Holzminden (21.10.06). Seit dem Umzug der Dienststelle des „Staatlichen Baumanagements Südniedersachsen“ in das Katasteramt an der Böntalstraße steht das stattliche Haus am Johannismarkt leer und soll verkauft werden. Bei dem Gebäude handelt es sich aber nicht nur um ein schönes, erhaltenswertes Baudenkmal. Hier hatte seit dem 18. Jahrhundert die Verwaltung des „Sollinger Steinwesens“ ihren Sitz, und so verkörpert das Haus wie kaum ein anderes Anwesen Holzmindens einen wesentlichen Teil der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Weserstadt. Der „Braunschweiger Weserkreis“ wie der Kreis Holzminden einstmal genannt wurde, war immer ein armes, hauptsächlich landwirtschaflich geprägtes Randgebiet des Herzogtums gewesen, aus dem fast nur die Produkte der Wanderglashütten und Töpfereien exportiert werden konnten. Die einzige Ausnahme bildete der Handel mit den in den Steinbrüchen gewonnenen Dehl- und Legesteinen sowie der Dachplatten, der bares Geld in die herzoglichen Kassen brachte.
Wie bekannt die Produkte der Sollinger Steinbrecher schon in früherer Zeit waren, zeigt ein Pachtvertrag mit den beiden holländischen Kaufherren Isaak Köldigh und Justinus Weyms, die 1660 sämtliche Sollinger Steinbrüche für ein namhafte Summe vom Herzog pachteten. Später erwarben dann Bremer Kaufleute das alleinige Recht, die Sollingsteine im Fernhandel zu vermarkten. Von 1745 bis 1767 arbeiteten die herzoglichen Behörden mit dem Handeshaus Schröder zusammen, das sich vertraglich verpflichtete, pro Jahr mindestens 70.000 Quadratellen Platten und 300 Fuder Dachsteine abzunehmen. Die Produkte wurden in Spanien, Portugal, Frankreich, Holland, England, Riga, Livland und Kurland abgesetzt.
Der Hofjägermeister von Langen hat nicht nur die Porzellanmanufaktur Fürstenberg gegründet, sondern auch die Grundlagen für den Aufschwung der Steinindustrie geschaffen. Er ordnete in der herzoglichen Verwaltung die Zuständigkeit neu und veranlasste den Bau des repräsentativen Gebäudes am Johannismarkt. In Zukunft wurde der gesamte Handel ausschließlich von einem einzelnen Pächter ausgeübt. Von 1773 bis 1828 konnte die Handlungssozietät Koken das gesamt Steinwesen, das heißt Brüche, Schleifmühlen und Lagerplatz, für 1.500 Taler/Jahr übernehmen, für die damalige Zeit eine erstaunliche Summe. Im Auftrag des Pächters residierte ein Steinvogt mit seinem Schreiber am Johannismarkt, der vielfältige Aufgaben zu bewältigen hatte. Neben dem Schriftverkehr mit den Kunden und der Verwaltung der Kasse mussten 20 bis 40 fest angestellte Arbeiter beaufsichtigt werden, die in einem langen Schuppen, der an der Stelle der heutigen Jugendherberge stand, Steinplatten abkanteten und Hohlwaren zuschlugen. Die fertige Ware wurde dann in langen Reihen am Weserkai, der Slagde, gestapelt.
Der Transport der Solling-steine auf der Weser brachte den Schiffern nur wenig Gewinn, und selten wurde in Holzminden ein Bock nur mit Platten und Dachpfannen beladen. Aber immer wenn ein Eigner aus dem Oberweserraum bei seiner Bremen-Fahrt in seinem Bock noch ungenutzten Stauraum hatte, unterbrach er seine Reise, ging ein paar Schritte von der Slagde zum Verwaltungsgebäude und orderte eine Zusatzladung. Sein Verdienst richtete sich nach der Menge der Steine, die er in Holzminden an Bord nahm und nicht nach der Anzahl, die in Bremen gelöscht wurde. So war die Versuchung groß, einen Teil der Ladung stromab zu verkaufen und am Zielort zu behaupten, dass sein Schiff in dem unregulierten Strom auf eine Sandbank aufgelaufen sei und hätte geleichtert werden müssen. Um diesen Betrug zu erschweren, gehörte es zu den Pflichten des Steinfaktors, den Ladevorgang genau zu überwachen, damit das Schiff nicht einen zu großen Tiefgang erhielt.
Eine heikle Aufgabe war die Abwicklung der Bezahlung. Bargeldlose Überweisungen von Bank zu Bank gab es natürlich noch nicht. Zwar stellten die großen Handelshäuser Gutscheine aus, die songenannten Assignationes, aber diese wurden nur von Geschäftspartnern eingelöst, und die gab es in dem abgelegenen Weserkreis natürlich nicht. So blieb nur die Überbringung durch einen Boten. Die Urkunden im Heinser Schifffahrtsmuseum belegen, dass die Schiffer versiegelte Umschläge aus Bremen nach Holzminden mitbrachten und treu und ehrlich am Johannismarkt ablieferten.
Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung des Steinhandels für Stadt und Kreis Holzminden verdeutlichen mehrere Paragrafen in dem Vertrag zwischen dem Herzogtum und der Handlungssozietät Koken. Koken musste sich verpflichten, mindestens 100 Steinbrechern Lohn und Brot zu geben und Not leidende Arbeiter mit Korn und Brennholz zu unterstützen. Verdienten Angestellten konnten darüber hinaus Pensionen gewährt werden, auf die allerdings kein Rechtsanspruch bestand, sondern die nur gnadenweise gewährt wurden.
