Sonntag, 18. November 2018

Der Urahn wäre gern geblieben, seine Erinnerungen halten ihn fest

Holzminden (26.05.2012). Für den Holzmindener Arzt, Ratsherrn und Kreistagsabgeordneten Dr. Patric von Löwis of Menar ist der Griff zu diesem Buch und das Blättern in den Seiten wie eine Unterhaltung mit einem lieben Freund. Denn das Buch „Ich wäre gern geblieben“ enthält die Tagebuchaufzeichnungen seines Vorfahren Friedrich von Löwis of Menar. Aufzeichnungen eines mehr als bemerkenswerten Menschen, der in einer historisch entscheidenden Zeit mit seiner eigenen Kraft Geschichte schrieb. Und es sind die Hinterlassenschaften eines Mannes, dessen Familie in wesentlicher, aber heute kaum bekannter Weise mit der deutschen und europäischen Geschichte verbunden ist. Denn von Löwis gehörte zu denjenigen, die in der ersten Reihe standen, als es gegen Napoleon ging und die Europa vom Joch des französischen Kaisers befreiten.

Friedrich von Löwis of Menar wurde 1767 im kurländischen Hapsal (heute im Westen von Estland) als Sohn einer begüterten Adelsfamilie geboren. Die Wechselfälle der Geschichte hatten seine Vorfahren ins Baltikum gebracht. Denn ursprünglich stammt die Familie derer von Löwis aus der Grafschaft Peebles und ist uralter schottischer Adel. Die älteste schriftliche Urkunde mit Hinweis auf den Vogt Patryk of the Lowys of Mener stammt aus dem Jahr 1434 und befindet sich heute im Schlossarchiv Craig in Schottland. Einer der Nachfahren des Vogten musste Mitte des 17. Jahrhunderts aus Glaubensgründen die schottische Heimat verlassen und flüchtete nach Schweden. Dort trat er als Königlicher Oberstleutnant in den Dienst von König Gustav Adolf und wurde aus Dankbarkeit mit den Gütern Panten und Nurmis in Livland (heute Lettland) und Kurland (heute Estland) belehnt.

„Die wenigsten Menschen kennen heute noch die geschichtlichen Zusammenhänge des Baltikums und wissen nicht, warum überhaupt viele Deutsche und andere Volksgruppen im Baltikum lebten und von dort später flüchteten“, bedauert Dr. Patric von Löwis of Menar. Das Baltikum, die Region zwischen Ostpreußen, Russland und Finnland, liegt an der Ostsee und wurde erstmals Ende des 12. Jahrhunderts von Kaufleuten aus Lübeck als neue Handelsregion entdeckt. Danach begannen rege Wirtschaftsbeziehungen mit der Region, in der heute die Republiken Estland und Lettland beheimatet sind.

Nach den Kaufleuten kamen die Rittermönche des Schwertbrüderordens und des Deutschen Ordens. Von 1207 bis 1561 war das Baltikum eng mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation verbunden, war sogar Bestandteil des Reiches. Die Deutschen prägten für Jahrhunderte die baltischen Länder, und auch als im 16. Jahrhundert Polen, Dänemark und Schweden die deutschen Ritter besiegten und die Oberhoheit über Livland und Kurland gewannen, blieben die Deutschen der bestimmende Teil. Deutsche Adelige stellten die Führung der örtlichen Stände, führten in Form einer Adelsrepublik die baltischen Gebiete und bildeten die Oberschicht. Auch adelige Neuzugänge wie die Familie von Löwis wurde schnell Bestandteil der deutschen Führungsschicht.

Im 18. Jahrhundert geriet das Baltikum durch den Großen Nordischen Krieg und die Polnischen Teilungen unter die Herrschaft des russischen Zarenreiches. Aber auch die russischen Herrn ließen die gewachsenen Strukturen im Baltikum bestehen und akzeptierten die Führung durch den deutschen Adel. Sie nutzten sogar die besonderen Fähigkeiten für ihre eigenen Interessen, so dass immer wieder Vertreter der baltischen Führungsschicht in Russland Karriere machten. Einer dieser herausragenden Persönlichkeiten war Friedrich von Löwis of Menar.

