Landkreis Holzminden (07.03.09). Was passiert, wenn ein Kreis von der Bildfläche verschwindet? Was bleibt der Kreisstadt, wenn sie ihren Status verliert, außer ein paar alten Nummernschildern? Schon viele Städte in Deutschland haben die Erfahrung gemacht, den Kreissitz zu verlieren und die Selbstständigkeit aufzugeben – und es sind nicht immer gute Erfahrungen. Ein Blick in die Nachbarschaft des Landkreises Holzminden zeigt solche Erfahrungen. Ein Beispiel ist die 25.000 Einwohner große Stadt Warburg im Nachbarkreis Höxter. Einstmals war sie selbst eine Kreisstadt, aber seit dem 1. Januar 1975 ist sie nur noch eine von zehn Städten im Kreis Höxter.
In Ostwestfalen wurde im Rahmen der Gebietsreform in den 1970er Jahren der Kreis Warburg mit dem Kreis Höxter vereinigt. Lange gab es Widerstand des 50.000 Einwohner großen Kreises gegen die Verbindung mit Höxter (100.000 Einwohner). „Wir wollen lieber einen Großkreis Hochstift“, forderte der Kreistag Warburg im Jahr 1969 den Zusammenschluss der Kreise Paderborn, Höxter, Büren und Warburg. Die Angst war groß, als Juniorpartner einer Zweier-Verbindung unterzugehen. Am Ende wurde per Gesetz des Düsseldorfer Landtags Warburg mit Höxter vereinigt, die Warburger blieben mit ihrem Hochstift-Plan außen vor. Allerdings hatten sie in einem Zusatzvertrag mit dem Kreis Höxter festlegen lassen, dass in Warburg eine Außenstelle der Kreisverwaltung bleiben muss. Noch heute gibt es diese Außenstelle direkt neben der Stadtverwaltung.
Doch in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Versuche von Politikern, die Außenstelle aus Kosten- und Effizienzgründen zu schließen. Denn im neuen Kreistag stellen die Abgeordneten aus dem Altkreis Warburg noch nicht einmal ein Drittel der Mandate. Im Bewusstsein der Menschen ist der Altkreis Warburg noch vorhanden, das alte Nummernschild „WAR“ ist aber nur noch auf Treckern, Anhängern und einigen Oldtimern zu finden. Mit dem Zusammenschluss der Kreise haben viele Vereine und Verbände wie Handwerkerschaft, karitative Organisationen auch die Kreisverbände neu gestaltet. Auch hier verlor Warburg die Zuständigkeit an Höxter. Nur noch das Deutsche Rote Kreuz und der Fußballkreis halten an den alten Kreisgrenzen fest. Alle anderen orientieren sich in Richtung Kreisstadt Höxter. Froh ist die Stadt Warburg, dass sie die Kreisberufsschule „Johann-Conrad-Schlaun-Kolleg“ in ihren Mauern halten konnte. Ansonsten ist der Kreis Warburg nur noch Geschichte. Diese Erfahrungen habe auch viele andere Altkreise gemacht.
Einige Kilometer weiter westwärts von Warburg und Höxter beginnt der Kreis Paderborn, der 1975 aus den Kreisen Büren und Paderborn entstand. In Büren ist im Vergleich zu Warburg noch weniger vom Altkreis und dem ehemaligen Status als Kreisstadt zu spüren. Anfänglich gab es in Büren eine Nebenstelle der Kreisverwaltung. Diese Außenstelle wurde vor einigen Jahren geschlossen. Der Altkreis Büren existiert nur noch einmal im Jahr beim Kreisschützenfest. An dieser regelmäßig im September stattfindenden Veranstaltung nehmen nur die Gemeinden aus dem Altkreis teil. An Kreiseinrichtungen befinden sich in der ehemaligen Kreisstadt die Kreistouristikzentrale und die Kreismusikschule. Auch hier haben sich die Vereine und Verbände in Richtung Paderborn orientiert und sich den neuen politischen Grenzen angepasst, von der Kreishandwerkerschaft bis zu den Sportlern. Nur die Schützen bilden weiterhin einen Kreisverband Büren. Die Eingliederung des Kreises Büren in den Kreis Paderborn ist auch ein gutes Beispiel dafür, ob eine Fusion finanzielle Vorteile bringen kann. Eines der Argumente ist Kosteneinsparung und Verwaltungsverschlankung. Die Kreisverwaltung Büren hatte vor dem Zusammenschluss 237 Beschäftigte, der Kreis Paderborn 460. Heute sind insgesamt 1.079 Menschen beim Kreis Paderborn beschäftigt. Allerdings haben sich in den vergangenen 34 Jahren auch die Aufgabenstrukturen der Kreise verändert.
