Mittwoch, 21. August 2019

Schwere Gefechte bei Polle

Vor 70 Jahren – Das Ende des Zweiten Weltkrieges im Landkreis Holzminden

Kreis Holzminden (14.03.15). 1945 erleben die Menschen das sechste Jahr des Zweiten Weltkriegs. Millionen sind schon gestorben, verwundet worden oder werden vermisst. Unsägliches Leid hat der Krieg gebracht, den das Deutsche Reich im September 1939 begonnen hat. Im März 1945, vor 70 Jahren, kommt der Krieg auch in den Landkreis Holzminden. Auch hier haben die Menschen schon die Folgen des Weltkriegs sehr deutlich gespürt. Viele sind an der Front oder bei Bombenangriffen ums Leben gekommen. Im März kommt der Krieg direkt in die Region zwischen Weser und Ith.

In zwei großen Angriffsrichtungen kommen die Amerikaner auf den Landkreis Holzminden zu. Schon am 31. März (Ostersonnabend) sind die US-Soldaten in Warburg im Süden des Kreises Höxter eingedrungen. Die schnell heranrückenden Amerikaner bringen die Kampfhandlungen in die Nähe des Landkreises Holzminden. Doch schon zuvor haben die Menschen die Auswirkungen des grausamen Krieges zu spüren bekommen: Tieffliegerangriffe, Bombenabwürfe, gefallene Angehörige, die Ungewissheit um die Nächsten und Nachbarn, die Versorgungslage und der Drangsal durch das Nazi-Regime.

Ganz besonders schlimm traf es Holzminden. Am Dienstag, 3. April, wird die Kreisstadt Ziel eines amerikanischen Luftangriffes. 200 Menschen fanden dabei den Tod. Zwei Tage später, am 5. April, wird auch in Bodenwerder das grausame und brutale Antlitz des Krieges Wirklichkeit. Lemgos Bürgermeister Wilhelm Gräfer hatte einen Tag zuvor mit amerikanischen Truppen verhandelt, um seine Heimatstadt vor der Zerstörung zu retten und das sinnlose Töten zu beenden. Daraufhin wurde er von Wehrmachtsoffizieren festgenommen und in einem Standgerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Die deutschen Truppen ziehen sich vor den Amerikanern zurück und nehmen Lemgos Bürgermeister mit. In Bodenwerder wird das Urteil bestialisch vollstreckt.

Am Abend des 5. April rücken erste amerikanische Einheiten der 30. Infanterie-Division über Frenke und Brockensen auf das Gebiet des heutigen Landkreises Holzminden vor. Gegen 22 Uhr sind US-Truppen in Heyen. Der Landkreis Holzminden wird jetzt zum Kampfgebiet. Am Nachmittag des 6. April rückten amerikanische Verbände über Rischenau, Falkenhagen und Sabbenhausen in Richtung Weser vor. Immer wieder werden die Orte mit Artillerie beschossen. Als der Kampflärm immer näher kommt, suchten in Polle viele Menschen in der Flucht ihr Heil. Starke Verbände der Wehrmacht und der Waffen-SS – etwa 1.000 Mann – erwarten den Angriff der US-Truppen. Von Brevörde aus beginnt am Morgen des 7. April der Angriff auf die deutschen Stellungen bei Polle. Es kommt zu Gefechten mit SS-Soldaten in der „Wolfsschlucht“, bei der die US-Truppen auf heftigen Widerstand stießen. Danach greifen Artillerie-Einheiten und amerikanische Flieger in das Geschehen ein. 33 Häuser brennen.

In der Nacht vom 7. auf den 8. April dringen die ersten Amerikaner in Polle ein. Weil die Fähre gesprengt wurde, bauen sich die deutschen Soldaten kleine Flöße, um über die Weser zu kommen. Am Vormittag füllt sich Polle mit amerikanischen Soldaten. Der Ort gehörte den US-Truppen.

Zeitgleich mit dem Angriff auf Polle erreichen amerikanische Truppen die Kreisstadt Höxter. Zuvor haben deutsche Soldaten die Weserbrücke gesprengt. Auch auf Holzminden richtet sich jetzt verstärkt das Interesse der Amerikaner. Immer wieder wird die Stadt beschossen, weil man dort starke deutsche Verbände vermutet. Die Weserbrücke ist beim Vorrücken der Amerikaner am 7. April, am gleichen Tag wie die Höxteraner Weserbrücke, gesprengt worden.

