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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Von Nadeln, Hitze, Wind und asiatischer Musik

Stadtoldendorf (26.01.02). Das Ende der Treppe ist in Sicht, der dritte Stock. Hier, direkt unter dem Dach, riecht es nicht mehr nach Krankenhaus. Auf dem Flur empfangen mich asiatische Klänge. Die sanfte Musik beruhigt, meine Nervosität sinkt.

Zu einem Selbstversuch bin ich eingeladen: Die Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin darf ich am eigenen Körper kennenlernen. Davon kenne ich bis jetzt nichts, Begriffe wie Akupunktur oder Yin und Yang habe ich nur mal am Rande gehört. Ich weiß allerdings, dass es seit einem Jahr im Stadtoldendorfer Krankenhaus die Abteilung für Naturheilkunde und Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) gibt. Aber was passiert hier eigentlich genau?
Ich mache die Tür auf. Die Einrichtung ist sachlich, aber durchaus gemütlich. Keine Krankenzimmer, nur drei Behandlungsräume. Und ein großer gläserner Schrank, in denen unzählige Heilkräuter mit unbekannten Namen lagern. Der Empfang ist freundlich. "Krank bin ich eigentlich nicht", betone ich bei der ersten Diagnose. Oberarzt Dr. Minh Yen Tran lächelt mich milde an. Nach Schmerzen und Beschwerden fragt er zwar auch, aber das Interesse gilt mehr meinem allgemeinen Wohlbefinden: Essgewohnheiten, ob ich gut schlafe und was ich so träume. Dr. Tran und Assistenzarzt Thomas Rudolph machen sich fleißig Notizen auf ihrem Fragebogen. Und dann soll ich den Ärzten die Zunge herausstrecken. Bitte?
Die Zungendiagnose, lasse ich mir sagen, ist neben der Pulsdiagnose eine der wichtigsten Methoden chinesischer Mediziner. Dr. Tran kann auf ihr lesen wie in einem Buch: Ist die Zunge zum Beispiel sehr rot, staut sich Hitze im Körper, Energie (Qi genannt) wird nicht richtig verarbeitet. Erstaunliche Zusammenhänge: Nicht nur der Magen, so lerne ich, verarbeitet Nahrung, sondern auch die Milz. Sie ist für die Qi-Energie zuständig. Zu spätes oder zu hektisches Essen überfordert die Verdauungsorgane, ein "Hitzestau" im Körper ist die Folge, und der ist wiederum auf der Zunge sichtbar. Aha.
Akupunktur und ein besonderer Tee nach einem 4.000 Jahre alten chinesischen Rezept sollen helfen. Und eine Umstellung der Ernährung natürlich. Den Tee stellt der TCM-Experte Tran selbst zusammen. Die ungewöhnlichen Zutaten sehen aus wie Baumrinde. Die sollen in drei Liter Wasser so lange kochen, bis das Wasser bis auf einen Liter verdunstet ist. Der fertige Tee reicht für eine Woche, er soll meinen Energiehaushalt wieder ins Gleichgewicht bringen.
Dazu kommt die Akupunktur. Ein komisches Gefühl, als Dr. Tran ein Dutzend kleiner Nadeln auf meinen Rücken platziert. Zielsicher setzt er sie auf bestimmte Punkte. Dort sollen Energielinien (Meridiane) entlanglaufen. Das tut nicht weh, sondern wird warm. Etwa eine Viertelstunde bleiben die Nadeln drin, derweil liege ich entspannt in dem Behandlungsraum und lausche wieder sanfter asiatischer Musik.
Anschließend bekomme ich eine Tui-Na Therapie. Physiotherapeutin Susanne Verwold knetet mit sanftem Druck meinen Oberkörper durch, drückt gezielt auf einige Stellen. Das ist angenehm, bringt die Wirbelsäule wieder in Form und hilft gegen Rückenschmerzen. Der Unterschied zur normalen Massage aber sind einige spezielle Griffe und Handbewegungen. "Jetzt streife ich den Wind ab", sagt die Therapeutin. Wind?
Die Chinesische Heilkunde beschreibt Einflüsse auf den Körper durch verschiedene Energieformen. Neben Hitze zählt auch Wind dazu.
Der kann sowohl von innen - zum Beispiel durch Stress - als auch von außen durch schlechtes Wetter kommen. Im meinem Körper steckt offenbar eine Menge Wind, denn der ist deutlich sichtbar: Wenn Susanne Verwold stark über den Rücken reibt, färbt sich meine Haut rot. Durch gezielte Handgriffe kann der Wind aber verfliegen.
Ein paar Behandlungstermine später fühle ich mich schließlich fit und locker. Der rote Rücken hat wieder eine normale Farbe, auch die Zunge sieht besser aus, findet Dr. Tran. Ob es am Tee lag, der Tui-Na-Therapie oder den Nadeln? Oder alles zusammen? Vielleicht hat auch das Gespräch mit Psychologin Stephanie Wittwer geholfen. Progressive Muskelentspannung haben wir geübt - nützlich, falls der Stress mal wieder zu viel wird.
Und nun? Um nach chinesischer Sichtweise dauerhaft gesund zu leben, müsste ich meine ganze Ernährung umstellen. Was ich essen darf und was nicht, das hat mir Ernährungsberaterin Linh Hoang erklärt. Denn auch die Nahrungsmittel werden nach Energie sortiert. Gegrillltes und Scharfes sollte ich besser meiden, zu viel Hitze. Auch Lachs gilt als "heiß". Hirse oder Basmatireis dagegen unterstützen die Milz-Funktion. Entscheidend ist eine schonende Zubereitung, und nicht zu spätes Essen: "Zwischen 19 und 23 Uhr können die Verdauungsorgane Magen und Milz am wenigsten verarbeiten", erklärt Linh Hoang.
Mit dieser Erkenntnis scheint die eigentliche Therapie erst zu beginnen. Denn um alle Vorschläge umzusetzen, müssten sich mein Tagesablauf und viele Gewohnheiten ändern. Und das erscheint mir viel schwieriger, als ein Dutzend Nadeln im Rücken zu ertragen. (nig)

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