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Dienstag, 22. August 2017

„Wir brauchen einen Klimawandel in der Pflege“

Landkreis Holzminden (14.07.2012). Es ist eine schlimme Situation. Ein älterer Mensch lebt in einem Pflegeheim und muss zur eigenen Sicherheit im Bett angeschnallt werden. Denn wenn er wieder herausfällt (schon zweimal hat er sich dabei verletzt), kann es schlimme Folgen haben. Im Bett anschnallen und vielleicht ein Seitengitter hochfahren könnten helfen. Aber der Pflegebedürftige erkennt selbst die Situation nicht mehr. Er leidet an Demenz, ist nicht mehr entscheidungsfähig. Dennoch darf man so einfach so etwas nicht machen, weil die persönliche Freiheit als Grundrecht im Grundgesetz geschützt ist.

Im Bürgerlichen Gesetzbuch gibt es im Paragraphen 1906 für solche Fälle eine klare Anweisung. Nur ein Richter kann eine solche freiheitsentziehende Maßnahme anordnen, wenn die Fähigkeit zur Einwilligung nicht mehr vorhanden ist. In solchen Fällen müsste der Betreuer des Betroffenen in Absprache mit dem Heim beim Betreuungsrichter einen Antrag stellen. Der kann dann für maximal zwei Jahre eine solche Maßnahme genehmigen. Darunter fallen Bauch- und Armgurte, Seitengitter in Betten, Fixierungen auf Stühlen bis zum Einschluss im Zimmer. Wenn eine solche Genehmigung erteilt wurde, liegt es im Ermessen des Betreuers, ob er diese Möglichkeit nutzt oder nicht. Die Fixierung soll auf das notwendige Maß reduziert werden.

Die Heimaufsicht des Landkreises Holzminden überwacht diese Maßnahmen. In den Heimen im Landkreis Holzminden, so berichten die Mitarbeiter, wird sehr sachlich, vorsichtig und korrekt mit dieser Möglichkeit umgegangen. Alle Fixierungen sind rechtlich abgeklärt und im Rahmen des vorgegebenen Verfahrens genehmigt worden. „Hier herrschen keine rechtswidrigen Zustände“, bekräftigt Richter Helmut Kühn, der das Betreuungsgericht am Amtsgericht Holzminden leitet. Er ist derjenige, der solche freiheitsentziehenden Maßnahmen genehmigen kann.

Die Situation sei oft die gleiche, schildert er. Ein Mensch, der in einem Heim versorgt wird, stürzt und zieht sich schlimme Verletzungen zu. Sowohl Betreuer als auch Angehörige sind bestürzt, fordern schnellstmöglich Mittel, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Dann wird der Antrag gestellt und landet bei Richter Kühn auf dem Tisch.  Der Richter prüft zunächst die Unterlagen, fährt selbst ins Heim und führt dort eine Anhörung durch. Dabei sind auch ein Rechtsanwalt oder ein Verfahrenspfleger dabei. „Die persönliche Anhörung ist vorgeschrieben, für Koma-Patienten wird sie beispielsweise ausdrücklich genannt.“ Der Anwalt oder der Verfahrenspfleger könnten gegen die Genehmigung von freiheitsentziehenden Maßnahmen Beschwerde einlegen. Richter Kühn hört sich die Schilderungen der Pflegekräfte an, spricht mit dem Patienten und verschafft sich einen direkten Eindruck vor Ort. „Und dann wird der Beschluss gefasst.“

Seit mehren Monaten arbeitet Kühn im Betreuungsgericht. „Hier wird sehr korrekt und genau gearbeitet“, hat er erfahren. Zusammen mit den Mitarbeitern der Heimausicht des Landkreises will Kühn jetzt aber einen neuen, einen anderen Weg gehen, der schon in anderen Bundesländern zu Erfolgen geführt hat. Ausgangspunkt ist der Wunsch, dass diese freiheitsentziehenden Maßnahmen auf Antrag beim Gericht nicht zu einem Automatismus werden. Es dürfe nicht immer der einfachste Weg gewählt werden, denn manchmal sind andere Wege zwar mühsamer, aber erfolgreicher.