1828 wurde der Kammerbaurat Haarmann Vertragspartner des Herzogtums, und 1878 konnte die Familie Haarmann alle Rechte an den Steinbrüchen und Schleifmühlen kaufen, und die selbstständige Privatfirma „Administration der Sollinger Steinbrüche“ gründen. Unter den tatkräftigen Leitung von Wilhelm Haarmann und seinen Nachfolgern wuchs sein Handelshaus zu einer Firma mit weltweiten Beziehungen. In Bremen wurde die Straßen mit Solligsteinen gepflastert und das Regenwasser durch Hohlrinnen abgeleitet, die auf dem Johannismarkt zugeschlagen worden waren. Im Hadelner Land wurden die Deiche mit Sollingplatten gesichert, in der holländischen Provinz Groningen trank des Vieh aus Trögen aus Sollinger Sandstein, im Rheinland vermauerten die Handwerker Bauelemende, die in Holzminden vorfabriziert wurden, der Bedarf von Amsterdam an Sandsteinen war kaum zu decken, und im Baltikum wurden Häuser mit Sollinger Dachplatten eingedeckt.
Einen besonders großen Aufschwung nahm der Export nach Nord- und Südamerika sowie in die La Plata-Staaten, und in Australien wurde eine Bauausstellung mit Produkten aus Holzminden bestückt. Bald hatte der Steinvogt kilometerlange Reihen von geschliffenen und ungeschliffenen Platten zu beaufsichtigen. Stromab lagerten die Hohlwaren und bei den ehemaligen Flachsrotten (wo jetzt der Speicher steht) warteten Pflastersteine auf den Abtransport.
Bei einem solchen Umsatz wurde nun aber der Frachtraum knapp. „Was hilft alle Produktion, was helfen alle Bestellungen“, schrieb Wilhelm Haarmann an die herzoglichen Räte, „wenn man das Material nicht fortschaffen kann“. Zwar ergänzte nur fast täglich ein Weserschiffer seine Ladung mit einen hundert Quadratellen Platten, aber obwohl der Steinfaktor versuchte, die Kapitäne mit dem sogenannten Anschiebegeld zu bestechen, traten bei der Auslieferung immer häufiger Engpässe auf. Etwas Entlastung brachte der Bau des Hafens, in dem die Weserböcke überwindern konnten und dann im Frühjahr als erste Ladung eine Fracht Steine orderten. Auch wenn im März oder April noch nicht genug Bestellungen vorlagen, wurden diese Schiffe voll beladen, denn die Gebrüder Haarmann hatten in Bremen am Teerhof einen großen Lagerplatz gepachtet, der bei jeder Gelegenheit gefüllt werden musste. Dieses Zwischenlager belebte nun wiederum den Absatz, da auch die Hamburger Kaufherren auf die Vorräte Zugriff hatten.
Zwischen 1860 und 1870 verbuchten die Schreiber am Johannismarkt einen Umsatz von mehreren 100.000 Talern, was heute einer Summe von einigen Millionen Euro entsprechen würde. Ein Betrieb von dieser Größe, der viele Arbeiter beschäftigen musste, war für Stadt und Kreis Holzminden natürlich von überragender wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung. 1870 bezog fast jeder zehnte männliche Einwohner zumindest einen Teil seines Einkommens aus der Steinbaukasse. Für die Steinbrecher, Schleifmüller und Abkanter bereitete der Schreiber im Gebäude auf dem Johannismarkt die Lohntüten vor, und die Bauern Holzmindens und der Sollingdörfer taten sich zu Fahrgemeinschaften zusammen und transportierten die rohen Platten zu den Schleifmühlen sowie die geschliffenen Dehl- und Legesteine zum Weserufer.
Im 19. Jahrhundert war das Einkommen eines Steinbrechers so gering, dass es ihm nicht möglich war, für Alter und Krankheit sowie für die einkommensarme Winterzeit Rücklagen zu bilden. Um die Not ihrer Belegschaft zu lindern, zahlte die Administration ihrer Steinbrächern im Herbst Vorschüsse, die 1870 die Summe von 12.149 Talern erreichten. Zusätzlich hatten die Gebrüder Haarmann Gartenland erworben, das sie für einen nur nominelle Pacht invaliden Steinbrucharbeitern oder deren Witwen überließen. Vor allem wurde aber am Johannismarkt die Büchsenpfennigkasse verwaltet. Diese frühe Betriebskasse war 1856 auf Anordnung der herzoglichen Räte eingerichtet worden.
Alle Beschäftigten zahlten je nach Einkommen einen wöchentlichen Beitrag von 1 bis 4 Groschen, und so kamen jährlich etwa 1.200 Taler zusammen, mit denen bei Unfällen und Krankheit Lohnfortzahlung und Arztkosten sowie im Todesfall Witwenrente ausgezahlt werden konnte.
Nachdem Holzminden an das deutsche Einsenbahnnetz angeschlossen worden war, verlor die Weser zunehmend ihre Bedeutung als Transportweg. So wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Verwaltungssitz der Administration sowie das Steinlager an die Fabrikstraße verlegt. Das ehrwürdige Gebäude am Johannismarkt konnte von anderen Behörden genutzt werden.
Eine ausführliche Beschreigung der Geschichte der Sollinger Steinbruchindustrie wurde in den Bänden 17, 18, 19, 20 und 21 der Jahrbücher des Heimat- und Geschichtsvereins Holzminden veröffentlicht (spe).







