Mittwoch, 21. August 2019

Leuchttürme der Natur

Kreis Holzminden (25.04.2015). Wohin man sieht, die Frühlingsboten leuchten überall. Mit ihnen kommen auch wieder unsere „heimischen Orchideen“. Bei dem Wort Orchideen denken viele Menschen erst einmal an die wunderschönen Pflanzen, die bei vielen im Fenster stehen. Die sind hier aber nicht gemeint, es geht um unsere heimischen „Erd-Orchideen“. In Deutschland sind 60, in Niedersachsen dreißig Orchideenarten bekannt. In der Region – Raum Holzminden, Höxter und Einbeck – sind deutlich über 20 Orchideenarten zu finden.

Das Wort „finden“ macht es deutlich, man muss sie suchen. Der Begriff „heimische Erd-Orchideen“, ist ebenfalls ein Hinweis, sie wachsen aus der Erde, im Gegensatz zu den tropischen und subtropischen Arten. Diese haben in ihrer Heimat auf dem Boden weder Licht, Luft und Raum. Deshalb wachsen sie auf sogenannten Wirtspflanzen (unter anderem auf Bäumen).

Unsere heimischen Orchideen wachsen aus dem Boden, aber längst nicht überall. Sie stellen ganz besondere Ansprüche an ihren Lebensraum. Die Orchideen unterscheiden sich ganz deutlich in ihrer Form und Farbe von anderen Pflanzen. Viele unserer heimischen Orchideen können aber ohne weiteres in ihrer Erscheinung mit ihren tropischen Schwestern wetteifern.

Eine unserer schönsten und bekanntesten Arten ist wohl der Frauenschuh. Von ihm haben wir ganz in unserer Nähe ein besonders großes und schönes Vorkommen auf dem Burgberg. Es ist wohl eins der größten Vorkommen in Norddeutschland. Mit ihm wird öffentlich für unsere Region geworben. Die Orchideen im Allgemeinen fallen durch ihre Blütenform und Farbe auf, so auch der Frauenschuh. Wie der Name zum Ausdruck bringt, ähnelt seine Blüte einem Schuh. Die Blüten fallen durch ein kräftiges Gelb und Rotbraun auf. Eine Besonderheit: Insekten können durch eine Öffnung in die Blüte gelangen. Wollen sie diese aber wieder verlassen, können sie dieses nur über einen bestimmten Weg tun. Hierdurch wird gewährleistet, dass die Blüte durch das Insekt bestäubt wird.

Blütezeit Mai bis Anfang Juni, besiedelt lichte Stellen in Wäldern, auf kalkhaltigen Untergrund.

Neben dem Frauenschuh möchte ich noch ein paar andere Arten vorstellen. Auf die Frage, wann die Blütezeit  beginnt, weise ich immer auf die Blüte  vom Raps in Feld und Flur hin. Eine der ersten ist das Manns-Knabenkraut. Blütezeit Anfang Mai-Juni, wächst auf Halbtrockenrasen und lichten Wald, kalkliebend. Bis über 50 Zentimeter groß, Blüte rosa bis kräftig purpurrot. Die Blätter sind gefleckt, aber auch schlicht grün. Eine weitere frühe Art ist das Purpur-Knabenkraut. Es ist eine große und stattliche, bis über 80 Zentimeter große Pflanze. Sie hat eine dichte, purpurfarbene Blüte, bevorzugt Waldrandgebüsch und wärmeliebenden, lichten Wald. Blüte Anfang Mai- Mitte Juni. Wie ich meine, eine unserer größten und schönsten Orchideen.

Ein Gegensatz zu den beiden  vorgenannten Arten ist die Fliegenragwurz. Hier handelt es sich um eine schlanke und zarte Pflanze. Eine Größe bis 60 Zentimetern ist auch möglich. Eine ihrer Besonderheiten, sie bildet bereits vor dem Winter beziehungsweise im sehr zeitigen Frühjahr sogenannte Winterrosetten aus. Wenn die übrige Vegetation noch ruht, kann man die Blätter mit geübten  Auge erkennen. Ihren Namen hat sie vom Aussehen ihrer Blüte erhalten, diese sieht einer Fliege täuschend ähnlich.

 Außerdem strömt sie einen ganz speziellen Duft aus, von dem das männliche Insekt einer ganz bestimmten Art angelockt wird. Will sich nun dieses Insekt mit dem vermeintlichen „Weibchen“ paaren, unterliegt es einem ganz gravierenden Irrtum. Durch sein Tun wird die Blüte bestäubt. Für seinen „Liebesdienst“ wird das Insekt dann aber noch nicht einmal mit Nektar belohnt, wie es bei anderen Blüten üblich ist. So etwas wird auch „Sexualtäuschblume“ genannt. Blütezeit  Anfang Mai bis Mitte Juni. Wächst auf Halbtrockenrasen und lichten Wald auf Kalk.

Eine ähnliche Art ist die Bienenragwurz. Ihre Blüte ist einer Biene sehr ähnlich. Bis über 40 Zentimeter groß, etwas kräftiger als die „Fliege“. Blütezeit  Mitte Juni bis Anfang Juli. Wächst auf Halbtrockenrasen. Sie gilt als „launisch“, sie kann mehrere Jahre ausbleiben. Sie ist in der Lage, sich selbst zu bestäuben. Zwei Pollinien stehen über der Blüte, ist diese aufgeblüht, fallen sie herunter und bestäuben dieselbe. Auch die Bienenragwurz bildet vor Winter sogenannte Winterrosetten aus, anhand derer sie mit geübten Auge bereits vor dem Jahreswechsel gefunden werden können. 

Sowohl die Fliegen- als auch die Bienenragwurz können in unterschiedlichen  Erscheinungsformen auftreten. Insbesondere durch vielfältige Farbvariationen.

Neben den genannten Arten gibt es noch eine Vielzahl von weiteren interessanten und wunderschönen Orchideen.

Wie bereits erwähnt, muss man die Orchideen suchen und finden. Es macht deutlich, dass sie nicht überall wachsen. Sie stellen ganz unterschiedliche und besonders spezielle  Ansprüche an ihren Lebensraum.  Die extensive Landwirtschaft  und die sogenannten Hutewälder vergangener Zeiten boten ihnen optimale  Lebensräume. In unserer heutigen, überaus intensiven Lebenswelt werden diese Lebensräume immer weniger. Deshalb wird es immer wichtiger, noch vorhandene Lebensräume zu erhalten oder wieder herzustellen. Es sind ja nicht nur Orchideen die hiervon betroffen sind, sondern ebenso eine große Vielzahl von anderen Pflanzen und auch Tieren. Die Orchideen sind diejenigen, die durch ihre Erscheinung besonders auffallen. Während viele andere, ebenso interessante und geschützte Pflanzen in ihrem „Schatten“ stehen.

Die Orchideen sind sozusagen „Leuchttürme“ in der Natur, die auf eine besondere Situation aufmerksam machen. Schützen wir den Lebensraum der Orchideen mit Überlegung, Sinn und Verstand, dann profitieren unzählige andere Pflanzen und Tiere auch davon.

Wenn die Orchideen nicht nur als Fotoobjekt  betrachtet werden, sondern darüber hinaus  ihre Lebensweise beachtet wird, dann erkennt man plötzlich, wie komplex die Zusammenhänge in der Natur sind. Es kann niemals nur eine Art allein gefördert und geschützt werden, es wird sich immer um eine kleinere oder größere Lebensgemeinschaft von Tieren und Pflanzen handeln. (Karl Müller)

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