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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Wenn sich das Herz zu Tode rennt

Jeder Handgriff sitzt: Konzentriert wird am OP-Tisch gearbeitet.

Holzminden (09.07.05). Das neue Leben, das Helmut Heine (Name von der Redaktion geändert) erwartet, hat seinen Preis: 22.000 Euro. „So viel wie ein VW-Golf” kostet die Defibrillator-Implantation, die dem herzkranken Mann eine Zukunft gibt. Eine Zukunft aber, die das Evangelische Krankenhaus Holzminden mit der Krankenkasse aushandeln muss.

Bei dem Herzpatienten, der vor Dr. Sorges auf dem OP-Tisch liegt, hat das Handeln etwas länger gedauert. Ein bereits anberaumter OP-Termin musste verschoben werden. Dabei ist an der Notwendigkeit gar nicht zu rütteln. Helmut Heine hat bereits eine Krankenhauskarriere hinter sich - und ohne den Defibrillator in seiner Brust wohl kaum eine Zukunft. Herzinfarkt, ein vernarbtes Herz, das nur noch die Hälfte der Pumpkraft leistet - das hat ihn ans Bett gefesselt. Und immer wieder ist er einfach umgefallen, weil das Herz nicht mehr wollte, mehr als 200 mal in der Minute schlug und aussetzte. Wenn sich das Herz zu Tode rennt, nennt man das Kammerflimmern. Und wenn dann nicht schnell - wirklich schnell - Hilfe da ist…
Jetzt trägt der Herzpatient die Hilfe immer mit sich herum. In einer Tasche im Brustkorb wacht der kleine Computer fünf, sechs Jahre lang über den Herzschlag des Mannes. Schlägt das Herz zu langsam, sorgt der Zwei-Kammer-Herzschrittmacher für den richtigen Rhythmus. Und wenn das Herz rast, wird der Defibrillator aktiviert.
Der neue „VW” geht dabei schonend mit seinem Patienten um, versucht, beim beginnenden Herz-Galopp schon ein wenig zu bremsen, den Herzrhythmus auszutarieren. Gelingt das nicht, wird es ernst: Helmut Heine wird dann mit einem kräftigen elektrischen Schlag ins Leben zurückgeholt. „Das tut richtig weh”, weiß Dr. Sorges. Aber es rettet das Leben.
Schon auf dem OP-Tisch trifft den Patienten mehrfach der Schlag. Dr. Sorges, der Holzmindener Herzspezialist, und sein Team müssen austesten, wie das Herz reagiert, damit der liebevoll Defi genannte Mini-Computer im Ernstfall richtig und angemessen agieren kann. Die Basis für die Operation haben sie mit einer Untersuchung am Linksherzkathetermessplatz gelegt. Dort ist das kranke Herz elektrophysiologisch (mit einer Messung der EKG-Signale an der Herzinnenhaut) untersucht, die Diagnose gestellt worden. „Ohne den Linksherzkathetermessplatz”, so Dr. Sorges, „könnten wir nicht so zielgerichtet arbeiten”. Die Millioneninvestition des Krankenhauses rentiert sich: Die Klinik entwickelt sich zu einem kleinen Herzzentrum, in dem die Defi-OPs schon bald zum Alltag und ins Budget gehören, das Krankenkassen-o.k. nicht im Einzelfall eingefordert werden müsste. Die Verhandlungen mit den Kassen laufen.
Im OP ist von dem Hin und Her am Verhandlungstisch nicht die Rede. Dr. Sorges und Dr. Nöldeke arbeiten konzentriert, unterstützt vom motivierten OP-Team, begleitet von zwei Spezialisten des St. Jude-Medical, der Firma, die die Defibrillatoren anbietet. Sie stehen am „Cockpit”, dort, wo die Werte des Patienten zusammenfließen, dort, wo fein abgestimmt werden muss, was zukünftig das Herz stimulieren soll.
Zunächst aber muss millimetergenau der richtige Sitz der Sonden im rechten Vorhof und in der rechten Herzkammer gefunden werden. Fingerspitzenarbeit für die Herzspezialisten, denn die Sonden müssen so platziert werden, dass sie alle wichtigen Impulse des Herzens fehlerlos erfassen - und im Ernstfall punktgenau den Elektroschock abgeben können. „Es muss schon passen”, kommentiert Dr. Sorges die Frage nach der Feinarbeit trocken.
Passen muss auch die kleine Höhle, die er unterhalb des Schlüsselbeins freipräpariert. Dort wird der Defi, der die Größe einer Scheckkarte hat, platziert. Und von dort wird auch der Zugang zur Schultervene genommen.
Bis auf eine kleine Narbe wird nichts zu sehen bleiben von dem kleinen Helfer in der Brust, der nach fünf, sechs Jahren ausgewechselt werden muss. Ambulant kann das dann geschehen, erklärt Dr. Sorges. Für ihn ist die Arbeit mit der letzten Naht noch nicht beendet. Nach einer Nacht auf der Überwachungsstation wird er seinen Patienten und den kombinierten Schrittmacher/Defibrillator noch feineinstellen. Zwei Tage später geht es dann nach Hause.
Sieben Defibrillatoren hat Dr. Sorges im letzten Jahr implantiert. Acht sind es bereits in diesem Jahr. „Angestrebt werden 20 Eingriffe pro Jahr”, erklärt Geschäftsführer Markus Bachmann, der weiß, „dass ein solcher Eingriff für ein kleines Krankenhaus wie Holzminden nicht das alltägliche Brot ist”. Die werden sonst in Hannover, Detmold oder Göttingen vorgenommen. Aber mit 20 Defi-OPs - und die werden es in diesem Jahr wohl werden - wäre Holzminden ein kleines Herzzentrum, das sich mit den Kassen auf ein Budget einigen kann. Heute muss in jedem Einzelfall verhandelt werden. Nicht immer mit Erfolg: „Leider mussten wir Patienten schon verlegen, weil eine bestimmte Kasse die wohnortnahe Operation nicht bezahlen wollte”, räumt Bachmann ein. „Dabei erhalten nur Hochrisikopatienten hier einen Defibrillator”, fügt Dr. Sorges hinzu. Und diese Operation wird für die Kassen, wenn sie in Holzminden ausgeführt wird, sogar noch günstiger: „Unikliniken können dafür sehr viel mehr abrechnen”, erklärt Bachmann (bs).

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Täglicher Anzeiger Holzminden

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