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Montag, 01. März 2021

Vom Leben und Reisen in SĂŒdamerika

Kreis Holzminden/Bolivien (24.01.15). Meine letzten Reisen, die Vorweihnachtszeit, Weihnachten und Silvester liegen nun schon lĂ€nger hinter mir und ich kann kaum glauben, wie schnell die Zeit seit Mitte November hier in Bolivien vergangen ist. Ich lebe nun schon seit mehr als vier Monaten in der Andenstadt La Paz und arbeite im Rahmen des Freiwilligendienstes „kulturweit“ als Freiwillige, ich könnte auch stolz Lokaljournalistin von La Paz sagen (aber das wĂ€re zu viel gesagt), in einer journalistischen Stiftung. TAH-Leser konnten in den letzten Monaten schon puzzleartig Einblicke in mein Leben, meine Arbeit und Freizeit beziehungsweise Reisen gewinnen, und nun kommt ein neuer Teil hinzu.

Ich wĂŒrde lĂŒgen, wenn ich sagen wĂŒrde, ich hĂ€tte in den letzten zwei Monaten viel gearbeitet. TatsĂ€chlich war ich mehr auf Reisen oder in Vorweihnachtsgedanken als irgendwo anders. Und erlebt habe ich dabei auch unglaublich viel:  Machu Picchu, Erdrutsch in Peru, Yogacenter von Hare Krishna, GlĂŒhwein im Sonnenschein, Weihnachten in Bolivien, Silvester in Chile, journalistischer Workshop mit Thema Fotojournalismus – ja, und das in weniger als zwei Monaten. Wo fange ich also an? Genau, Mitte November beim Reisebeginn zum Machu Picchu.

Nachdem wir am mystischen Titicacasee in Bolivien (der auf dem Weg zum Machu Picchu liegt) ein paar Tage die Ruhe genossen haben, begaben wir uns auf die elfstĂŒndige Busreise nach Cusco. Cusco ist ein kleines StĂ€dtchen in Peru, in dem sich die Touristen tummeln, bevor sie zum Machu Picchu reisen. Die Stadt hat an jeder Ecke eine Reiseagentur, die mit Angeboten zum Machu Picchu lockt, kleine Gassen, in denen die „Cuscaner“ Textilien, SĂŒĂŸigkeiten oder handgemachten Schmuck verkaufen und viele Restaurants und CafĂ©s, die zum Schlemmen einladen.

Nachdem wir uns durch Cusco geschlemmt haben, machten wir uns auf zu einem der sieben neuen Weltwunder „Machu Picchu“. Die Inkastadt aus dem 15. Jahrhundert wurde erst 1911 wieder entdeckt und zĂ€hlt zu einem der touristischsten Orte der Welt. Eigens fĂŒr die Touris wurde am Fuß des Berges, auf dem sich die antike Stadt befindet, ein Dorf errichtet, das einzig und allein aus Hotels, Restaurants und SouvenirlĂ€den besteht. Es war wirklich unglaublich beeindruckend, durch die alten Ruinen zu laufen und auf Machu Picchu zu blicken. Das Wetter war auch auf unserer Seite und ließ die alte Inkastadt in Sonnenschein erstrahlen.

Dieses einzigartige Erlebnis wurde leider auf der RĂŒckfahrt nach Cusco durch etwas ĂŒberschattet, was wir nicht geahnt haben und nicht ahnen konnten: einen Erdrutsch! Ein Erdrutsch, der es unserem Minivan verwehrte, die Straße zu passieren. Diese schlĂ€ngelte sich durch Berge mit steilen AbhĂ€ngen, und nun verlangte man von uns, einen dieser steilen AbhĂ€nge hochzuklettern. Ich hielt das anfangs fĂŒr einen Scherz, krachten doch links von den Personen, die den Abhang runter kletterten, große Steine auf die Straße. Uns blieb aber nichts anderes ĂŒbrig, und somit kletterten wir den steinbruchartigen Abhang unter furchtbarer Angst hoch. Nach 20 Minuten und vielen helfenden HĂ€nden spĂ€ter kamen wir zum GlĂŒck wohlbehalten, aber mit zittrigen Beinen oben auf der Straße an und konnten unsere Reise Richtung Cusco ohne weitere Probleme fortsetzen.

