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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Zeugnisse einer dunklen Vergangenheit

Detlef Creydt (links) erklärt anhand eines Modells den Standort der Baracken.

Holzen (09.11.07). Das Wetter entspricht dem Anlass: Es ist ein regnerischer Sonnabend, in den Tälern des Hils liegt Nebel. Das Thema dieses Tages ist ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Es geht um Zwangsarbeit, um in den Wäldern des Hils verborgene Lager, und Menschen, die hier im Zweiten Weltkrieg für die Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Detlef Creydt leitet die Exkursion durch die Stätten der Zwangsarbeit, 40 Interessierte versammeln sich am Treffpunkt, dem Dorfgemeinschaftshaus Holzen. Creydt ist Experte zum Thema Zwangsarbeit im Hils: Vier Bücher hat Creydt über Zwangsarbeit im Landkreis Holzminden geschrieben, seit 1987 beschäftigt er sich eingehend mit diesem Teil des Krieges, wenig später fanden die ersten Führungen durch das Gelände statt, seither lädt Creydt regelmäßig zusammen mit der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben und dem Heimat- und Geschichtsverein Holzminden zur Exkursion.
Unterschiedliche Beweggründe führen die Teilnehmer an diesem ungemütlichen Sonnabend her. Manche interessieren sich für Rüstungsgeschichte, andere haben etwas erzählt bekommen und wollen wissen, was in den Kriegsjahren im Landkreis geschah. Ein junger Mann sagt: „Ich erfuhr erst kürzlich, dass es die Lager hier gegeben haben soll - nur 20 Kilometer von meinem Heimatort entfernt.“ In der Schule habe er davon nie etwas gehört, nun möchte er Antworten. Detlef Creydt wird sie ihm und den anderen Teilnehmern der Exkursion im Lauf der folgenden sechs Stunden geben.
Ein kurzer Vortrag führt ein in die komplexe Thematik. Creydt definiert den Begriff „Zwangsarbeit“ und erklärt anhand von Kartenmaterial, wo die Baracken für Kriegsgefangene, italienische Militär-Intervenierte und ukrainische Freiwillige lagen - versteckt unter Bäumen, geschützt vor feindlicher Beobachtung aus der Luft. Dazu die Standorte der Männer- und Frauenlager, die Unterkünfte der zur Arbeit in Deutschland gezwungenen Osteuropäer und der sogenannten „Mischlinge“ oder „jüdisch Versippten“. So der damalige Sprachgebrauch für Menschen, die einen jüdischen Ehepartner, Eltern- oder Großelternteil hatten.
Creydt nennt Zahlen, die erschrecken und die Dimensionen eines brutalen Systems offenbaren: Im September 1944 waren 7,9 Millionen Zwangsarbeiter in der deutschen Rüstung, Industrie oder Landwirtschaft tätig, wurden geknechtet und an den Rand der körperlichen Belastbarkeit gebracht. Zwölf Millionen Menschen wurden während des gesamten Kriegsverlaufs (1939 bis 1945) zur Zwangsarbeit in deutschen Betrieben eingesetzt. Zwei Drittel waren Frauen, deren Durchschnittsalter bei 18 Jahren lag.
Am Modell zeigt Detlef Creydt den Teilnehmern das Konzentrationslager (KZ) Holzen, ein Außenlager des KZ Buchenwald. Vier Baracken standen dort, wenig Platz für die durchschnittlich 1.000 Häftlinge. Nach dem einleitenden Vortrag fährt die Gruppe in den Hils, an die Orte des Geschehenen: Zu der Stelle oberhalb des Dorfes, an der das mit Zäunen und Wachtürmen geschützte Lager stand. „Das KZ war gut sichtbar, seine Existenz kein Geheimnis“, sagt Creydt und hebt ein Häftlingsschicksal hervor: „Der Marquis de Vichy, ein Offizier der französischen Armee und Neffe Charles de Gaulle, musste im KZ Holzen Zwangsarbeit leisten.“ Er überlebte das Lager nicht, seine sterblichen Überreste suchte man nach Kriegsende auf Anweisung de Gaulles fieberhaft - vergebens. 1946 bauten die Holzener ein Kriegerdenkmal für ihre gefallenen Soldaten - erst bei diesen Bauarbeiten wurde der Marquis gefunden.
