Mittwoch, 21. August 2019

FÜR, POL oder OLD sind nicht möglich

Weserbergland (21.02.15). Es ist eine Sehnsucht, die für manche kaum zu erklären ist. Und es ist dazu eine Sehnsucht, die nicht in allen deutschen Landkreisen aufkommt, auch nicht im Landkreis Holzminden. Aber im Umkreis des Landkreises ist diese Sehnsucht inzwischen ganz stark ausgebildet. Die Beweise dafür sehen die Kreis-Holzmindener jeden Tag auf ihren Straßen. Da fährt ein Auto mit einem EIN-Kennzeichen oder ALF, ein Lkw mit GAN und ein Motorrad mit RI. Die Kürzel auf den Kennzeichen stehen für die Kreise, in denen die Besitzer ihre Fahrzeuge angemeldet haben. Aber Einbeck (EIN), Alfeld (ALF), Bad Gandersheim (GAN) oder Rinteln (RI) sind keine Kreise mehr. Sie wurden bei der letzten Gebietsreform vor über 40 Jahren eingemeindet und haben ihre Selbstständigkeit verloren.

Eigentlich waren damit auch die alten Kreiskürzel verschwunden, doch am 21. September 2012 beschloss der Bundesrat eine Änderung der bisherigen Fahrzeugszulassungsverordnung. Danach können die Länder pro Zulassungsbezirk (Landkreis oder kreisfreie Stadt) mehrere Kennzeichen beantragen. Allerdings ist die Auswahl auf das bisherige offizielle Kennzeichen und das Altkennzeichen beschränkt.  Die Wirkung dieses Beschlusses war gewaltig. Über 280 Städte und Kreise haben seit dieser Reform die Möglichkeit eröffnet, dass Altkennzeichen wieder benutzt werden dürfen. Weitere 100 Städte und Kreise haben angekündigt oder zur Diskussion gestellt, dass sie diese Möglichkeit ebenfalls einführen wollen. Alle wollen das Altkennzeichen wahlweise zur Verfügung stellen. Standardmäßig wird bei Anmeldungen weiterhin das gültige Standardkennzeichen vergeben.

Mit dem Thema der Zulassung von Altkennzeichen hat sich der Heilbronner Professor Dr. Ralf Bochert intensiv befasst. Der Studiendekan des Studiengangs Tourismusmanagement an der Hochschule Heilbronn hat im Rahmen des Projektes „Heilbronner Initiative Kennzeichenliberalisierung“ eine Studie erstellt und mehr als 50.000 Personen in 200 deutschen Städten zu diesem Thema befragt. Die Mehrheit von 72 Prozent der Befragten spricht sich dabei für die Rückkehr zum Altkennzeichen aus, 13 Prozent sind für die Beibehaltung der jetzigen Situation. Besonders stark sei der Wunsch in denjenigen Gebieten, wo die Reform erst vor einigen Jahren stattfand, wie beispielsweise in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Thüringen  und Sachsen-Anhalt. Aber auch zwei Drittel der Befragten in den alten Bundesländern, wo die Gebietsreformen in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stattfanden, sprechen sich für die Einführung der Altkennzeichen aus. Besonders bemerkenswert sei es gewesen, dass gerade die Gruppe der 16- bis 30-Jährigen sehr stark mit dem alten Kennzeichen sympathisiere, obwohl viele von denen die Kennzeichen gar nicht mehr erlebt haben. Weitere Informationen zur Projektstudie gibt es im Internet unter der Adresse www.hs-heilbronn.de.

Wie groß die Sehnsucht bei vielen Menschen nach dem Altkennzeichen ist, mussten die Behörden im Bundesland Sachsen feststellen. Dort gingen allein in den ersten zwölf Monaten nach Wiederzulassung der Altkennzeichen 153.000 Anträge auf einen Wechsel der Kennzeichen ein. Spitzenreiter war dabei der Kreis Bautzen, in dem über 10.000 Menschen das alte Kennzeichen KM für Kamenz haben wollten.

Auch in Niedersachsen ist das Interesse an den alten Kennzeichen sehr groß. Im Kreis Aurich haben schon über 16.000 Autofahrer das alte Kennzeichen NOR geholt. Im Kreis Northeim sind es fast 10.000 EIN-Kennzeichen und im Landkreis Hildesheim sind schon über 6.000 Autos mit dem ALF-Kennzeichen für Alfeld unterwegs. Und auch DUD (Duderstadt) und HMÜ (Hann. Münden) im Kreis Göttingen gehören zur Renaissance der Alt-Kennzeichen. HMÜ wurde schon über 5.3000 mal herausgegeben und DUD fast 4.000 mal. Und auch GAN (Bad Gandersheim) im Kreis Northeim ist auf über 3.500 Autos zu lesen.

Allerdings gibt es aber auch 100 Landkreise in Deutschland, welche die Einführung der Altkennzeichen abgelehnt haben. Zu den Kreisen, die gegen das Altkennzeichen stimmten, gehört der Kreis Höxter. Hier gab es bis 1975 den Kreis Warburg mit WAR. 2012 lehnte der Kreistag die Einführung von WAR ab, als Begründung hieß es, man lebe im Kreis Höxter, man wolle keinen Separatismus. Inzwischen hat sich im Nachbarkreis eine Bürgerinitiative gebildet. Zahlreiche Unterschriften wurden gesammelt. Jetzt will sich der Kreistag im April auf seiner nächsten Sitzung mit diesem Thema befassen.

Auch der Kreis Paderborn hatte die Einführung des Altkennzeichens BÜR für Büren vor drei Jahren abgelehnt. Hier beugte man sich inzwischen dem immer stärker werdenden Druck der Bürger. BÜR wurde als Wahlkennzeichen wieder eingeführt und erfreut inzwischen nicht nur viele Autofahrer, sondern auch den Kämmerer des Kreises. Denn der Kreis Paderborn lässt sich wie andere Kreise auch das Wunschkennzeichen gut bezahlen und nimmt dadurch mehr Geld ein.

Als die Bundesländer die Zulassungsverordnung änderten, hatten einige die Hoffnung, dass man vielleicht auch neue Kennzeichen einführen werde. So gab es auch Kreis-Holzmindener, die sich schon auf das Kennzeichen POL für Polle, OLD für Stadtoldendorf oder FÜR für Fürstenberg freuten. Diese Vorfreude wurde aber schnell ausgebremst. Denn nur frühere Kennzeichen dürfen wieder eingeführt werden. Und der Kreis Holzminden war immer HOL, hier gab es nichts anderes. Neue Kennzeichen gibt es nicht – auch wenn es einige Bürger wollen. (fhm)

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