Von Cusco ging es dann im Flugzeug weiter nach Lima, die Hauptstadt Perus und Zehn-Millionen-Metropole direkt am Pazifik. Von dort fuhren wir in ein Yogacenter von Hare Krishna außerhalb Limas am Strand, wo wir fĂŒr fĂŒnf Tage an einem Seminar von „kulturweit“ teilnahmen. Es war sehr interessant, den Glauben der Hare Krishnas hautnah mitzuerleben, und schnell machte es uns fast nichts mehr aus, auf Eco-Toiletten zu gehen, kalt zu duschen, uns ausschließlich vegetarisch und ohne Eier, aber mit Milchprodukten, zu ernĂ€hren und freiwillig an den Gebeten teilzunehmen. Das Yogacenter liegt direkt am Meer und aufgrund des Wellenrauschens und der Ruhe der Hare Krishnas kamen wir in den fĂŒnf Tagen zu unglaublicher Entspannung.

Diese Ruhe endete relativ abrupt, als wir wieder in Lima ankamen. Anfangs waren wir vollkommen ĂŒberfordert mit der GrĂ¶ĂŸe dieser Stadt und mussten uns erstmal orientieren. Aber dank unserer ĂŒberaus netten Couchsurfing-Peruanerin (Couchsurfing ist eine Möglichkeit, umsonst bei Einheimischen zu ĂŒbernachten) fĂŒhlten wir uns schnell pudelwohl und genossen die Großstadt und die Meerluft.

Nachdem wir zwei Wochen unterwegs waren und wieder in La Paz ankamen, war auf einmal Weihnachten wie aus dem Nichts aufgetaucht. Aufgrund von sommerlichen Temperaturen und Sonnenschein im November hatten wir vollkommen vergessen (oder verdrĂ€ngt?), dass Weihnachten vor der TĂŒr stand. Nun aber schallten Weihnachtslieder aus sĂ€mtlichen SupermĂ€rkten und abends blinkte es aus jeder Ecke. Wir machten es uns auf unsere Art und Weise weihnachtlich: Wir backten Kekse, tranken GlĂŒhwein und hörten Weihnachtslieder. GlĂŒcklicher waren wir jedoch, als Weihnachten vorbei war (wir haben unsere Heimat und den deutschen Weihnachtsmarkt doch ziemlich vermisst) und wir uns auf die nĂ€chste Reise begeben konnten.

Ziele dieser Reise waren die Ă€lteste Minenstadt Boliviens PotosĂ­, die Hauptstadt Sucre (nein, La Paz ist nicht die Hauptstadt, sondern nur Sitz der Legislative und Exekutive) sowie die chilenische KĂŒstenstadt Arica. PotosĂ­ liegt etwa 4.100 Meter hoch, und in der Kolonialzeit baute man hier sehr viel Silber ab, wodurch die Stadt zu viel Reichtum gelangte (der grĂ¶ĂŸte Silberanteil wurde allerdings nach Spanien geschifft). Heute ist von dem Reichtum recht wenig zu spĂŒren, und in der Miene wird mehr Zinn, Blei und wenig Silber abgebaut. Ausgestattet mit Helm, Kopflampe und Schutzkleidung machten wir uns also auf in die Mine, angefĂŒhrt von einem ehemaligen „Minero“, der, seitdem er acht Jahre alt ist, in der Mine arbeitet.

Der Weg durch die Minen war sehr beklemmend, teilweise mussten wir gekrĂŒmmt durch die kleinen GĂ€nge irren. Ab und zu kamen uns schwitzende Minenarbeiter mit Schubkarren voller Steine entgegen, denen gaben wir dann GetrĂ€nke oder Coca-BlĂ€tter (ohne Coca-Kauen wĂŒrden die Minenarbeiter die harte Arbeit in etwa 4.500 Meter Höhe kaum aushalten, auch wir kauten wĂ€hrend der Tour Coca).