Zur gleichen Zeit, als die ersten Truppen bei Heinsen und Polle die Weser erreichen und auf die rechte Seite des Flusses übersetzen, gelingt US-Einheiten bei Wehrden ebenfalls der Übergang über die „Weserfront“. Am Sonnabend ist den Amerikanern an zwei Stellen der Übergang über die Weser gelungen. Sie rücken schnell weiter in Richtung Osten.

Am Morgen des 8. April 1945 haben die Amerikaner feste Brückenköpfe bei Heinsen und Polle errichtet. Bevor die Amerikaner von Polle und Heinsen aus in Richtung Forst und Bevern vorrücken, werden Granaten auf die Orte geschossen. Bevern muss Treffer hinnehmen, wobei mehrere Erwachsene und Kinder getötet werden. Als US-Soldaten der 83. US-Infanterie-Division auf Bevern marschieren, leisten einige Wehrmachtssoldaten bei Forst Widerstand. Sie bezahlen dafür mit ihrem Leben. Die meisten Beveraner haben sich in den Steinbrüchen und am Burgberg versteckt.

Das 330. Regiment der 83. Infanterie-Division stößt an diesem Sonntagmorgen auf Stadtoldendorf vor. Dabei beschießen die Amerikaner das Kloster Amelungsborn, da sie die dort gesichteten Zivilpersonen für deutsche Soldaten halten. Weil die Turmuhr getroffen wird, weiß man heute noch den Zeitpunkt des Angriffs: 13.10 Uhr. In vielen Orten des Landkreises sind zwar Straßensperren errichtet worden, doch nicht überall kommt es zu Kämpfen. Mit der Einnahme Eschershausens befreien die amerikanischen Soldaten die restlichen Häftlinge aus den Zwangsarbeitslagern im Hils. Zuvor haben SS und Parteistellen damit begonnen, die Häftlinge drei Wochen vor dem Einmarsch der Alliierten aus den Lagern in die großen Konzentrationslager zu schaffen. Auf diesen Todesmärschen sind unzählige Häftlinge ums Leben gekommen.

Während fast der gesamte Landkreis am Sonntag, 8. April,  in den Händen der Amerikaner ist, bleibt die Kreisstadt zunächst unbesetzt. Nachdem die Amerikaner Bevern erobert haben, schicken sie Beverns Bürgermeister nach Holzminden, der eine Kapitulationsaufforderung übergeben sollte. Als man darauf nicht reagiert, wird die Stadt nochmals mit Granaten beschossen und bombardiert. Erst am Montag, 9. April, richtetet das 331. Infanterieregiment der US-Army sein Augenmerk auf Holzminden. Gegen 8 Uhr dringen Amerikaner von Bevern aus nach Holzminden ein, ohne auf Widerstand zu treffen. Das Pionierbataillon der Wehrmacht hat sich in den Solling zurückgezogen, ebenso die örtlichen Parteifunktionäre. Die Amerikaner laufen von Haus zu Haus, durchsuchen Wohnungen und nehmen einige Passanten fest. Sie werden am Nachmittag wieder freigelassen.

In diesen Tagen rückt auch der südliche Teil des Landkreises Holzminden in das Visier der Kampftruppen. Die Amerikaner sind im südlichen Teil des Kreises Höxter auf schwächeren Widerstand gestoßen. In Wehrden haben die Amerikaner am 8. April damit begonnen, eine Pontonbrücke zu bauen. Zuvor sind einige Infanteristen mit Schlauchbooten übergesetzt, um den Brückenkopf zu schützen. In Lauenförde hat das deutsche Kommando einige 12,5-Zentimeter-Geschütze postiert, deren Befehlshaber sich aber von den Bitten der Lauenförder überzeugen lässt und sich in den Solling absetzt. Am Montag, 9. April, am gleichen Tag, an dem Holzminden besetzt wird, setzen sich US-Einheiten durch Lauenförde in Richtung Solling in Bewegung. An diesem Montag ist die Besetzung des Landkreises abgeschlossen. Für die Menschen im Landkreis Holzminden istder Zweite Weltkrieg vorbei. Sie erleben jetzt die „Stunde Null“ und die Befreiung vom Nationalsozialismus. (fhm)

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