Montag, 10. Dezember 2018

Ein Abt mit einem Faible für Wein

Corvey (19.07.14). Im Weltkulturerbe Corvey gibt es die Äbtegalerie. Alle 67 Äbte der ehemaligen Reichsabtei sind dort verewigt, alle Äbte seit 822. Natürlich sind die meisten der Bilder keine realen Darstellungen der Menschen. Erst im 17. Jahrhundert kann man davon ausgehen, dass das Gemälde den Abt so zeigt, wie er wahrscheinlich ausgesehen hat. Ganz sicher weiß man es von dem Bild des 59. Abtes von Corvey, Christoph von Bellinghausen. Sein Bild darf man als Portrait sehen. Wer ist aber der Mann, den dieses Bild aus dem späten 17. Jahrhundert zeigt? Wer ist der Fürstabt Christoph von Bellinghausen?

Es ist ein außergewöhnlicher Mann, der fast 20 Jahre lang das Kloster an der Weser führte. Von 1678 bis 1696 stand der 1641 geborene von Bellinghausen an der Spitze des Konventes. Er stammte aus dem Herzogtum Berg und trat mit 16 Jahren in das Kloster Corvey ein. 1657 wurde er Novize in dem Kloster, in das nur Adelige aufgenommen wurden. Als 18-Jähriger legte er die Profess ab und wurde 1666 zum Priester geweiht. Es war eine schwierige Zeit. 1648 endete der 30-jährige Krieg, Corvey hatte unter den Folgen zu leiden. Mehrfach wurde das Kloster überfallen und geplündert und 1634 fast zerstört. Zeitweise lebten die Mönche in Höxter und nicht im Kloster. In den 60er Jahren begann der Neubau des Klosters zu der barocken Anlage, wie man sie heute als Weltkulturerbe Corvey kennt.

Der junge Bellinghausen blieb aber nicht lange in Corvey. 1672 schickten ihn seine Klosterbrüder ins Mutterkloster Corbie in Frankreich. Zwei Jahre blieb er dort. Dann zog er weiter, war mehrere Monate am Königshof des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. und nahm an einem der große Prunkfeste in Versailles teil. Danach führte ihn die Reise nach Venedig, wo er auf Vermittlung des dortigen Bischofs Zugang zu der Adelsfamilie der Medici fand und der Ausbilder der Fürstenkinder wurde. Von Venedig aus führte der Weg des Geistlichen nach Rom, Assisi und nach Östereich und Böhmen, bevor er dann noch neun Städte in Deutschland besuchte. 1676, nach vier Jahren im Ausland, kehrte Christoph von Bellinghausen zurück nach Corvey. Das Kloster stand zu der Zeit unter der Leitung des Münsteraner Fürstbischofs Christoph Bernhard von Galen, der als Administrator der Abtei vorstand. 1678 starb der Münsteraner und Bellinghausen bewarb sich um die Nachfolge. Der Konvent, der damals aus 25 Mönchen bestand, wählte mit 14 Stimmen Christoph von Bellinghausen zum neuen Fürstabt von Corvey.

Gleich nach seiner Wahl musste sich der neue Abt mit dem Paderborner Bischof Ferdinand von Fürstenberg auseinandersetzen. Dem selbstbewussten Herrscher des Hochstifts Paderborn war Corvey schon immer ein Dorn im Auge. Die kleine Abtei Corvey war ein selbstständiges Territorium, über das der Bischof keine Gewalt hatte. Er war mit der Wahl des neuen Abtes nicht einverstanden. Sogar Soldaten aus Paderborn wurden im Marsch gesetzt, um die Corveyer unter die Vorherrschaft von Paderborn zu bringen. Doch der neue
Fürstabt von Bellinghausen nutzte seine auf seiner Reise erworbenen Kontakte. Er schickte Briefe nach Rom, bat um beistand und bekam die Hilfe aus der Heiligen Stadt. Dem Paderborner Bischof wurde bedeutet, die Corveyer in Ruhe zu lassen.

Danach widmete sich Christoph von Bellinghausen seinem besonderen Vorhaben vor Corvey. Er ließ einen Weinberg bepflanzen, engagierte einen eigenen Weingärtner und ließ im Weinberg die heute noch vorhandene Weinbergkapelle bauen. Der Weingärtner, der aus der Wetterau nach Corvey kam, brachte nicht nur sein Fachwissen in Sachen Weinanbau mit. Er kannte sich auch in der Kräuterkunde aus und konnte den Fürstabt dazu bewegen, eine eigene Hofapotheke zu gründen. Der Weingärtner wurde der erste Apotheker, und das Gebäude der früheren Corveyschen Hofapotheke gibt es heute noch. Es ist Wemmels Apotheke in Höxter. In der Apotheke sind noch originale Stücke aus der Hofapotheke des Weingärtners Rupen zu finden. Übrigens machte der neue Corveysche Hofapotheker nicht nur Heilmittel, sondern auch „geistige Getränke“ und Liköre.

Michael Rindermann, Inhaber des Weinhauses Corvey, hat sich intensiv mit der Lebensgeschichte des Fürstabten Christoph von Bellinghausen auseinandergesetzt. „Es gibt nicht allzuviele Quellen über das Leben und Wirken dieses Mannes, aber ich finde es sehr spannend.“ Als er die Zusammenhänge mit der Hofapotheke, dem Corveyer Weinberg und die geistigen Getränke herausfand, beschloss er, dem Fürstabt ein besonders Andenken zu widmen. Er entwickelte einen Klostergeist „Fürstabt Christoph“, dessen Geschmack eine Hommage an die Geschmäcker des späten 17. Jahrhunderts sind.

Fürstabt Christoph von Bellinghausen starb ein Jahr nach der Einrichtung der Hofapotheke. Er hat maßgeblich die Landschaft um Corvey bestimmt. In einer Zeit, als Corvey und die ganze Region noch Jahrzehnte nach dem Krieg unter den Folgen zu leiden hatte, versuchte von Bellinghausen Corvey ein neues Gesicht zu geben. Weinbau und auch Gartenkunst waren seine Vorlieben.

Wenn man in der Äbtegalerie in das Gesicht des Fürstabtes blickt, erkennt man einen Mann, der sich neben seiner geistlichen Berufung auch einer ganz weltlichen Bestimmung verschrieb. (fhm)

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