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Donnerstag, 17. Mai 2012




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Zwei Kraftwerke liefern genug Power für die ganze Stadt

Ralf Karasch zeigt das Sicherheitsventil, das eines nachts auslöste und Anwohner weckte. Foto: nig

Holzminden (20.03.2010). Rein rechnerisch könnten diese beiden Kraftwerke fast die ganze Stadt Holzminden mit Wärme versorgen: In den beiden Kesselhäusern auf dem Holzmindener Symrise-Werksgelände wird soviel Energie erzeugt, wie 5.400 Haushalte im Jahr verbrauchen – zumindest statistisch.
Aber die beiden Kraftwerke im Werk Weser und Werk Solling sind nicht dafür gedacht, die Stadtbevölkerung zu versorgen, sondern den gewaltigen Energiehunger der Symrise-Produktionsanlagen zu stillen.  Dass die Versorgung mit Dampf, Druck und Wärme rund um die Uhr reibungslos läuft, dafür sorgen die Mitarbeiter der Firma Tesium, ein Unternehmen der Symrise-Gruppe.
Im Prinzip funktionieren die Kraftwerke wie ein klassischer Heizungsbrenner in Wohngebäuden, allerdings mit gewaltigen Dimensionen. Allein das Kesselhaus im Werk Weser, das eine Energieleistung für umgerechnet 3.600 Haushalte schafft, hat die Ausmaße eines Mehrfamilienhauses. Von weitem sichtbar ist der zugehörige 105 Meter hohe Kamin. Hier hat sich übrigens jemand häuslich niedergelassen: Regelmäßig bewohnt eine Turmfalkenfamilie den extra angebrachten Nistkasten.
Was über diesen Kamin entweicht, hat zuvor unzählige Filteranlagen durchlaufen. „Wir erfüllen bereits jetzt die neuen Grenzwert TA-Luft, die erst ab 2012 gelten“, sagt Andreas Pohl, Leiter Energieversorgung und Infrastruktur bei Tesium, der gemeinsam mit Tesium Geschäftsführer Dr. Norbert Kalkert und Symrise-Werkleiter Carsten Teiwes die zentrale Energieversorgung des Unternehmens vorstellt.
Drei Kessel mit je zwei Brennern sorgen im Kraftwerk des Werkes Weser für die nötige Energie, die als Wasserdampf mit großem Druck durch Versorgungsleitungen zu den einzelnen Anlagen befördert wird. „Mit Dampf kann man sehr effizient viel Wärme transportieren“, erklärt Andreas Pohl. Mit rund 30 bar Druck verlässt der heiße Prozess-Dampf das Kesselhaus, bei Temperaturen bis zu 260 Grad. In den Brennkammern herrschen sogar Temperaturen bis zu 1.000 Grad. Die Wasserversorgung wird über fünf eigene Brunnen gesichert.
Während das Kesselhaus im Werk Weser vorrangig mit Schweröl und Leichtöl betrieben wird, funktioniert das Kesselhaus im Werk Solling allein mit Erdgas, mit direktem Anschluss an eine Gas-Fernleitung. Hier sind nochmals vier Brenner im Einsatz, die zwei Großwasserkessel befeuern und bis zu 23,3 bar Druck erzeugen können –  umgerechnet genug für 1.800 Haushalte.
Wieviel Prozessdampf tatsächlich erzeugt wird, das hängt immer davon ab, wieviel Energie die einzelnen Produktionsanlagen abfordern. Da manche Anlagen rund um die Uhr laufen, arbeiten auch die Brenner ununterbrochen. „Unser Werk kann nicht ohne Dampf sein“, betont Werkleiter Carsten Teiwes. Die Steuerung läuft in der Regel vollautomatisch. Dennoch sind im Werk Weser je zwei Kraftwerker im Fünf-Schicht-Betrieb rund um die Uhr im Einsatz, um die reibungslose Funktion zu überwachen.
Das Kesselhaus für das Werk Solling läuft ebenfalls computergesteuert und vollautomatisch. Hier sind tagsüber Fachleute vor Ort, nachts gibt es einen Bereitschaftsdienst. Mehrere Überwachungssysteme gewährleisten einen sicheren Betrieb und arbeiten normalerweise unbemerkt von der Öffentlichkeit. Eines Nachts jedoch im Dezember 2009 wurden Anwohner von lauten Geräuschen aus dem Kraftwerk Werk Solling geweckt. Was die Nachbarn verunsicherte, war für die Fachleute jedoch wenig aufregend: „Es war spektakulär, aber harmlos“, kommentiert Techniker Ralf Karasch, der das Kraftwerk Werk Solling überwacht, den Vorfall. „Tagsüber hätte das wahrscheinlich kaum einer bemerkt.“
Ein Sicherheitsventil hatte ausgelöst und überschüssigen Dampfdruck abgeblasen. „Es hat das gemacht, was es sollte“, meint Karasch. „Aber wenn 13 bar Druck auf einen Schlag entweichen, verursacht das natürlich Lärm.“ Technisch gesehen hat aber nur eines von mehreren Sicherungsmechanismen gegriffen.
Auslöser war ein Ausfall des Computersystems, welches die Brenner im Werk Solling regelt. Normalerweise übernimmt dann ein zweites Computersystem automatisch die Steuerung. Das ist allerdings in dieser Nacht nicht gestartet.
In solch einem Fall passiert folgendes: Die Brenner gehen (noch) nicht aus, sondern produzieren weiterhin konstant Druck auf dem Level, wie er zuletzt von den Maschinen auf dem Werksgelände abgefordert wurde. Zur fraglichen Stunde waren das 13 bar Druck. Mit der Zeit jedoch wurden einige Verbraucher abgestellt, so dass sich im Rohrleitungssystem zuviel Druck  aufstaute. Dieser Überdruck wurde schließlich vom Sicherheitsventil in regelmäßigen Abständen abgelassen. Und genau diese Druckschläge haben die Nachbarn gehört.
Zeitgleich wurde automatisch der Bereitschaftsdienst alarmiert, welcher dann die Steuerung von Hand übernahm und die Anlage drosselte. „Nach einer Stunde war das Problem behoben. Wir waren weit von irgendwelchen Schäden entfernt“, betont Andreas Pohl. Denn es gibt noch mehrere weitere Sicherungsmechanismen, die im Notfall greifen: Ein Sicherheits-Stopp löst ab einem Druck von 24 bar aus, die Kesselanlage ist nochmals separat abgesichert und schaltet ebenfalls ab einem gewissen Druck ab.
Dennoch bedauert die Firmenleitung natürlich die nächtliche Ruhestörung und Verunsicherung der Anwohner. „Ein Sicherheitsventil ist eben keine Schönheitsmaßnahme“, so Pohl. „Aber in zehn Jahren war dies das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe.“ (nig)

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