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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Wo die Luft wirklich dünn wird

Stadtoldendorf (28.10.00). Ein Glas Wodka gehört einfach dazu: "Um die Bazillen abzutöten", grinst Roland Räcker, "wenn die Luft dünn wird, dann kann man sich keine Erkältung erlauben." Und für den 32-Jährigen wurde die Luft wirklich dünn. Den Elbrus, höchster Berg im Kaukasus, mit 5642 Metern einer der sieben höchsten Berge der Erde, wollte der Stadtoldendorfer erklimmen. Und er hat es geschafft.
Heute, drei Monate später, blickt er zufrieden auf die Bergtour zurück. Stolz, dass er es geschafft hat, den Strapazen und Anstrengungen zu trotzen.

Von russischer Seite aus startete Roland Räcker die Bergtour. Daher auch der Tipp mit dem Wodka. Gemeinsam mit fünf weiteren Hobby-Bergsteigern, organisiert von einem östereichischen Reiseveranstalter, ging es anfangs per Flugzeug Richtung Moskau. Von dort, nach einem Besuch auf dem Roten Platz, ging es in das Kaukasusgebiet, fast bis an die Grenze zu Tschetschenien. "Unser Gebiet war vom Krieg aber nicht betroffen", beruhigt Räcker. Auch wenn die Stadt Grosny, in der die Kämpfe toben, nur etwa 250 Kilometer vom Berg entfernt liegt.
Zur Sicherheit, hatte sich Räcker vor der Reise eine spezielle Bergkarte aus dem Internet besorgt. Mit eingezeichneten Räuber- und Freischärler-Gebieten. "Das macht schon Angst", meint der Familienvater im nachhinein. "Unsere geplante Route war aber nicht gefährdet." Trotzdem hat er seiner Frau lieber nichts davon erzählt, dass es eine solche Landkarte überhaupt gibt.
Auch ohne Zwischenfälle ist so eine Bergbesteigung schon hart genug. Fordert Kondition und Motivation auf das Äußerste. "Der Elbrus ist zwar vom technischen Anspruch nicht so schwierig. Aber die enorme Höhe und die dünne Luft macht sich sehr bemerkbar", sagt Räcker. Mit der Zeit werden die Schritte kürzer, die Pausen länger, fällt das Atmen schwerer.
Aber die Gruppe hat es geschafft. Komplett erklomm sie den Gipfel, schaffte ohne Unfälle auch den Rückweg. Und begegnete zwischendurch vielen Bergsteigern, die auf halber Strecke aufgeben mussten: An "Höhenkoller" litten, vor Kopfschmerzen schrieen oder sich im Nebel verirrten.
Dass es Räcker und seine Gruppe schafften, verdanken sie der Taktik ihrer beiden Bergführer Nikolaj und Michail. Nikolaj hat viel Erfahrung, war auch schon auf dem Mount Everest und kennt die Gefahren. So ließ er seine Schützlinge - zwei Österreicher und vier deutsche - erst einige Tage auf halber Höhe aklimatisieren. Das letzte befestigte Camp, die "Biwakschachtel" in 3.800 Metern Höhe, diente als Ausgangspunkt für die weiteren Bergtouren. Allein diese Wohncontainer zu erreichen, war schon mit Strapazen verbunden. Eigentlich fährt dort eine Seilbahn hoch,", meint Räcker und unterstreicht: "Eigentlich". Denn weil in Rußland alles etwas anders ist und bei der Seilbahn ein Stück Seil fehlte, fuhr sie zum Teil nicht. Das hieß für die Bergsteiger: Mit kompletten Gepäck, Zelten und Ausrüstung den Aufstieg zu Fuß bewältigen. Zumindest das Teilstück zwischen 2.200 und 2.800 Höhenmetern. Für die Etappen davor und danach vertraute man sich dem noch funktionierenden Stück der Seilbahn an.
"Die Biwak-Schachtel sah schlimm aus", bringt es Räcker auf den Punkt. Zehn rote, runde Wohncontainer, die aussehen wie Treibstofftanks, dienen als Herberge. Und die deutsche Gruppe hatte noch Glück: Ihr Bergführer kannte den Containerverwalter ("Vom Wodka benebelt"), und der rückte den Schlüssel für einen der Container raus. Andere Bergsteiger mussten draußen in Zelten schlafen. "Aber der hervorragende Blick ins Tal entschädigt für vieles", meint Räcker im Nachhinein.
Die nächsten vier Tage tastete man sich jeweils von der Biwakschachtel aus Stück für Stück näher an den Gipfel heran. Erst auf 4.200 Metern zum "Prijut 11", einer Berghütte, die aber abgebrannt war, tags darauf schon weiter zum Pastukhova-Felsen auf 4.800 Metern. "Da haben wir das erste Mal gemerkt, wie dünn die Luft ist", erinnert sich Räcker. Sein Rezept, um die Höhe und den Sauerstoffmangel zu ertragen: "Aspirin schlucken, um das Blut dünner zu machen. Aber bei diesem Thema gehen die Meinungen auseinander." Ihm jedenfalls hat es geholfen. Bei dem Aufstieg auf 4800 Meter Höhe kamen auch zum ersten Mal Steigeisen zum Einsatz, die Schritte wurden spürbar kürzer. Nachmittags ging es immer wieder brav zurück zur Biwakschachtel. So auch bei dem dritten Marsch, der dann schon bis auf 5050 Metern Höhe ging. "Nach vier Nächten in diesen Containern wird es schon langweilig", meint Räcker, "man wird ungeduldig." Wenigstens spielte das Wetter mit. "Wir hatten immer angenehme Null Grad im Lager", erzählt Räcker ganz ernst, "und immer blauen Himmel. Manchmal sind wir sogar im T-Shirt rumgelaufen."
Und dann kam er endlich: der Gipfeltag. Nachts um 1 Uhr hieß es aufstehen, die Rucksäcke waren schon gepackt. Im Dunkeln, ausgestattet mit Helmlampen, machte sich die Gruppe auf den Weg durch das Eis. Der erste Teil der Strecke war durch die drei Übungsmärsche schon bekannt. Dann, um 11 Uhr Ortszeit, endlich am Ziel: Der Gipfel. Einsam flatterte eine halb zerfetzte blaue Fahne im Wind: der Gipfel. Die Gruppe hatte es geschafft. "So eine Herausforderung hatte noch keiner aus unserer Gruppe vorher erlebt", erzählt Räcker. "Richtig heftig waren die letzten 200 Höhenmeter."
Auf 5.400 Metern Höhe teilt sich der Berg quasi in zwei Gipfel, dann wird der Aufstieg richtig schwer, der Wind wird aggressiv. "Man setzt dann nur noch einen Fuß vor den anderen, die Belastung ist wirklich hart", stöhnt Räcker im Nachhinein. Und das, obwohl er sich mehr als ein halbes Jahr auf die Reise vorbereitete, sich eine sehr gute Kondition antrainierte: "Man musste auf die Zähne beißen, aber wir haben es alle geschafft. Das war eine runde Sache", triumphiert er nun, wieder glücklich zu Hause angekommen. Und neben vielen Erfahrungen und dem Gipfelerlebnis hat er noch etwas anderes mit nach Hause genommen: "Die Sonnenuntergänge waren wirklich toll" (nig)

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