Detlef Creydt kennt viele solcher Geschichten. Der Exkursionsleiter erzählt anschaulich vom Leben und Sterben im Hils. Von KZ-Häftlingen, die am Sonntag, nach einer kräftezehrenden Arbeitswoche, gezwungen wurden, im Laufschritt Steine aus dem Steinbruch oberhalb Holzens in das Außenlager zu tragen. „Die Häftlinge waren durch die schwere Arbeit ausgezehrt, schlecht ernährt, oft auch krank“, weiß Detlef Creydt. „Ihr Sterben wurde in Kauf genommen, sogar einkalkuliert“. Belegt ist der Tod von 136 Menschen im KZ Holzen. Damals gefertigte Quader aus Hilssandstein findet man heute im Steinbruch, einsam daneben eine vergessene Umlenk- und Führungsrolle.
Das weitreichende Tunnelsystem unter Ith und Hils nutzten Firmen, die für die Rüstung produzierten. Im „Stollen Gustav“ schufteten die Zwangsarbeiter ebenso wie in den so genannten „Waldfabriken“. Die Tunnel entstanden im 19. Jahrhundert im Zuge des Abbaus der riesigen Asphaltvorkommen. Im Zweiten Weltkrieg boten sie Unterschlupf und ermöglichten es, die Rüstungsproduktion aufrecht zu erhalten, Flugzeugteile und Motoren zu fertigen. Auch das Unternehmen VW produzierte im Hils und quartierte, als es den Auftrag zu Entwicklung und Bau eines modernen Jagdflugzeuges erhielt, 60 Ingenieure in die Raabeschule in Eschershausen ein. Die Zwangsarbeiter waren in der Nähe der unterirdischen Arbeitsstätten untergebracht: Im Lager Lenne bei Vorwohle.
Heute sind die Fundamente von über 40 Baracken freigelegt, die verdeutlichen, auf welch engem Raum die rund 5.500 Zwangsarbeiter leben mussten. Schüler der Realschule Delligsen haben zusammen mit Detlef Creydt einen „Lehrpfad zu den Stätten der Zwangsarbeit im Hils“ realisiert. Er führt vorbei am ehemaligen VW-Entbindungsheim, zu den Überresten der Unterkünfte von Russen, Italienern, Polen und Zuchthäuslern. Das Lager verfügte über eine geordnete „Infrastruktur“: Neben Appellplatz und Stromnetz gab es ein Sanitäts-gebäude, in dem der Eschershäuser Arzt Dr. Wöldeke die Häftlinge medizinisch betreute. Beim Durchstreifen des Geländes entdecken die Teilnehmer alte Spülbecken aus der Kantinenbaracke, manchmal Scherben. Weitere Zeugnisse dieser Zeit, die nur entdeckt, wer aufmerksam sucht, sind Stromleitungen sowie Isolatoren aus Porzellan an einzelnen Bäumen. Und es gibt Einritzungen in den Rinden, die von Häftlingen stammen, und die Umrisse einer Ziege, die Initialen „L.F.“, den Namen „Ro-man“ zeigen. Der Heimat- und Geschichtsverein beschilderte diese Bäume als „Kulturdenkmal“. Der Ehrenfriedhof in Holzen ist ein Ort der Stille. Ein Gedenkstein prägt das Bild, den italienische Militär-Intervenierte zur Erinnerung an die in der Lagerhaft gestorbenen Kameraden errichteten. Die Exkursionsteilnehmer sind nachdenklich. Sie betrachten die Kreuze auf dem Friedhof und bleiben stehen an einem abseits gelegenen Stein, den die ehemaligen KZ-Häftlinge des Lagers Holzen „der hilfsbereiten Försterfamilie Kiel“ widmeten. Als Dank, dass das Ehepaar - trotz Lebensgefahr - den Häftlingen Brot und Äpfel zusteckte.
Creydt: „Dieser Gedenkstein ist in seiner Form und Aussage der Einzige mir bekannte in Deutschland“ (peu).

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