Er diente in der russischen Armee, wurde Generalleutnant, kämpfte an vorderster Front gegen Napoleon, führte Zar Alexander I. und die russische Armee zur Koalition mit Großbritannien, Preußen und Österreich gegen Frankreich und befreite zusammen mit Blücher, Wellingten, Scharnhorst und Gneisenau Europa von den französischen Besatzern. Immer wieder riefen die Russen von Löwis of Menar in ihre Dienste, unter anderem als Landmarschall Kurlands. Als er 1824 starb, herrschte nicht nur im Baltikum große Trauer. Auch in Moskau und St. Petersburg wurde der Tod des großen Generals betrauert.

Knapp hundert Jahre später endete auch die Zeit der Deutsch-Balten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Estland, Lettland und Litauen unabhängige Republiken. 1919 endete auch die Zeit der Familie von Löwis of Menar im Baltikum. Sie fand in Deutschland eine neue Heimat. 1939 teilten sich Hitler und Stalin die baltischen Staaten untereinander auf. 1945 wurden sie von der UdSSR endgültig einverleibt. Als 1989 das Ende des Kommunismus in Europa eingeläutet wurde, waren neben den Deutschen in der DDR und den Tschechen in Prag die Letten, Litauer und Esten diejenigen, die sich mit aller Kraft gegen die rote Tyrannei auflehnten. Als erste sowjetische Teil-Republiken erklärten sie schon im Frühjahr 1990, noch vor der deutschen Wiedervereinigung, die Ablösung von der Sowjetunion und ihre Unabhängigkeit. 2004 traten die drei Balten-Staaten der NATO bei.

Diese wechselvolle Geschichte hat Dr. Patric von Löwis of Menar immer vor Augen, wenn er in den Erinnerungen seines Vorfahren liest, die einem so gar nicht militärisch erscheinen. Der russische General war immer wieder in diplomatischer Mission unterwegs und besuchte auch Städte in Deutschland. Seine lesenswerten Aufzeichnungen geben seine Eindrücke von diesen Reisen wieder. Er schwärmt von den Bauwerken in Dresden, berichtet genau vom Zustand der Menschen und mokiert sich beispielsweise in Kassel über die „merkwürdige Art und Weise des Dachdeckens“. Hier würden die Menschen Ziegel auf ihre Dächer legen. Eine sehr ungewöhnliche Methode, befand der baltische Adelige, zumal doch jeder wisse, dass man sein Dach nur mit Stroh ordentlich gedeckt bekomme.

Ebenfalls erfährt man in dem Buch nicht nur die Lebensgeschichte des Generals mittels der Tagebuchzeichnungen, sondern bekommt auch Einblicke in die weitere Familiengeschichte. So ist die Familie von Löwis of Menar eng mit dem russischen Literatengenie Alexander Puschkin verbunden, der eine Nachfahrin des Generalleutnants zur Frau nahm. Und einige Familienmitglieder unterstützen den Komponisten Pjotr Tschaikowsky, so dass der überhaupt seine unsterbliche Musik erschaffen konnte.

Das Buch, das vom Politologen und Journalisten Dr. Henning von Löwis of Menar im Konrad Reich Verlag Rostock herausgegeben wurde (ISBN 3-86167-151-4), zeigt den Militär und Kämpfer von Löwis von einer sehr gebildeten, fast lyrischen Seite. Wie ein roter Faden taucht immer wieder die Bemerkung in den Tagebüchern auf, dass er hier und dort gern länger geblieben wäre, um noch mehr zu sehen und zu erfahren. Doch die Pflicht trieb diesen verantwortungsbewussten Mann immer weiter. Allerdings ist er, so sagt sein Holzmindener Nachfahre, jetzt endgültig geblieben. Denn seine Erinnerungen in Buchform halten ihn für immer fest. Überall dort, wo er gern geblieben wäre. (fhm)

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