Beim Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen wurde ein neuer Weg entwickelt, der unter dem Namen „Werdenfelser Weg“ bekannt geworden ist. Dort arbeitet Betreuungsrichter Dr. Kirsch, der mit dem bislang bekannten Verfahren immer unzufriedener wurde. Denn fast immer endete der Antrag mit der Genehmigung, es war schon fast ein Automatismus. Und diesen Automatismus gilt es zu stoppen, sagte Dr. Kirsch. Es dürfe nicht mehr darum gehen, ein starres und ängstliches Sicherheitsdenken zu propagieren, sondern alle Aspekte eines jeden Falls qualitätsvoll abzuwägen. Und dazu gehöre es, so Dr. Kirsch, dass alle Beteiligten gleichwertig und gleichberechtigt gehört und einbezogen werden. Das war die Geburtsstunde des „Werdenfelser Weges“, der inzwischen im Bundesland Bayern gültiger Standard ist und auch in anderen Landkreisen außerhalb des Freistaats eingeführt werden soll.

Im Landkreis Holzminden setzt sich Richter Helmut Kühn dafür ein, dass dieser Weg hier beschritten wird. Der Weg stellt zunächst eine Umkehrung dar. Der Verfahrenspfleger soll zunächst vor Ort mit allen Beteiligten sprechen, ob eine Fixierung wirklich notwendig ist, oder ob es vielleicht pflegerische Alternativen gibt. Auf Augenhöhe mit Pflegekräften und Verantwortlichen soll besprochen werden, was die beste Möglichkeit sein könnte. Und vielleicht ist es auch möglich, neben das Bett Matratzen zu legen, als einfach nur die Gitter hochzuziehen.

„Wir brauchen einen Klimawandel in der Pflege“, sagt Richter Kühn. Ziel bleibe es, das beste zum Wohl der Heimbewohner zu schaffen. Aber das solle jetzt unter Berücksichtigung neuester Erkenntnisse und Erfahrungen geschehen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass eine Fixierung gefährlicher sein kann als jemanden nicht zu fixieren. Die Menschen, die angeschnallt und festgegurtet werden, erleiden eine stärkere Demobilisierung. Andere Wege wie Kissen zum Schutz, niedrigere Betten, Matratzen oder Schutzpolster haben eine Mobilisierung als Begleiterscheinung.

Beim Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen sinken die Anträge auf Fixierung deutlich, nachdem Betreuungsrichter Dr. Kirsch den neuen Weg einschlägt. Helmut Kühn will diesen Weg mit allen Beteiligten gehen. Heimaufsicht, Pflegeverantwortliche aus den Heimen im Landkreis und Verfahrenspfleger hat Kühn jetzt zu einer gemeinsamen Sitzung eingeladen. Dort machte er alle Pflegexperten mit dem „Werdenfelser Weg“ bekannt. „Wir wollen, dass die pflegefachlich beste Einzelfalllösung zur Anwendung kommt, haftungsorgenfrei, aber auch frei von verdeckten Motiven der Arbeitserleichterung, und wir wollen Betreuer, die zusammen mit den Pflegenden die beste Versorgung für die Betroffenen festlegen“, macht er in seinem Vortrag zu Beginn deutlich. Für ihn bestehe der „Werdenfelser Weg“ aus drei Elementen: dem Bekenntnis zu einer veränderten Pflegekultur, dem Schutz bei Nichtfixierung und der Kommunikation aller beteiligten Berufsgruppen.

Die Vertreter der Heime, der Heimaufsicht und die Verfahrenspfleger sind beeindruckt von dem Vortrag des Richters. Sie sind bereit dazu, die neuen Erkenntnisse umzusetzen. Damit ist der „Werdenfelser Weg“ auch im Landkreis Holzminden eingeführt worden.

Zum Nutzen aller soll für die Betroffenen und mit den Betroffenen die beste Lösung gefunden werden. Denn auch ein dementer Mensch ist ein Mensch, und die Würde eines Menschen ist unteilbar – auch die des dementen. (fhm)

 

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