Holzminden (26.03.2011). Vorweg sei gesagt: Ich bin 1924 in einer Beamtenfamilie geboren und herangewachsen. Da ich von klein auf ziemlich hellhörig war, bekam ich früh mit, dass „Sparsamkeit“ in der Familie groß geschrieben wurde. Ich möchte aber betonen, dass es meinem Bruder und mir an keinem Tag an irgendetwas gefehlt hat.
Ich war die Jüngste in unserer „Sippe“. Auch die Nachbarskinder waren älter als ich und gingen schon zur Schule. Wenn ich also frühmorgens fertig angezogen war, dekoriert mit handgestickter Schürze, langweilte ich mich zu Hause. So machte ich mich alsbald auf Wanderschaft, das heißt ich besuchte die gegenüber wohnenden Mütter, deren Kinder in der Schule ware. Ich klingelte, machte meinen Knicks, grüßte fröhlich – und schon war ich drin. Frau Eggers sagte: „Kind, gut, dass du kommst, ich habe schon auf dich gewartet!“ Schwupps saß ich auf dem großen Bohnerbesen, und dann ging es unter Jubelrufen den ausgedehnten Flur entlang, „rauf und runter“.
Im Nebenhaus lief ich noch zum dritten Stock hoch und sagte Frau Jäger artig „Guten Morgen“. Doch sie hatte immer viel Arbeit. Gleich sollten Hermann, Hilde und Linchen und der große Vater nach Hause kommen. Die wollten alle Mittagessen haben. Trotz strikten Verbots meiner Mutter guckte ich interessiert beim Essen zu.
Ich erzählte den Nachbarinnen alles, was in unserer Familie vor sich ging, und diese sagten es lachend meiner Mutter wieder. Woraufhin mir klargemacht wurde, dass man nicht unbedingt alles „ausprahlen“ musste... Am Nachmittag waren dann, wie schön, die anderen Kinder zurück, die mich selbstverständlich gern mitspielen ließen, sei es beim „Suchen“- oder „Kriegenspielen“, bei „Holland – Seeland“ oder bei Kreisspielen wie „Ist die schwarze Köchin da?“ und „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“. Bedenken wegen „rassistischer“ Aspekte lagen uns (natürlich) völlig fern. Mit den größeren Jungen spielten wir „Räuber und Gendarm“, von uns Kindern „Räuber und Schandu“ genannt. Wir hatten keine Ahnung, was das bedeutete. Beliebt als Spiel war ferner die „Ballprobe“ an der Hauswand.
Das Paradies für meinen Bruder und mich war der weitläufige großelterliche Garten an der Steinbreite, wo wir die meiste Zeit unserer Kindheit verbrachten. Wir durften alle unsere Freundinnen und Freunde mitbringen, „Buden“ bauen, Höhlen graben, in den Bäumen herumklettern, nach Herzenslust Obst essen. Dieses gab es in Hülle und Fülle, in allen Sorten. Wir Kinder zählten 82 Obstbäume und zusätzlich viel Beerenobst. Im Herbst wurden zentnerweise Zwetschgen geerntet und zu Mus verarbeitet. Es waren spannende, aufregende Tage für uns Kinder!
Ein weiterer Höhepunkt in meinem Leben war es, wenn die Hausschneiderin zu uns kam, die ich so gern mochte und zu der ich „Gustchen“ sagen durfte, was ich zu „Tuss“ verkürzte. Sie zauberte mir aus Kleidern, aus denen meine zehn Jahre ältere Cousine herausgewachsen war, wunderschöne Anziehsache. Das Anprobieren allerdings war eine Geduldsprobe...
Ich hockte den ganzen Tag zu den Füßen von „Tuss“ an der Nähmaschine und hörte leidenschaftlich gern, was „Tuss“ von Otto, ihrem Verlobten, erzählte... Dabei starrte ich stets fasziniert auf ihren linken Ringfinger, an dem sie einen dicken Ring trug mit einem großen grünen Stein, umgeben von funkelnden „Brillanten“. „Tuss“ hatte reiche Verwandte in Dänemark. Von ihnen kam wohl der schicke Ring, der meine Fantasie so beschäftigte. 20 Jahre später erzählte „Tuss“ mir, dass sie den Ring einmal bei Karstadt in Braunschweig für 3,50 Mark erworben habe.
Wenn „Gustchen“ bei uns nähte, gab es ein besonders gutes Mittagsessen und vor allem eine leckere Nachspeise, zum Beispiel Zitronen- oder Schokoladencreme, hmmm...
Mit dem neu genähten Kleid ging ich am nächsten Morgen gleich zu Frau Bussmann, die mir die liebste von allen Nachbarmüttern war und zu der ich volles Vertrauen hatte. Mit liebevollem Blick begutachtete sie mich und lobte das neue „Outfit“. Ich stromerte in ihrer Wohnung herum, die ich heute, nach über 80 Jahren, noch haargenau beschreiben könnte, bis in jede Ecke. Ich erinnere mich lebhaft an einen Morgen, an dem mich eine Schale mit besonders schönen, rot polierten Äpfeln auf dem Esszimmertisch faszinierte. Ich habe sie wohl sehnsüchtig und ein bisschen begierig angesehen, so dass Frau Bußmann fragte: „Na, Lisa, Du möchtest wohl einen von den Äpfeln haben?“ Wohlerzogen und mütterlicher Ermahnungen eingedenk antwortete ich mit den unvergessenen „Worten aus Kindermund“: „Nein danke. Am Ersten, wenn meine Mutter wieder Geld hat, dann kauft sie auch solche Äpfel.“
Wie gesagt: Beamtenkind… Man erinnere sich an den Anfang dieser kleinen Geschichte – und an den „Paradiesgarten“ mit seinem reichen Angebot an allem Obst! (Elisabeth Gümmer)

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