Sonntag, 18. August 2019

Vom Leben und Reisen in Südamerika

Kreis Holzminden/Bolivien (24.01.15). Meine letzten Reisen, die Vorweihnachtszeit, Weihnachten und Silvester liegen nun schon länger hinter mir und ich kann kaum glauben, wie schnell die Zeit seit Mitte November hier in Bolivien vergangen ist. Ich lebe nun schon seit mehr als vier Monaten in der Andenstadt La Paz und arbeite im Rahmen des Freiwilligendienstes „kulturweit“ als Freiwillige, ich könnte auch stolz Lokaljournalistin von La Paz sagen (aber das wäre zu viel gesagt), in einer journalistischen Stiftung. TAH-Leser konnten in den letzten Monaten schon puzzleartig Einblicke in mein Leben, meine Arbeit und Freizeit beziehungsweise Reisen gewinnen, und nun kommt ein neuer Teil hinzu.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte in den letzten zwei Monaten viel gearbeitet. Tatsächlich war ich mehr auf Reisen oder in Vorweihnachtsgedanken als irgendwo anders. Und erlebt habe ich dabei auch unglaublich viel:  Machu Picchu, Erdrutsch in Peru, Yogacenter von Hare Krishna, Glühwein im Sonnenschein, Weihnachten in Bolivien, Silvester in Chile, journalistischer Workshop mit Thema Fotojournalismus – ja, und das in weniger als zwei Monaten. Wo fange ich also an? Genau, Mitte November beim Reisebeginn zum Machu Picchu.

Nachdem wir am mystischen Titicacasee in Bolivien (der auf dem Weg zum Machu Picchu liegt) ein paar Tage die Ruhe genossen haben, begaben wir uns auf die elfstündige Busreise nach Cusco. Cusco ist ein kleines Städtchen in Peru, in dem sich die Touristen tummeln, bevor sie zum Machu Picchu reisen. Die Stadt hat an jeder Ecke eine Reiseagentur, die mit Angeboten zum Machu Picchu lockt, kleine Gassen, in denen die „Cuscaner“ Textilien, Süßigkeiten oder handgemachten Schmuck verkaufen und viele Restaurants und Cafés, die zum Schlemmen einladen.

Nachdem wir uns durch Cusco geschlemmt haben, machten wir uns auf zu einem der sieben neuen Weltwunder „Machu Picchu“. Die Inkastadt aus dem 15. Jahrhundert wurde erst 1911 wieder entdeckt und zählt zu einem der touristischsten Orte der Welt. Eigens für die Touris wurde am Fuß des Berges, auf dem sich die antike Stadt befindet, ein Dorf errichtet, das einzig und allein aus Hotels, Restaurants und Souvenirläden besteht. Es war wirklich unglaublich beeindruckend, durch die alten Ruinen zu laufen und auf Machu Picchu zu blicken. Das Wetter war auch auf unserer Seite und ließ die alte Inkastadt in Sonnenschein erstrahlen.

Dieses einzigartige Erlebnis wurde leider auf der Rückfahrt nach Cusco durch etwas überschattet, was wir nicht geahnt haben und nicht ahnen konnten: einen Erdrutsch! Ein Erdrutsch, der es unserem Minivan verwehrte, die Straße zu passieren. Diese schlängelte sich durch Berge mit steilen Abhängen, und nun verlangte man von uns, einen dieser steilen Abhänge hochzuklettern. Ich hielt das anfangs für einen Scherz, krachten doch links von den Personen, die den Abhang runter kletterten, große Steine auf die Straße. Uns blieb aber nichts anderes übrig, und somit kletterten wir den steinbruchartigen Abhang unter furchtbarer Angst hoch. Nach 20 Minuten und vielen helfenden Händen später kamen wir zum Glück wohlbehalten, aber mit zittrigen Beinen oben auf der Straße an und konnten unsere Reise Richtung Cusco ohne weitere Probleme fortsetzen.

Von Cusco ging es dann im Flugzeug weiter nach Lima, die Hauptstadt Perus und Zehn-Millionen-Metropole direkt am Pazifik. Von dort fuhren wir in ein Yogacenter von Hare Krishna außerhalb Limas am Strand, wo wir für fünf Tage an einem Seminar von „kulturweit“ teilnahmen. Es war sehr interessant, den Glauben der Hare Krishnas hautnah mitzuerleben, und schnell machte es uns fast nichts mehr aus, auf Eco-Toiletten zu gehen, kalt zu duschen, uns ausschließlich vegetarisch und ohne Eier, aber mit Milchprodukten, zu ernähren und freiwillig an den Gebeten teilzunehmen. Das Yogacenter liegt direkt am Meer und aufgrund des Wellenrauschens und der Ruhe der Hare Krishnas kamen wir in den fünf Tagen zu unglaublicher Entspannung.

Diese Ruhe endete relativ abrupt, als wir wieder in Lima ankamen. Anfangs waren wir vollkommen überfordert mit der Größe dieser Stadt und mussten uns erstmal orientieren. Aber dank unserer überaus netten Couchsurfing-Peruanerin (Couchsurfing ist eine Möglichkeit, umsonst bei Einheimischen zu übernachten) fühlten wir uns schnell pudelwohl und genossen die Großstadt und die Meerluft.