In Nordrhein-Westfalen wurden durch die Gebietsreform am 1. Januar 1975 aus 2.292 Gemeinden 369; 57 Landkreise wurden auf 31 reduziert, und 23 statt bislang 37 kreisfreie Städte gab es in NRW. Schon vor der Neugliederung wehrten sich vielfach Städte und Kreise gegen die Reform. Die Stadt Wesseling klagte beispielsweise gegen die Eingemeindung in die Stadt Köln und wurde am 1. Juli 1976 nach anderthalb Jahren per Gerichtsbeschluss wieder selbstständig. Im Kreis Warburg klagte die Gemeinde Scherfede gegen den Zusammenschluss. Sie würde aus einer schuldenfreien Kommune dadurch zu einer verschuldeten Stadt, argumentierte sie. Das Gericht wies die Klage zurück, Scherfede wurde in die Stadt Warburg eingegliedert.
Auch Lemgo im heutigen Kreis Lippe war einstmals eine Kreisstadt. Als 1973 die Vereinigung mit dem Nachbarkreis Detmold zum neuen Kreis Lippe vollzogen wurde, hatten die Lemgoer das Nachsehen. Die alte Residenz-, Kreis- und Regierungsbezirksstadt Detmold blieb auch der Kreissitz des neuen Kreises Lippe. Hier konzentrieren sich die Verwaltungseinrichtungen für die Bürger. Im neuen Kreis Lippe bekamen zumindest alle Bürger neue Autokennzeichen. Aus „DT“ und „LE“ wurde schließlich „LIP“.
In Niedersachsen wurde durch die Reform 1977 die Zahl der Landkreise von 60 auf 38 und der kreisfreien Städte von 16 auf neun reduziert. Allerdings erlebte auch hier die Kreisreform ihre Fortsetzung vor Gericht. Bekanntestes Beispiel für den Widerstand gegen den Reformeifer war die Klage des aufgelösten Landkreises Friesland und der Stadt Jever gegen das Reformgesetz. Vor dem Niedersächsischen Staatsgerichtshof in Bückeburg beklagten sie, dass ihr ehemaliger Kreis in zwei verschiedene Landkreise aufgeteilt wurde. Sie bekamen Recht. 1980 wurde der alte Landkreis Friesland wiederhergestellt.
In unmittelbarer Nachbarschaft des Landkreises Holzminden endete durch die Gebietsreform die Existenz der Landkreise Gandersheim und Alfeld. Beide sind heute komplett von der Landkarte verschwunden. Der Landkreis Gandersheim wurde zwischen Goslar und Northeim aufgeteilt, Delligsen und Ammensen kamen zum Landkreis Holzminden. Alfeld wurde in den Landkreis Hildesheim eingegliedert. Von diesen beiden ehemaligen Gebietskörperschaften existieren heute noch wenige Nummernschilder und Erinnerungen. Die Zentren liegen in den Kreisstädten Hildesheim und Northeim.
Drei Jahrzehnte nach den Reformen beschäftigen sich inzwischen Politik- und Kommunalwissenschaftler mit den Gebietsreformen und deren Folgen. Allerdings befindet sich die Aufarbeitung dieses Themas erst am Anfang. Teilweise wird die Reform als gelungen betrachtet, teilweise aber auch kritisch als eine neue Form der Technokratie gesehen. Besonders wird scharfe Kritik daran geübt, dass diese Gebietsreformen eigentlich dem Geist der Demokratie widersprechen. Denn Demokratietheorie und das grundgesetzlich garantierte Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung stehen eigentlich im Gegensatz zur Verringerung und Beschränkung der kommunalen Verwaltung vor Ort. Viele Wissenschaftler haben inzwischen deutlich gemacht, dass die Hauptargumente für eine Zusammenlegung – Effizienz, Effektivität und Kostenersparnis – nicht immer zutreffen. Kritisiert wird zudem, dass mit der Aufgabe kleiner Einheiten das Zusammengehörigkeitsgefühl verloren geht und damit auch die Bereitschaft, sich für das eigene Gemeinwesen einzusetzen. Besonders diejenigen Fusionsgebiete, die von einer großen Stadt dominiert werden, leiden unter dem „Imperialismus der Großstädte“, wie es eine Politikwissenschaftlerinin einer Studie charakterisiert (fhm).

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