Corvey (19.11.05). Was haben Corvey und das Hermannsdenkmal bei Detmold gemeinsam? Was verbinden die alte Reichsabtei, die im Jahr 822 gegründet wurde, und das heroische Bild des Germanenfürsten? Ohne Corvey gäbe es dieses Monument zur Erinnerung an den Sieger der Schlacht im Teutoburger im Jahr 9 nach Christus nicht. In Corvey beginnt die Erinnerung an Hermann den Cherusker - allerdings steht am Anfang des Kultes um den Befreier Germaniens ein Diebstahl.
Die siegesgewohnten Römer mussten vor fast 2.000 Jahren in den Sümpfen des Teutoburger Waldes eine empfindliche Niederlage hinnehmen. Drei Legionen vernichtete Arminius mit seinen Truppen, nur wenige Römer überlebten die Schlacht. Sie zogen sich hinter den Rhein zurück und starteten keine weiteren Versuche Germanien zu erobern. Germanien wurde im Gegensatz zum Großteil Europas nicht Bestandteil des römischen Imperiums.
Etwa hundert Jahre nach diesem für die Römer traumatischen Ereignis beschrieb der römische Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus (55 bis 120 nach Christus) in seinem Geschichtswerk „Annales” die Umstände der römischen Niederlage. Es ist einer der wenigen Berichte aus der Antike über die Germanen und deren Kampf gegen die Römer.
In den folgenden Jahrhunderten geriet das Werk des Tacitus jedoch in Vergessenheit. Im Mittelalter erinnerte sich kaum jemand an diesen Autoren. Damit verschwand auch Arminius im Dunkel der Geschichte. Nur noch in einigen Klöstern gab es in den Bibliotheken Abschriften der Werke antiker Autoren. Allerdings wussten die meisten Mönche nicht mehr, um was es sich bei diesen Werken handelte. Auch im Kloster Corvey gab es eine Bibliothek, die, so berichteten Besucher, sehr gut ausgestattet gewesen sein muss.
Seit 822 hatten in Corvey Benediktinermönche eine der einflussreichsten Abteien aufgebaut. Ein Kloster, das vom 9. bis zum 13. Jahrhundert zu den wichtigsten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zählte. Von hier aus wurde Skandinavien missioniert und Corvey war Schauplatz nationaler und internationaler Politik zur Zeit der Salier und Staufer. Die Mönche hatten eine eigene Klosterschule, weitläufige Ländereien, eine große Bibliothek und natürlich auch ein eigenes Skriptorium. So nannte man den Raum, in dem schriftkundige Mönche mit der Hand Texte kopierten und somit vor der Zeit des Buchdrucks wichtige Bücher vor dem Vergessen bewahrte. Zudem war es im Mittelalter üblich, wertvolle Handschriften einem geschätzten Abt oder Würdenträger zum Geschenk zu machen.
Im 16. Jahrhundert war allerdings die Blütezeit Corveys vorbei. Zwar lebten und arbeiteten weiterhin Mönche im Kloster, doch der Einfluss und die Bedeutung Corveys war auf die Umgebung begrenzt. Die Mönche wussten auch nicht mehr, welche Schätze in ihrer Bibliothek lagerten. In der Zeit der Renaissance waren Handschriften antiker Autoren sehr begehrt. Ein regelrechter Handel mit den Pergamentrollen aus dem Altertum hatte in Europa eingesetzt. Besonders die Adeligen in Italien und speziell der Papst in Rom waren hinter diesen Manuskripten her. Die schickten Männer durch ganz Europa auf der Suche nach alten Handschriften.
Einer dieser „Handschriftenjäger” besuchte im Jahr 1507 das Kloster an der Weser und blieb in Corvey über Nacht. Als er am nächsten Morgen seine Reise fortsetzte hatte er 44 Pergamente in seinem Gepäck, die eigentlich den Corveyer Mönchen gehörten. Es war die einzige noch erhaltene Abschrift der „Annales” des römischen Geschichtsschreibers Tacitus. Der Mann hatte die Pergamentrollen gestohlen. Wer dieser Mensch war, weiß man heute nicht. Auf jeden Fall taucht die Handschrift aus Corvey ein Jahr später in Rom auf.