Nachdem wir zwei Wochen unterwegs waren und wieder in La Paz ankamen, war auf einmal Weihnachten wie aus dem Nichts aufgetaucht. Aufgrund von sommerlichen Temperaturen und Sonnenschein im November hatten wir vollkommen vergessen (oder verdrängt?), dass Weihnachten vor der Tür stand. Nun aber schallten Weihnachtslieder aus sämtlichen Supermärkten und abends blinkte es aus jeder Ecke. Wir machten es uns auf unsere Art und Weise weihnachtlich: Wir backten Kekse, tranken Glühwein und hörten Weihnachtslieder. Glücklicher waren wir jedoch, als Weihnachten vorbei war (wir haben unsere Heimat und den deutschen Weihnachtsmarkt doch ziemlich vermisst) und wir uns auf die nächste Reise begeben konnten.

Ziele dieser Reise waren die älteste Minenstadt Boliviens Potosí, die Hauptstadt Sucre (nein, La Paz ist nicht die Hauptstadt, sondern nur Sitz der Legislative und Exekutive) sowie die chilenische Küstenstadt Arica. Potosí liegt etwa 4.100 Meter hoch, und in der Kolonialzeit baute man hier sehr viel Silber ab, wodurch die Stadt zu viel Reichtum gelangte (der größte Silberanteil wurde allerdings nach Spanien geschifft). Heute ist von dem Reichtum recht wenig zu spüren, und in der Miene wird mehr Zinn, Blei und wenig Silber abgebaut. Ausgestattet mit Helm, Kopflampe und Schutzkleidung machten wir uns also auf in die Mine, angeführt von einem ehemaligen „Minero“, der, seitdem er acht Jahre alt ist, in der Mine arbeitet.

Der Weg durch die Minen war sehr beklemmend, teilweise mussten wir gekrümmt durch die kleinen Gänge irren. Ab und zu kamen uns schwitzende Minenarbeiter mit Schubkarren voller Steine entgegen, denen gaben wir dann Getränke oder Coca-Blätter (ohne Coca-Kauen würden die Minenarbeiter die harte Arbeit in etwa 4.500 Meter Höhe kaum aushalten, auch wir kauten während der Tour Coca).

Nachdem wir etwa 1,5 Stunden durch die kleinen Gänge in dem Berg gelaufen sind, ab und zu hörten wir die Erosionen von Sprengungen, erreichten wir wieder Tageslicht. Alle waren durchgeschwitzt und hatten Kopfschmerzen, da wir wenig Sauerstoff, viel Staub und zum Teil giftigen Gasen ausgesetzt waren. Ich kann mir schwer vorstellen, wie die „Mineros“ unter diesen Umständen tagtäglich mehr als acht Stunden arbeiten können. Fakt ist, dass die Lebenserwartung nur zwischen 45 und 48 Jahren liegt.

Nach diesem außergewöhnlichen Abenteuer reisten wir weiter nach Sucre, in die weiße Stadt Boliviens. Die Stadt hat viele gut erhaltene koloniale schöne Gebäude, die stets in weiß gestrichen sind (deswegen auch der Name), und durch das recht warme Klima erinnert Sucre stark an andalusische Städte in Spanien. Hier genossen wir das milde Klima, leckeren Obstsalat in der Markthalle und schlenderten durch die Gassen.

Dann stand Silvester vor der Tür. Nach 24 Stunden Busfahrt nach Arica, die drei Stunden Warten an der Grenze zu Chile beinhalteten, ging die bergige Landschaft fließend über zum Strand. Da Chile ein sehr schmales, dafür sehr langes Land ist, kann man vom Strand direkt die Bergketten erkennen. Arica ist keine sehr schöne Stadt, aber dafür lädt sie zum Entspannen am Strand ein. Wir hatten Glück mit dem Wetter und verbrachten somit tagsüber die Zeit immer am Strand und badeten glückselig im Pazifik – eine Schildkröte, die uns dabei beobachtete, stets an unserer Seite. An Silvester bestaunten wir das Feuerwerk am Strand, saßen Wein trinkend am Meer und reflektierten unser Jahr 2014.

Als wir wieder in La Paz ankamen, holte uns schnell der Alltag ein. In unseren Lieblingsbars wurden wir schon vermisst und mit einem breiten Grinsen empfangen, und so langsam trudelte die verbliebene Weihnachtspost aus Deutschland bei mir ein. Die Post in Bolivien hat noch nicht ganz verstanden, wie effizientes Arbeiten funktioniert, weniger noch die Notwendigkeit eines Postautos erkannt, weshalb ich Anfang Januar kleine Pakete und Briefe persönlich auf der Post abholen konnte. Diese wurden bereits Ende November/Anfang Dezember abgeschickt, in Bolivien Ende Dezember gestempelt und gerieten Anfang Januar letztendlich in meine Hände.

In meiner ersten Arbeitswoche in 2015 konnte ich an einem Fotojournalismus-Workshop teilnehmen, der von einem Journalisten von der Deutschen Welle Akademie und einem Fotojournalisten von Reuters geleitet wurde. Das war sehr interessant und ich lernte viel über diesen Journalismusbereich. Schnell wurde ich Teil der Gruppe, die ausschließlich aus bolivianischen Journalisten bestand, und kam mit vielen Leuten ins Gespräch. Das war sehr interessant und ein guter Arbeitsstart.

Jetzt bleiben mir hier in Bolivien nicht einmal mehr drei Wochen und ich kann kaum glauben, wie schnell die fünf Monate vergangen sind und wie viel ich erlebt habe. Ich freue mich auf die verbleibenden Wochen hier in der Andenstadt, die noch voll schöner Pläne sind, aber blicke auch voller Freude auf meine Heimkehr Anfang Februar! Alisa Lönneker

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