Holzminden (10.01.09). Ich habe das Glück, im Zentrum der Stadt zu wohnen und das lebhafte Treiben auf dem Markt beobachten zu können. Auf der Eisbahn gleiten glückliche Pärchen mit harmonisch aufeinander abgestimmten Bewegungen über die Eisfläche, da schieben junge Mütter auf Schlittschuhen mit verklärtem Lächeln ihre Kleinkinder auf Kufen übers Eis, da laufen größere Kinder souverän an allen vorbei. Alle sind winterlich warm vermummt in inprägnierten Anzügen. Niemand muss frieren oder nass werden, denn es gibt heute alle Mittel, dem vorzubeugen. Die Gedanken gleiten zurück...
Wie anders sah es in meiner Jugend aus! Die ersten Eislaufversuche unternahm man mit selbstgestrickten langen Strümpfen, die mit Strumpfhaltern an einem „Leibchen“ befestigt waren. Ein „Leibchen“ war eine Art gehäkeltes Mieder, vergleichbar einem ärmellosen Bettjäckchen, das von der Schulter bis zur Taille reichte. Derlei Dessous sind heute nicht mehr „in“...
Mein Bruder und ich waren dank unserer lieben Oma schon relativ früh glückliche Besitzer von Trainingsanzügen aus Baumwolle, die aber leider noch nicht imprägniert waren und die fatale Angewohnheit hatten, sich schnell voll Wasser zu saugen, das dann gefror. Und wie leicht kam man doch auf glattem Eis zu Fall!
Unsere ersten Versuche auf Schlittschuhen machten wir auf dem Oberen Teich, dem heutigen Tennisplatz von Symrise. Bevor man auf die Eisfläche kam, war ein Wasserloch zu passieren, in das man prompt trat. Schon waren Schuhe und Hose pitschnass – und die Nässe gefror zu Eis.
Bei grimmiger Kälte wurde auch die Steinbreite unter Wasser gesetzt. Für fünf Pfennige Eintritt durfte man über die „Buckelpiste“ mit ihren überfrorenen Grasbüscheln holpern, wo man reichlich oft auf der Nase oder dem Hinterteil lag. Nach nicht allzu langer Zeit war man buchstäblich „von Kopf bis Fuß“ klatschnass und „zu Eis gefroren“. Dann gab es nur noch einen Gedanken: Nach Hause! Heulend, weil man sich denkbar unbehaglich fühlte, total vereist und durchgefroren.
Ein Kind in desolatem Zustand suchte Trost und Wärme... In der offenen Wohnungstür stand mit ausgebreiteten Armen die liebe Oma, die Spenderin der Trainingsanzüge, und drückte liebevoll das Kind an sich, das „den Kribbel“ in den eiskalten Händen und Füßen hatte, in denen sich langsam das Leben wieder regte. Nur schnell die durchnässten Klamotten runter! Und flugs auf die Holzkiste neben dem Herd, der vor Wärme „bullerte“. Höchstes Kinderglück! Welche Wohltat für Körper und Seele!
Oma stellte für meinen Bruder und mich je eine kleine Pfanne – eine schwarze und eine graue – auf den Herd. Es gab „Fett inne Pfanne“: In jede Pfanne kam ein Stück Butter. Und dann tauchten wir kleine Brotstücke in das geschmolzene Fett und verzehrten sie mit höchstem Behagen. Wärme von außen und innen! Kein noch so köstliches Stück Torte vom Konditor hätte besser schmecken können als „Fett inne Pfanne“. Noch heute sind mir Duft und Geschmack gegenwärtig als Inbegriff von Wärme und Geborgenheit.
Die Fotos auf dieser Seite stammen aus den späten 1920er Jahren. Sie wurden dem TAH von Elisabeth Gümmer zur Verfügung gestellt. Der Fotograf ist unbekannt. (Elisabeth Gümmer)

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