Montag, 10. Dezember 2018

Eine Burg mit vielen Herren

Holzminden (23.11.2013). Jetzt werden die ausgegrabenen Scherben und Knochen genau untersucht. Nachdem sie gesäubert, gezeichnet, fotografiert und katalogisiert wurden, untersucht Kreisarchäologe Dr. Christian Leiber die Stücke, die er während der Notgrabung ausmachen kann. Fünf Tage bleiben dem Wissenschaftler, um auf dem Gebiet der alten Burg Holzminden zu forschen. Fünf Tage, in denen Christian Leiber und sein Team Erstaunliches ans Tageslicht bringen. Als Ralf Schwager sein Hotelprojekt an der ehemaligen Jugendherberge beginnt, hat er gleich die Archäologen alarmiert, als Überreste aus der Vergangenheit auftauchten. Bei der Notgrabung stellt Dr. Leiber schnell fest, dass es sich um Überreste der Burg Holzminden handelt.
Zuletzt war es Carl Sauermilch, der vor 63 Jahren auf den Spuren der alten Burg der Eversteiner in Holzminden ist, bevor damals die Jugendherberge gebaut wird. Auf die Mauerreste, die Christian Leiber findet, stieß auch Sauermilch. Aber der Kreisarchäologe findet etwas, das Sauermilch nur vermuten konnte. Die Burg muss auch einen Bergfried, einen großen, zentralen Turm gehabt haben. Sauermilch skizzierte auf seinen Grabungsunterlagen, wo er den Bergfried vermutet. Und genau an der Stelle, die Sauermilch vor 53 Jahren vermutet, findet Dr. Christian Leiber das Fundament des Bergfrieds.
Richtig erstaunt ist Dr. Leiber, als er die etwa 100 Bodenfunde in Augenschein nimmt, die er an der Jugendherberge vor zwei Wochen ausgegraben hat. Einige Stücke passen ohne Probleme zu den Funden, die schon vor 63 Jahren aus dem Dunkel der Geschichte zurückgeholt wurden. „Wir können vielleicht Krüge wieder zusammensetzen aus Funden von 1950 und 2013.“ Hauptsächliche graue Irdenware wird gefunden, dazu Gefäße mit Verzierungen. Und Tierknochen gehören zu den Funden, wahrscheinlich Reste vom mittelalterlichem Mittagessen.
Aus dem Jahr 1654 gibt es eine Ansicht von „Holzmünden an der Weser“ von Matthaeus Merian, die am linken Bildrand einen großen Bergfried und Reste von der Burg Holzminden zeigt. Jetzt ist der Beweis erbracht, dass diese Zeichnung nicht nur künstlerische Freiheit oder Wunschvorstellung war, sondern die Realität abgebildet hat. Es gab Zweifel an der Darstellung, da die Burg zwar auf dem Kupferstich zu sehen ist, aber im dazugehörigen Text überhaupt nicht erwähnt wird. Holzminden hat eine Burg mit einem großen Turm. Noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts ist die Burg zu sehen und vorhanden. Allerdings nicht mehr lange. Dr. Leiber hat nach der Notgrabung alle alten Quellen untersucht und sich intensiv mit der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Burg Holzminden und Eversteiner beschäftigt.
Christian Leiber ist schnell bewusst geworden, dass die Burg Holzminden früher eine größere Rolle gespielt hat als bisher angenommen wird. Und Christian Leiber weiß auch, dass die Burg in ihrer Zeit sehr viele Herren hatte, manchmal vier Eigentümer gleichzeitig. Erstmals wird die Burg in einer der Urkunden der Grafen von Everstein genannt. Sie ist im Jahr 1240 Ausstellungsort einer Urkunde, in der die Stadtrechte Holzmindens von den Grafen bestätigt werden. Die Eversteiner, während der Stauferzeit das bestimmende Adelsgeschlecht der Region, haben in ihrem Besitztum Holzminden wahrscheinlich Ende des 12. Jahrhunderts eine Burg angelegt. Als die Glanzzeit der Eversteiner sich langsam dem Ende neigt, verkaufen sie 1285 die Burg Holzminden an den Erzbischof von Köln. Wenige Jahrzehnte später wird sie als Pfandbesitz eingesetzt und geht erst in den Besitz des Marschalls von Bilstein und dann in den Besitz der Edelherren zur Lippe über. Im 14. Jahrhundert sind der Abt von Corvey, der Herzog von Braunschweig, die Edelherren von Homburg und die Grafen von Everstein gemeinsamer Besitzer der Burg. Immer wieder kommt es zum Streit zwischen den Eigentümern und Pfandbesitzern.
Im 15. Jahrhundert schließen die vier Besitzer einen Burgfrieden, so dass die einzelnen Burganteile wieder als Pfandbesitz oder auch als Teil eines Brautschatzes (so geschehen im Fürstentum Lüneburg) eingesetzt werden können. Ende des 15. Jahrhunderts gehen die Anteile an die braunschweigischen Landesherren über, auch der Abt von Corvey gibt seinen Anteil 1483 auf. Die Burg wird weiter als Amtshof genutzt und dient beispielsweise im Jahr 1503 als Gefängnis für eine Frau, die der Zauberei angeklagt wird. Etwa um 1560 oder 1570 herum wird die Burg aufgegeben. Die Anlage verfällt. Neben der Burg entsteht im 17. Jahrhundert eine Zollstelle. 1748 wird der große Bergfried abgerissen, er dient als Steinbruch für Baumaterial. Um 1860 herum werden die letzten Reste der Burg abgetragen. Nach etwa knapp 700 Jahren verschwindet die Burg aus Holzminden. Knapp hundert Jahre später macht sich Kreisheimatpfleger Curt Sauermilch auf die Suche nach der Burg Holzminden und findet sie. Und Christian Leiber kann nochmals 63 Jahre später auch den Bergfried bestätigen. Es ist keine geringe Anlage, die von den Eversteinern errichtet wurde. Und es ist keine unbedeutende kleine Amtsburg, die es in Holzminden gibt. In den nächsten Wochen wird Dr. Christian Leiber die Bodenfunde und Untersuchungen der Burg Holzminden auswerten. Er will seine Forschungsergebnisse veröffentlichen, damit nicht nur in der archäologischen Fachwelt die Burg Holzminden wieder wahrgenommen wird. (fhm)

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