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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Wir werden immer weniger und immer älter

Der Anteil der Menschen über 45 Jahren wird in den kommenden Jahren immer größer.

Kreis Holzminden (08.05.04). Der Landkreis Holzminden im Jahr 2012. Die Menschen verlassen den Landkreis, ziehen weg. Häuser stehen leer. In den vergangenen acht Jahren hat die Zahl der Menschen um 5.340 abgenommen. Gerade die 25- bis 45-Jährigen werden immer weniger. Dafür ist die Zahl der über 65-Jährigen um 1.254 angestiegen. Der Landkreis wird immer älter. – Noch ist das eine düstere Vision. Eine Vision, die aber Wirklichkeit werden kann und wahrscheinlich Wirklichkeit wird.

Denn die Zahlen basieren auf Berechnungen des Niedersächsischen Landesamtes für Statistik, des Städte- und Gemeindebundes und des Landkreises Holzminden. Anja Krause, Sozialdezernentin in der Kreisverwaltung, kennt sie: „Wir berechnen immer wieder die zukünftige Bevölkerungsentwicklung, um rechtzeitig reagieren zu können. Denn die Zahl der Menschen, die im Landkreis leben, hat gewaltige Auswirkungen auf Kindergärten, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen.“
Die Gründe für den Rückgang sind schnell aufgezählt: Immer mehr Menschen verlassen das Weserbergland und suchen Arbeit und Zukunft in anderen Regionen. Vor allem aber ist es das Geburtendefizit. Seit 1970 liegt die Zahl der Sterbefälle über der Zahl der Geburten. Gab es 1969 noch 1.280 Geburten und 1.214 Sterbefälle kippte ein Jahr später die Bilanz. 1970 gab 277 mehr Sterbefälle als Geburten: 1.363 starben und 1.086 neue Erdenbürger erblickten im Landkreis das Licht der Welt. Dieser Trend hält seitdem an. Die wenigsten Geburten gab es im Jahr 1983 (661) und im vergangenen Jahr 2002 wurden 676 Kinder geboren, während 1.055 Menschen verstarben. Während die Zahl der Sterbefälle sich in den vergangenen 30 Jahren kontinuierlich zwischen 1.000 und 1.200 entwickelte, sank die Geburtenrate von 1.000 auf durchschnittliche 700.
Zwar beruhe die Bevölkerungsabnahme nur zu einem geringen Anteil „auf einem negativen Wanderungssaldo, aber das aktuelle Wanderungssaldo ist jetzt schon bereits höher als prognostiziert.“ Gerade bei den 25- bis 45-Jährigen - die Generation der Babyboomer - wird sich die Lage dramatisch verschlechtern. Bis 2012 wird diese Bevölkerungsgruppe um fast 26 Prozent (minus 5.434) abnehmen. Das hat gewaltige Konsequenzen, befürchtet die Sozialdezernentin. „Die Babyboomer sind besonders wirtschaftlich interessant. Wenn diese Gruppe weniger wird, nimmt auch die Kaufkraft ab.“
Aber auch bei den Jugendlichen und Heranwachsenden befürchten die Experten drastische Rückgänge. So nimmt die Zahl der fünf bis 25-Jährigen bis 2012 um 15,36 Prozent (minus 1.364) und die Zahl der 16- bis 25-Jährigen um 5,14 Prozent (minus 439) ab. „Der Verlust an jungen Menschen schwächt die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft“, sieht Anja Krause als besondere Gefahr.
Besonders brisant im Landkreis Holzminden: Während die Jungen verschwinden, werden die Älteren immer mehr. Der Anteil der 45- bis 65-Jährigen steigt bis 2012 um 3,04 Prozent von 20.940 auf 21.577. Und die Gruppe der ab 65-Jährigen vergrößert sich um 7,21 Prozent von 17.397 auf 18.651. Optimistisch bleiben die Bevölkerungsforscher bei den ganz Kleinen. Hier rechnen die Experten mit einer gleichbleibenden Tendenz. Gab es 2002 im Landkreis 3.728 Kinder unter fünf Jahren, so sollen es im Jahr 2012 3.734 sein.
Innerhalb des Landkreises selbst gibt es zwischen den einzelnen Gemeinden drastische Unterschiede. Obwohl alle Orte Verluste zu beklagen haben werden, trifft es nach der Prognose Eschershausen am härtesten. Dort werden bis zum Jahr 2012 11,01 Prozent weniger Menschen leben. Auch in Polle wird ein Rückgang um 9,66 Prozent befürchtet. Anja Krause macht dabei allerdings klar, dass man die Prozentzahlen immer in Relation zur Einwohnerzahl sehen müsse. Den größten Verlust bei den 25- bis 45-Jährigen wird die Kreisstadt Holzminden hinnehmen müssen. Dort wird für diese Bevölkerungsgruppe ein Rückgang von 29,5 Prozent vorausberechnet.
Die Bevölkerungsvorausberechnung hält für den Landkreis auch Überraschungen parat, die gegen den kreisweiten Trend laufen. So wird in Polle, Stadtoldendorf und Eschershausen der Anteil der 65-Jährigen und Älteren stagnieren oder sogar zurückgehen. Dem gegenüber nimmt der Anteil dieser Gruppe in Delligsen (plus 18,29 Prozent) und in Boffzen (plus 13,1) überdurchschnittlich zu.
Seit 1968 gab es bei der Bevölkerung im Landkreis Holzminden einen stetigen Rückgang. 1968 lebten noch 89.150 Menschen zwischen Weser und Ith, heute sind es 80.338. Und es wären noch viel weniger gewesen, wenn es nicht die Deutsche Einheit gegeben hätte, berichtet Anja Krause. Von 1988 (damals lebten hier 79.123 Menschen) bis 1993 stieg die Bevölkerungszahl um 4.233 auf 83.356. „Das waren die positiven Wanderungsbewegungen durch die Einheit. Damals gab es einen richtigen Schub.“

