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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Wenn ein Kleid erzählen könnte...

Bevern (23.09.00)Auf den ersten Blick ist es eher unscheinbar, neben seinen beiden "Schwestern" wirkt es eher schlicht. Und doch ist das hellblaue Seidenkleid das älteste und damit wertvollste aus der "Altkleider-Sammlung" des Heimatmuseums in Bevern. Wenn ein Kleid erzählen könnte, dann müsste dieses eine besonders bewegte Vergangenheit schildern. Hat es wirklich einmal einer Prinzessin gehört? Und wie kam es später in den Besitz der Familie Weper? Wie oft hat es wohl als Hochzeitskleid gedient? Museumsleiterin Marlene Schmidt konnte einen kleinen Teil der Geschichte dieses Kleides rekonstruieren. Aber vor allem geht es um das Kleid selbst, um seine Machart und seine Besonderheiten.

Im September 1999 hatten Jörg und Ilse Lönneker, geborene Stapel, das "Hochzeitskleid der Julie Schünemann" ins Heimatmuseum gebracht. "Sie hat um 1880 geheiratet, das Kleid ist aus dem Schloss, und eine Prinzessin hat es getragen", so die Angaben der letzten Besitzer.
Selbst wenn das Kleid erst 1880 genäht worden wäre, hätte sich Marlene Schmidt darüber sehr gefreut. Doch wenn es wirklich einmal eine Prinzessin getragen haben sollte, müsste es viel älter sein... Und dann würde es wunderbar in die "Kleider-Sammlung" des Museums passen. Gerade erst war mit Hilfe einer Spenden-Aktion die Restaurierung und fachgerechte Präsentation auf Figurinen von zwei anderen schönen Kleidern ermöglicht worden: Ein schwarzes Promenadenkleid aus der Zeit um die Jahrhundertwende und ein luftiges Sommerkleid aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Das neue alte Seidenkleid würde das Trio prima vervollständigen.
Und die kühnsten Hoffnungen bezüglich seines Alters bestätigten sich. Die Textilrestauratorin Hannelore Hogger war restlos begeistert, als sie den Schatz aus dem Beveraner Heimatmuseum das erste Mal sah. Ein Seidenkleid aus dem 18. Jahrhundert, das noch so gut und vor allem so original erhalten war, bekommt sie nicht allzu oft in die Finger. Sie konnte die Entstehungszeit des zweiteiligen Kleides ziemlich genau eingrenzen: 1740 bis 1750. Der hellblaue Seidenstoff ist bei genauerem Hinsehen blau-weiß und in einem floralen Muster gewebt.
Unter dieser kostbaren "Fassade" verbirgt sich ein naturfarbenes Leinen-Unterkleid. Und in ihm verbirgt sich die "Technik" des 18. Jahrhunderts: Das Unterkleid wurde vorne geschnürt, darüber wurden die zwei Seiten des Seidenstoffes überlappend mit Schmucknadeln (Broschen) geschlossen. Erst irgendwann später haben neue Besitzer des Kleides die Technik geändert und auf die hellblaue Seide Haken und Ösen genäht. Nachträglich angebracht wurden auch Spitzen am Ausschnitt und an den Ärmeln sowie ein breiteres Gurtband. Aber bei allen "Neuerungen" blieb doch immer das Original erhalten, so dass Hannelore Hogger das Kleid fast 100-prozentig wieder in den Urzustand versetzen konnte.
Am Ende kostete die Restaurierung "nur" gut 700 Mark, womit das älteste Kleid zugleich das billigste war - bester Beweis für den guten Zustand des Exponates. Diese Summe wurde wiederum aus Spendengeldern aufgebracht. Und die Figurine, auf der das Kleid jetzt ausgestellt ist, bezahlte die Gemeinde (fast 900 Mark). Warum diese teuren Figuren angeschafft wurden, ist übrigens leicht verständlich: Moderne Schaufenster-Puppen haben ganz andere Proportionen als die geschnürten Damen der Vergangenheit...
Während die Textilrestauratorin sich des Kleides annahm, begab sich Marlene Schmidt auf Spurensuche. Was hat es mit der Prinzessinnen-Geschichte auf sich? Um es gleich vorweg zu sagen: Sie wurde nicht bestätigt, ist aber auch nicht unmöglich. Immerhin erlebte das Haus Braunschweig-Bevern in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine Blütezeit: 1733 hatte Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern den preußischen Kronprinzen Friedrich II., Sohn des "Soldatenkönigs" und späteren "Alten Fritz", geheiratet. Elisabeth Christine war die Tochter von Herzog Ferdinand Albrecht II. Die Familie lebte und "herrschte" zwar vorwiegend in Wolfenbüttel, aber auch das Schloss in Bevern wurde zumindest ab und an besucht (erst 1773 wurde die Hofhaltung aufgelöst). Es gab also durchaus Prinzessinnen in Bevern während der besagten Zeit...
Auf einem Selbstbildnis als Schäferin hat sich Elisabeth Christine übrigens 1738 in einem Kleid gemalt, dessen Ärmel genau denen des Museums-Kleides entsprechen. Andererseits ist die hellblaue Robe nicht prunkvoll genug: Auch wenn sie für die späteren bürgerlichen Besitzer etwas ganz außergewöhnliches war, wäre sie am Hof eines Herzogs doch eher von Zofen als von Prinzessinnen getragen worden.
Der nächste "Existenznachweis" des Kleides stammt vom 3. April 1873: Damals soll es Julie Schünemann, geborene Weper, bei ihrer Hochzeit getragen haben. Sie war die älteste Schwester von Heinrich Weper, dem Beveraner Gemeindevorsteher von 1876 bis 1905. Julie Schünemann lebte von 1850 bis 1917. Ihr Hochzeitskleid wurde dann von Generation zu Generation in der Familie weiter vererbt. Zwischenzeitlich landete es mal in Kassel bei der Verwandtschaft, doch es kehrte nach Bevern zurück.
Da es so gut erhalten blieb, steht für Marlene Schmidt fest: Es wird wohl immer nur zu ganz besonderen Anlässen, womöglich nur bei Hochzeiten, getragen worden sein. Wer weiß, wie viele Vorfahrinnen von Ilse Lönneker darin geheiratet haben?
Das hellblaue Seidenkleid steht jetzt zusammen mit den beiden anderen Kleidern in einem separaten Raum des Heimatmuseums. Und dort wird es auch besonders geschützt. Der Raum verfügt über einen Dimmer mit 50 Lux, Fensterläden wurden innen angebracht, es fällt kein UV-Licht auf die kostbaren Stoffe. Von einer Prinzessin oder bei einer Hochzeit wird es wohl nie mehr getragen, aber zumindest einen kleinen Teil seiner Geschichte erzählt das Kleid den Besuchern des Museums... (rei)

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