Als Besitzer wird Giovanni Angelo Arcimboldi genannt, Jurist in Diensten des Papstes. Für 500 Golddukaten verkaufte Arcimboldi die wertvolle Handschrift einige Jahre später an Papst Leo X. in Rom. Der veranslasste, das aus der Handschrift ein gedrucktes Buch wurde. 1515 erschien die erste Auflage der „Annales” des Tacitus. Dem Papst muss klar gewesen sein, dass die Handschrift auf nicht ganz legalem Wege nach Rom gekommen ist. In einem Brief aus dem Jahr 1517 gibt er offen zu, dass die alte Handschrift den Mönchen gestohlen wurde. Als Ausgleich, so verkündete er, habe er den Mönchen eine gedruckte Fassung der Handschrift in einem besonders schönen Exemplar zukommen lassen. Außerdem gewährte Papst Leo X. der Kirche des Klosters ewigen Ablass. 1519 wurde eine zweite Auflage des Tacitus-Werkes gedruckt,1533 sogar eine dritte Auflage, die besonders in Deutschland weit verbreitet wurde.
Dort sorgte die Entdeckung der „Annales” auf besondere Weise für Aufsehen. Zu Beginn der Reformation fiel die Geschichte um den „Befreier Germaniens”, so nannte Tacitus den Cherusker-Fürsten Arminius, auf fruchtbaren Boden bei deutschen Gelehrten. Ulrich von Hutten widmete Arminius im Jahr 1523 ein Buch. 1535 veröffentliche Georg Spalatin, der einstige Kaplan Friedrichs des Weisen und Freund Martin Luthers, sein Werk „Von dem teuren deutschen Fürsten Arminius”. Spalatin war es auch, der Auszüge aus dem Buch von Tacitus aus dem lateinischen ins Deutsche übersetzte, um den Lesern die Passagen über Arminius im Original zu präsentieren. Spalatin übersetze den lateinischen Namen Arminius dabei mit Harmin oder Hermann.
Nach Spalatin begann ein richtiger Kult um Hermann den Cherusker. Gelehrte versuchen den Ort der Varusschlacht zu finden und Arminius wurde zum Träger eines neuen deutschen Nationalstolzes. Allein bis 1700 erscheinen über 200 Bücher, die Arminius und die Schlacht im Teutoburger Wald zum Gegenstand haben.
Von den Corveyer Mönchen ist nicht bekannt, ob sie die Handschrift aus Rom zurückgefordert haben. Sie schienen sich mit dem gedruckten Buch und dem ewigen Ablass zufriedenzustellen. Corveys Entwicklung nahm in den folgenden Jahrzehnten keinen guten Verlauf. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) wurde die altehrwürdige Abtei fünf Mal überfallen, ausgeraubt, geplündert und schließlich niedergebrannt. Auch die einstmals berühmte Bibliothek, in der vermutlich viele weitere wertvolle Handschriften aufbewahrt wurden, ging in den Flammen auf. Die wenigen Reste befinden sich heute in verschiedenen Bibliotheken. Die Handschrift des Tacitus, die den Corveyer Mönchen gestohlen wurde und das Nationalbewusstsein der Deutschen im späten Mittelalter entfachte, wird heute in der Biblioteca Medicea Laurentiana in Florenz aufbewahrt. Nach dem Tod von Papst Leo X. ging sie in den Besitz der Familie der Medici über. Der Kulturkreis Corvey will 2007 mit einer großen Ausstellung, wissenschaftlichen Fachtagungen, Vorträgen und Veröffentlichungen an den Raub der Tacitus-Handschrift erinnern. Außerdem soll die Wirkung der Corveyschen Pergamente auf die weitere deutsche Geistesgeschichte genau untersucht wurden. Denn wenn man in Corvey die Tacitus-Handschrift nicht gefunden hätte, wüsste man heute nichts vom Germanenfürsten Arminius und seinem Kampf gegen die Römer. Und dann hätte es natürlich auch kein Hermannsdenkmal gegeben (fhm).