulturgemeinschaft und die freiwilligen Helfer verbunden. Für BAP muss beispielsweise die Bühne auf eine Höhe von 1,30 Meter vergrößert werden. „Wir haben das Holz gekauft, der Städtische Bauhof hat die Bühne gebaut.“ Mehrmals werden auch schon Open-Air-Konzerte veranstaltet, das erste im Jahr 1986 ist noch ein Misserfolg. „Gerade fünf zahlende Zuschauer.“ Bei Pur sind es dann 6.000 auf den Weserwiesen. Nie vergessen wird Volker Faltin den Brand der Stadthalle am 26. Dezember 1996. „Wir mussten eigentlich alles für die Andrew-Lloyd-Weber-Musicalgala vorbereiten“, so Faltin. Kurzfristig zog man in die Turnhalle des Gymnasiums um – die Helfertruppe muss allerdings erst eine komplette Bühne bauen. Drei Tage wird ohne Pause und – wie immer – ohne Lohn gearbeitet. Die Aufführung war ein großer Erfolg. „Ohne die Helfer ist das nicht zu machen, ohne diese Truppe geht nichts“, sagt Volker Faltin, der auch nach 30 Jahren sich mit viel Enthusiasmus um die Sonderveranstaltungen kümmert.
Die Liste der Gruppen und Künstler ist beeindruckend, die in Beverungen gastiert hat: Nena, Spider Murphy Gang, Heinz Rudolf Kunze, Klaus Lage, Wolf Maahn, Rodgau Monotones, Ulla Meinecke, Hape Kerkeling, Brings, Tom Gerhardt, Münchener Freiheit, Klaus Hoffmann, Pe Werner, Chris Barber, Dubliners, Badesalz, Heinz Becker, Rüdiger Hoffmann, Blümchen, Kaya Yanar, Atze Schröder, Reinhard Mey, Konstantin Wecker, Marlene Jaschke, Ten Tenors, Sissi Perlinger, Status Quo, Saga, Gaby Köster, Silbermond, Hannes Wader, Chris de Burgh, Mario Barth, Wildecker Herzbuben, Christina Stürmer und Helene Fischer sind nur einige der Stars.
„Ich bereue nichts, was die Künstler angeht, ich hätte mir manchmal mehr Unterstützung gewünscht“, bilanziert Volker Faltin nach 30 Jahren. „Die Freude in den Augen der Zuschauer zu sehen, entschädigt für alles.“ 175.000 Menschen haben inzwischen Konzerte und Aufführungen erlebt, die Volker Faltin und seine freiwilligen Helfer auf die Beine gestellt haben. 175.000 begeisterte und glückliche Zuschauer gehören inzwischen zu den Fans der Beverunger Sonderveranstaltungen. Und genau 30 Jahre nach der ersten Veranstaltung hat am gestrigen Abend die erste Gruppe wieder ein Stelldichein gegeben. Zur Geburtstagsparty ist Kraan wieder in Beverungen erschienen. Und bei dieser Geburtstagsparty wollten auch einige der Schüler der 10c dabei sein, die damals Junglehrer Faltin nachts besucht haben. Ihr Klingeln hat die Rockmusik nach Beverungen gebracht. (fhm)

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