Nachdem wir etwa 1,5 Stunden durch die kleinen GĂ€nge in dem Berg gelaufen sind, ab und zu hörten wir die Erosionen von Sprengungen, erreichten wir wieder Tageslicht. Alle waren durchgeschwitzt und hatten Kopfschmerzen, da wir wenig Sauerstoff, viel Staub und zum Teil giftigen Gasen ausgesetzt waren. Ich kann mir schwer vorstellen, wie die „Mineros“ unter diesen UmstĂ€nden tagtĂ€glich mehr als acht Stunden arbeiten können. Fakt ist, dass die Lebenserwartung nur zwischen 45 und 48 Jahren liegt.

Nach diesem außergewöhnlichen Abenteuer reisten wir weiter nach Sucre, in die weiße Stadt Boliviens. Die Stadt hat viele gut erhaltene koloniale schöne GebĂ€ude, die stets in weiß gestrichen sind (deswegen auch der Name), und durch das recht warme Klima erinnert Sucre stark an andalusische StĂ€dte in Spanien. Hier genossen wir das milde Klima, leckeren Obstsalat in der Markthalle und schlenderten durch die Gassen.

Dann stand Silvester vor der TĂŒr. Nach 24 Stunden Busfahrt nach Arica, die drei Stunden Warten an der Grenze zu Chile beinhalteten, ging die bergige Landschaft fließend ĂŒber zum Strand. Da Chile ein sehr schmales, dafĂŒr sehr langes Land ist, kann man vom Strand direkt die Bergketten erkennen. Arica ist keine sehr schöne Stadt, aber dafĂŒr lĂ€dt sie zum Entspannen am Strand ein. Wir hatten GlĂŒck mit dem Wetter und verbrachten somit tagsĂŒber die Zeit immer am Strand und badeten glĂŒckselig im Pazifik – eine Schildkröte, die uns dabei beobachtete, stets an unserer Seite. An Silvester bestaunten wir das Feuerwerk am Strand, saßen Wein trinkend am Meer und reflektierten unser Jahr 2014.

Als wir wieder in La Paz ankamen, holte uns schnell der Alltag ein. In unseren Lieblingsbars wurden wir schon vermisst und mit einem breiten Grinsen empfangen, und so langsam trudelte die verbliebene Weihnachtspost aus Deutschland bei mir ein. Die Post in Bolivien hat noch nicht ganz verstanden, wie effizientes Arbeiten funktioniert, weniger noch die Notwendigkeit eines Postautos erkannt, weshalb ich Anfang Januar kleine Pakete und Briefe persönlich auf der Post abholen konnte. Diese wurden bereits Ende November/Anfang Dezember abgeschickt, in Bolivien Ende Dezember gestempelt und gerieten Anfang Januar letztendlich in meine HÀnde.

In meiner ersten Arbeitswoche in 2015 konnte ich an einem Fotojournalismus-Workshop teilnehmen, der von einem Journalisten von der Deutschen Welle Akademie und einem Fotojournalisten von Reuters geleitet wurde. Das war sehr interessant und ich lernte viel ĂŒber diesen Journalismusbereich. Schnell wurde ich Teil der Gruppe, die ausschließlich aus bolivianischen Journalisten bestand, und kam mit vielen Leuten ins GesprĂ€ch. Das war sehr interessant und ein guter Arbeitsstart.

Jetzt bleiben mir hier in Bolivien nicht einmal mehr drei Wochen und ich kann kaum glauben, wie schnell die fĂŒnf Monate vergangen sind und wie viel ich erlebt habe. Ich freue mich auf die verbleibenden Wochen hier in der Andenstadt, die noch voll schöner PlĂ€ne sind, aber blicke auch voller Freude auf meine Heimkehr Anfang Februar! Alisa Lönneker

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