Sonntag, 18. November 2018

Vom „Gesetz der Liebe“, einem Kanzlerbesuch im Lichtspielhaus und...

Holzminden (31.03.2012). „Das Union-Theater Holzminden, am Markt 4, eröffnet am Dienstag, 5. April 1950, 17.30 Uhr. Es gibt sich die Ehre, zu dieser Premiere ergebenst einzuladen. Programm: Fox tönende Wochenschau, Kulturfilm: An der schönen blauen Donau, Hauptfilm: Das Gesetz der Liebe. Eine Erstaufführung in der britischen Zone mit Ferdinand Marian, Hilde Krahl, P. Hubschmid, Paul Dahlke, Ida Wüst, Hilde Hildebrandt. Im Foyer die ständige Ausstellung der Künstlervereinigung ,der Strom‘ Holzminden.“ Mit dieser Karte luden Gertrud und Hellmuth Kind zur Eröffnung ihres Union-Theaters, kurz UT am Markt.

Das Ehepaar Kind hat in Holzminden Kino-Geschichte geschrieben. Das Union-Theater, im April 1950 im Tanzsaal des Hotels „Reichskrone“ (heute Sport-Schwager) eröffnet, war nach Schauburg und Capitol das dritte Kino in Holzminden, ein supermodernes zu seiner Zeit mit 450 Plätzen. Hier liefen nicht nur die großen Streifen, hier spielten Kapellen wie Barnabas v. Ceczys Salonorchester, hier gab es Varieté-Programme zu sehen, und hier sprach Bundeskanzler Ludwig Erhard. Die lange weiße Travertin-Treppe war der Aufgang in den Olymp für Cineasten, die beiden silbernen Theatermasken am Eingang schmückten das Tor eines wahren Musentempels. Der Besuch eines Lichtspielhauses war ein Ereignis!

Bevor Filmkaufmann Hellmuth Kind nach Holzminden kam, betrieb er mehrere Kinos in der damaligen DDR. In Holzminden verwirklichte er Mitte der 1950er Jahre zusammen mit Frau Gertrud einen Traum. Schon sechs Jahre später wurde das UT modernisiert, bekam eine Cinemascope-Breitwand spendiert. Gut gemachtes Kino wurde belohnt, boomte förmlich, und so fasste das Ehepaar Kind den Entschluss, an der Fürstenberger Straße ein modernes zweites Lichtspielhaus zu bauen, das erste, das als Kino gebaut wurde: Das Roxy eröffnete am 14. April 1960, zunächst mit einem großen Saal mit 535 Plätzen. Zur Premiere lief „Herrin der Welt“, William Dieterles Farbfilm in zwei Teilen. Der TAH lobte 1960 die „überdimensionale Breitleinwand“, das „absolut einwandfreie Bild“, den „stereophonischen Ton“, „Raumgestaltung und architektonische Linie“ und  die „leistungsfähige Heizung“. All das war damals keine Selbstverständlichkeit in einer Stadt von der Größe Holzmindens.

„Ben Hur“, „Der jüngste Tag“, „Grün ist die Heide“, „Vater der Braut“, „Wem die Stunde schlägt“, „Spartakus“, „Die Försterchristel“: UT und Roxy liefen parallel unter der Leitung der Kinds, das UT ab 1960 geführt vom Vater. Das Kino erlebte einen ersten Einbruch durch die Verbreitung des Fernsehens. 1975 starb Hellmuth Kind mit 78 Jahren, und seine Frau Gertrud Kind, jetzt Eigentümerin, leitete das Roxy allein, war Abend für Abend im Haus, zuständig für Disposition, Schriftverkehr, sie suchte die Filme aus, die gespielt werden sollten – eine harte, entbehrungsreiche Zeit für eine Frau, die mit großer Liebe und Begeisterung Kino lebte, bis heute. Höhen und Tiefen im Geschäft hat sie hautnah miterlebt.

1979 schloss das Union-Theater am Markt, und Gertrud Kind entschloss sich, das Roxy an die Firma Brockstedt abzugeben. Wieder wurde umgebaut, das Roxy erhielt jetzt drei Säle. Auch im Laufe der Jahre wurde immer wieder renoviert und modernisiert, die Betreiber wechselten (heute K-Motion Hamburg). Eigentümerin des Gebäudes ist bis heute Gertrud Kind. Doch jetzt steht der Abschied von der Kino-Dynastie Kind bevor: Die heute 91-Jährige wird den Kinokomplex an der Fürstenberger Straße verkaufen an den langjährigen Theaterleiter Volker Berger und seine Frau Constanze aus Höxter. Diese wollen mit Hilfe von Fördergeldern das Roxy auf Digitaltechnik umstellen und zwei Säle mit 3D-Technik ausstatten. Der Umbau verzögert sich zwar, aber der Plan steht. Der Eröffnungstermin steht noch nicht fest, doch zwei Theatermasken, wie sie schon über dem UT-Eingang die Besucher begrüßten, sollen dann auch hier den neuen Musentempel markieren. Die Zeiten ändern sich, der Kreis schließt sich, das Kino in Holzminden bleibt. (spe)

Kontakt

Telefon: 05531/9304-0
E-Mail: info@tah.de

Öffnungszeiten
Montag bis Freitag:
8.00 bis 16.00 Uhr
Samstag:
8.00 bis 11.00 Uhr