Montag, 10. Dezember 2018

„Das Komödiantische habe ich von meinem Vater“

Holzminden (17.09.2012). Das Fernsehpublikum hat ihn schätzen und lieben gelernt als skurrilen Typen in unzähligen Rollen. Als Pirat Kalle an der Seite von Wolfgang Völz und Inger Nilsson in „Pippi in Taka-Tuka-Land“, als Gegenpart von Ekel Alfred in der Folge „Besuch aus der Ostzone“ der Serie „Ein Herz und eine Seele“, in mehreren Tatort-Krimis und im „Landarzt“ war er zu sehen. In Loriots Kinofilmen „Ödipussi“ und „Pappa ante Portas“ wurde er zum grauen Antiheld der Leinwand. Doch er selbst sieht sich eher als Bühnenschauspieler, seine Liebe gehört dem Spiel vor Publikum. Ob an renommierten Bühnen wie dem Thalia Theater in Hamburg und dem Ernst Deutsch Theater in Berlin oder bei den Heppenheimer Festspielen, wo er in der Saison 2011 zuletzt 24 Mal den verknöcherten Major in der „Pension Schöller“ gab – zahlreiche Charakterrollen, meist der tragikomischen Art, hat er gespielt, den Bleichenwang, Malvolio und Wurm, Tranio und den Dünnen Vetter – und stets begeisterte er Kritiker und Publikum gleichermaßen. Die Rede ist vom Schauspieler und Rezitator Nikolaus Schilling, einem Bürger Holzmindens. Hier lebt er seit drei Jahren im früheren Elternhaus in der Böntalstraße, vor zwei Wochen ist er 89 Jahre alt geworden. Und noch immer steht er auf der Bühne, auch wenn die Augen nicht mehr recht mitspielen wollen, das Lernen der Texte somit kompliziert geworden ist. Ganz ohne Bühne will er nicht, kann er nicht. Er liebt die direkte Reaktion des Publikums, die Herausforderung. Am Sonnabend, 29. September, rezitiert er auf Einladung des Musik- und Kulturvereins in Stadtoldendorf Eugen Roth, Wilhelm Busch und Joachim Ringelnatz. Der Titel seines Programms an diesem Abend im Alten Rathaus könnte auch über seinem Schauspielerleben stehen: „Ein Mensch...! oder Lachen allein genügt nicht!“ Nikolaus Schilling, am 31. August 1923 in Detmold geboren, wurde nach dem Abitur zum Kriegsdienst an die Eismeerfront nach Lappland eingezogen. Nach der Heimkehr erlernte er das Schauspielhandwerk an der Schauspielschule in Hannover. 1949 debütierte er am Deutschen Theater Göttingen. Engagements am Theater Ingolstadt, in Münster, am Staatstheater Wiesbaden und an den Städtischen Bühnen Frankfurt folgten. In den 1960er Jahren gehörte er dem Kabarett-Ensemble „Die Maininger“ in Frankfurt an, gastierte an der Komödie Marquardt in Stuttgart, spielte über Jahrzehnte in seiner langjährigen Heimatstadt Heppenheim bei den Festspielen und ab 1980 am Thalia Theater, an den Hamburger Kammerspielen und am Ernst Deutsch Theater. Lowitz, Meisel, Bongartz, Strack, Kaufmann – die Liste namhafter Schauspielerkollegen, mit denen er auf der Bühne stand, ist lang. Nikolaus Schilling wechselte immer mal wieder die Seiten, führte selbst (Theater-)Regie, wie 2003 in Heppenheim. Anlässlich seines 80. Geburtstages brachte er Loriot-Sketche auf die Bühne und spielte die männliche Hauptrolle gleich selbst. Die Erlaubnis, die für das Fernsehen produzierten Sketche auf die Bühne zu bringen, hatte er von Loriot persönlich erhalten. Seit den 80er Jahren machte sich Schilling einen Namen als Eugen-Roth-Rezitator. Den vergnüglichen, auf den Punkt geschriebenen Versen Roths, aber auch Buschs, Ringelnatz’, Morgensterns gilt seine besondere Liebe, die Rezitationsabende gestaltet er so pointiert wie komödiantisch. Demnächst in Stadtoldendorf wird er das wieder demonstrieren. Als eine Lieblingsrolle bezeichnet er den Bleichenwang in Shakespeares „Was ihr wollt“. 30 Jahre später gab er den Mavolio im gleichen Stück. „Ich hätte gern den Mephisto gespielt, aber das hat sich leider nie ergeben“, erzählt der Schauspieler im Gespräch mit dem TAH. Sein Fach war stets das Charakterfach, besetzt wurde er gern als Komiker oder Bösewicht, nie als feuriger Don Juan. „Mein markantes Profil mit der großen Nase entsprach nicht den Vorstellungen von einem Liebhaber“, berichtet Schilling von seinen frühen Erfahrungen und lacht. Dass ihm Loriot, den er als „sehr penibel“ bezeichnet, das Angebot machte, in zwei Filmen mitzuspielen, ehrt ihn. Allüren allerdings sind ihm fremd, stattdessen ist auch er vielleicht „sehr penibel“ in dem, was er macht. Das hat sich im Alter nicht geändert. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm eine schallende Ohrfeige von Simone Rethel. Die musste – das Drehbuch wollte es so, fester zuschlagen, als sie sich traute. Oder die „Festnahme“ an einer Würstchenbude am Münchener Hauptbahnhof: Aufmerksame Zeugen hatten ihn identifiziert als Versicherungsbetrüger. Den hatte er in „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ gemimt. Nikolaus Schilling lebt in Holzminden unter einem Dach mit seinem Bruder, der eine Holzmindenerin geheiratet hat. Nach vielen Lebensstationen ist er hier zur Ruhe gekommen. Das Haus, die Stadt kennt er schon lange. Aus der Kriegsgefangenschaft zurück, zog es ihn zur Mutter, die in zweiter Ehe nach Holzminden geheiratet hatte. Auch in den Theaterferien kehrte er oft hierhin zurück. „Das Komödiantische“, sagt er, „habe ich von meinem Vater, einem Jurist, der gern Schauspieler gewesen wäre und nicht durfte.“ Der Vater starb bereits in den 30er Jahren. „Und auch meine Mitschüler sagten schon, Niko, du musst Schauspieler werden.“ Und so war es dann auch. Ganz Deutschland hat er im Namen des Theaters bereist, auch im Ausland gedreht (zum Beispiel den Pippi-Langstrumpf-Film in Stockholm).„Die Angst vor der eigenen Courage und das Lampenfieber hören nie auf“, sagt Schilling und ergänzt von der Angst im Alter, „hängen zu bleiben“. Und dennoch macht Nikolaus Schilling auch mit 89 Jahren Zukunftspläne. Nach einer krankheitsbedingten Pause in diesem Jahr will er 2013 in Heppenheim wieder auf der Bühne stehen. (spe)

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