Den Wandel als Chance begreifen

Kreis Holzminden (fhm). „Wir müssen den Wandel als Chance begreifen.” Anja Krause, Sozialdezernentin des Landkreises Holzminden, sieht in der Veränderung bei der Bevölkerungsentwicklung auch die Möglichkeit, positive Entwicklungen anzustoßen. „Wir können den Landkreis noch attraktiver machen.” Beispiel Kindergärten: Weniger Kinder könnte natürlich weniger Kindergärten bedeuten. Aber würde man in der Zukunft die Gruppenstärke verringern, könnte man eine neue Qualität bei der Kinderbetreuung erreichen. „Aber dafür muss man weiterhin die gleiche Menge an Geld zur Verfügung stellen, wenn man das will.”
Allerdings würde eine solche Form der Betreuung für Menschen einen zusätzlichen Anreiz bedeuten, in den Landkreis zu kommen, ist sich Anja Krause sicher. Denn wenn weniger Kinder in einer Kindergartengruppe wären, könnte die Betreuung noch intensiver sein. Der Landkreis Holzminden setze seit Jahren auf eine intensive Kinderbetreuung und sei in vielen Dingen Vorreiter. Der Verein der Tagesmütter, die Sprachförderung und die Fördergruppen haben den Landkreis bei landesweiten Vergleichen in die Spitzengruppe geführt.
Auch bei der Schullandschaft wird die Bevölkerungsentwicklung für eine Veränderung sorgen. Allerdings gibt es bei der Entwicklung der Schülerzahlen keine stetige Entwicklung, sondern eine Wellenbewegung. Auch hier geht es um Sicherung der Schulversorgung und der Schulstandorte.
Schon jetzt gebe es eine dauernde Kommunikation zwischen Schulleitungen und Kommunen. Die Sicherung und der Ausbau der Bildungsqualität stehe dabei im Vordergrund. Beispiele für Projekte, die auf die Zukunft gerichtet sind, seien im Landkreis Holzminden die Region des Lernens und die kreisübergreifende Zusammenarbeit mit Höxter bei den Berufsschulen.
„Kooperationen wie mit Höxter werden immer wichtiger”, weiß Anja Krause. Wenn mit dem Wegfall der Bezirksregierungen auch die Zuständigkeitsgrenzen innerhalb des Landes fallen, müsste man auch den Blick nach Northeim und Uslar richten. Immer wichtiger werden Schulsozialarbeit und Ganztagsbetreuung werden, ist sich die Sozialdezernentin sicher (fhm).

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