Sonntag, 20. Oktober 2019

Raub, Mord und ganz besondere Helden

Historische Romane: „Apokalypse 1626“, „Der Novize aus Corvey“ und  „Die Brüder des Löwen“

Weserbergland (14.02.15). Historische Romane sind beliebt. In jeder Bestsellerliste sind sie zu finden, erreichen bis zu sechsstellige Auflagenzahlen. Und besonders begehrt sind inzwischen Werke, die in einer bestimmten und dem Leser bekannten Region spielen. Eine ganz besondere Region, die sich für solche Romane eignet, ist das Weserbergland. Hier ereignet sich seit über 1.200 Jahren Geschichte, die manchmal europäischen Rang besetzt – auch wenn es die Menschen hier nicht bemerken. Drei historische Romane sind im Verlag Jörg Mitzkat erschienen, die im Weserbergland angesiedelt sind und das Land links und rechts der Weser im Hochmittelalter des 12. Jahrhunderts, zu Beginn des 16. Jahrhunderts kurz vor der Reformation und während des Dreißigjährigen Krieges präsentieren.

„Apokalypse 1626“ (ISBN 978-3-940751-88-1) von J. F. Schröder spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der Landstrich zwischen Harz und Weser ist im Jahr 1626 zum Schlachtfeld geworden. Die Soldaten des Generals Tilly und seiner Gegner verheeren das Land. Hauptperson des Romans ist Rittmeister Mathias Graf von Falkenberg, der zusammen mit seinem Diener Hans Meinrad auf eine abenteuerliche Mission geht.

„Der Novize aus Corvey“ (ISBN 978-3-940751-87-4) von Hubertus Grimm spielt im Jahr 1500 in der Reichsabtei Corvey. Die Abtei selbst gehört nicht mehr zu den wichtigen Klöstern des Reiches, aber in der Bibliothek befinden sich noch viele wertvolle Handschriften und Bücher. Der Novize Veit bemerkt, dass der wertvolle Tacitus-Kodex aus der Bibliothek gestohlen wurde. Zusammen mit dem Mönch Stephanus und dem Kaufmann Hinrik Wulfes nimmt Veit die Verfolgung des Diebes auf. Die Jagd nach dem Dieb führt die Männer aus Höxter und Corvey bis nach Rom.

„Die Brüder des Löwen“ (ISBN 978-3-940751-84-3) von Peter Schütze erzählt eine Macht- und Klostergeschichte aus der Sicht von Lutridis, der Tochter Widekinds von Schwalenberg. Sie erlebt 1128 als kleines Mädchen die Gründung des Klosters Marienmünster bei Höxter und stiftet am Ende ihres Lebens das Kloster Marienfeld im Münsterland. In der Mitte des 12. Jahrhunderts nimmt sie teil am Aufstieg ihrer Familie im Umfeld von Herzog Heinrich dem Löwen und erlebt den Kampf des Herzogs und seiner Vasallen.

Welche Qualität haben diese Romane? Die Qualität von historischen Romanen lässt sich an drei Merkmalen festmachen. Neben dem Schreibstil und der Geschichte an sich ist die historische Genauigkeit von Bedeutung. Es ist keine Besserwisserei, wenn man in einem Buch liest „Die Soldaten marschierten über die Brücke“ und als Ortskundiger weiß man, dass es an der beschriebenen Stelle nie eine Brücke gegeben hat. Natürlich kann man sagen, das ist dichterische Freiheit oder ist aus dramaturgischen Gründen notwendig. Aber ein historischer Roman lebt davon, dass er die geschichtlichen Hintergründe und Umstände exakt und korrekt darstellt. Einige der Bücher geben ihren Lesern sogar zusätzliches Material wie Karten oder Chronologien an die Hand.

Ein Musterbeispiel ist dafür „Der Novize aus Corvey“. Das Thema des Buches ist der Diebstahl der Annalen des Tacitus. Dieses Werk war das einzige Exemplar, das vom Geschichtsbuch des Römers Tacitus aus dem 2. Jahrhundert nach Christus noch existierte. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde es gestohlen und später als Buch veröffentlicht. Die Veröffentlichung hatte zur Folge, dass der damals vergessene Name des Römer-Bezwingers und Befreiers Germaniens Arminius wieder in das Bewusstsein der Menschen rückte. Ohne den Diebstahl der Annalen aus Corvey wäre wohl Hermann der Cherusker heute gar nicht mehr  bekannt. Autor Hubertus Grimm ist sehr genau bei der Wiedergabe der geschichtlichen Fakten bis ins kleinste Detail. Sei es die Beschreibung der Gegend, das Aufzählen von Speisen oder der Weg durch die heimischen Wälder. Auch die politischen Hintergründe und Machtverhältnisse sind korrekt eingearbeitet. Die drei Hauptpersonen sind zwar erfunden, basieren aber teilweise auf realen Persönlichkeiten.

Die „Apokalypse 1626“ nimmt sich eines Zeitabschnitts während des Dreißigjährigen Krieges an, der bislang sowohl in der geschichtlichen Fachliteratur als auch in der Belletristik kaum Niederschlag fand. Die Phase des Kriegsgeschehens in dieser Zeit in Niedersachsen  wird exzellent recherchiert und faktentreu wiedergegeben. Die Region um Holzminden und Höxter litt ab 1625 sehr unter den Folgen des Krieges. Sowohl das Grauen als auch die Begebenheiten werden spannend, kundig und faktentreu erzählt. „Apokalypse 1626“ wirkt an manchen Stellen sogar wie ein historisches Fachbuch, so genau ist der Autor vorgegangen. Es bleibt aber bis zur letzten Seite eine spannende und unterhaltende Erzählung. Eine Karte erläutert den Weg der Romanhelden und gibt eine gute geographische Einordnung.

Das Werk von Peter Schütze „Die Brüder des Löwen“ nimmt in dieser Aufzählung eine besondere Stellung ein. Es schildert die Geschichte einer Adelsfamilie aus der Sicht einer Frau und berichtet vom Machtkampf während des 12. Jahrhunderts zwischen Welfen und Staufern, zwischen regionalen Adelsfamilien, die auch das Weserbergland vor 800 Jahren prägten. Die historische Genauigkeit wird in diesem Werk bis in das kleinste Detail und den größten Hintergrundzusammenhang ausgebreitet und erfüllt. Manchmal gibt es auch Passagen, die mehr an ein historisches Fachbuch als an einen spannenden Roman erinnern. Allerdings, wie bei den beiden anderen Werken, wird auch hier spannend und packend erzählt. Und die Geschichte an sich ist ebenfalls lesenswert.

Alle drei Bücher präsentieren Geschichten, die mit Raub, Mord und Totschlag angefüllt sind. Aber sie erzählen auch die Geschichten drei besonderer Helden. Es sind die Erlebnisse und Abenteuer eines jungen Novizen, einer Adeligen und eines Soldaten. Wer alle drei Bücher gelesen hat, der bekommt neben dem Lesevergnügen auch eine intensive Erkenntnis vermittelt. Die Region, in der wir leben, ist extrem spannend – zumindest war sie es in der Vergangenheit, wenn man den Büchern glauben darf. Alle drei Bücher sind im Buchhandel oder beim Verlag Jörg Mitzkat in Holzminden erhältlich. (fhm)