Sonntag, 20. Oktober 2019

„Untaten an Unorten = Unart“

Fotoprojekt von Prof. Dr. Jürgen Erbach eröffnet neue Perspektiven auf Nazi-Gedenkstätten / Peter Hintze ist Schirmherr

Holzminden (18.04.15). In der Nacht des 20. April 1945 geschah in der Schule am Bullenhusener Damm in Hamburg-Rothenburgsort ein entsetzliches Verbrechen an 20 jüdischen Kindern. Die vielmehr zufällige Gewissheit über dieses schreckliche Ereignis vor 70 Jahren inspirierte Professor Dr.-Ing. Jürgen Erbach aus Wetzlar, Hochschullehrer an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden (HAWK), zu einem außergewöhnlichen Fotoprojekt: Gemeinsam mit zwei Bronzefiguren des mittelhessischen Künstlers Heinrich Janke, „Die Betende“ und „Der Gebeugte“, machte er sich auf die Suche nach weiteren Schauplätzen der Gräueltaten Nazi-Deutschlands und bereiste insgesamt 24 Gedenkstätten, die heute an die Untaten des Regimes und an das Leid der Opfer erinnern. Es entstand sein Fotoprojekt „Untaten an Unorten = Unart“.

Auf seiner Reise, die ihn durch ganz Deutschland, unter anderem nach Berlin-Schöneweide im Osten, in das Konzentrationslager Neuengamme im Norden oder das Konzentrationslager Dachau im Süden, bis ins Anne-Frank-Haus nach Amsterdam führte, platzierte Jürgen Erbach seine beiden „Mitreisenden“ vor Krematoriumsöfen, Galgen, Gefängniszellen, Aufmarschhöfen, Fleischerhaken und anderen Symbolorten – oder wie er sie nennt: „Unorten“.

Für ihn persönlich steht „die Betende“ für die Anerkennung von Schuld, aber auch für die Bitte um Vergebung. „Der Gebeugte“ symbolisiert für ihn die ertragene Last und die durchlittene Pein.

Beim Betrachten der entstandenen Fotografien, alle nicht nachträglich bearbeitet und somit „unverfälscht“, soll, so erhofft sich Jürgen Erbach, „eine Brücke der Versöhnung entstehen. Nicht mit anklagendem Fingerzeig, aber mit Mahnung sollen die Opfer gewürdigt werden und zum Ausdruck kommen, dass wir nicht vergessen können und wollen, was passiert ist, dass wir auch heute noch das Leid beklagen und um Vergebung bitten und dass es einen Weg nach vorne gibt.“

Peter Hintze, Vizepräsident des Deutschen Bundestages und Schirmherr des Fotoprojektes, beschreibt es in seinem Geleitwort zur Ausstellung wie folgt: „Im künstlerischen Arrangement von Ort und Figuren werden die Taten und deren Opfer mit den Überlebenden und Nachgeborenen subtil zusammengeführt, freilich ohne dass die Untat je die Herrschaft über die Opfer und unser Gebet zu nehmen vermag. Vergangenheit und Gegenwart bilden hier eine unauflösliche historisch-moralische Einheit, die uns in eine fortwährende Verantwortung nimmt und zum stillen Innehalten aufruft.“

Uwe Schünemann, MdL, hat den Landtagspräsidenten Bernd Busemann, Kulturministerin Gabriele Heinen-Kjiajic sowie den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden Niedersachsen, Michael Fürst, und den Präsidenten der Stiftung Niedersachsen, Hans Eveslage, auf die Ausstellung aufmerksam gemacht. Er schreibt: „Vielleicht können diese bewegenden Fotos durch eine Gemeinschaftsaktion auch in Niedersachsen gezeigt werden.“ ...vielleicht ja auch einmal im Landkreis Holzminden. Weitere Informationen über dieses außergewöhnliche Fotoprojekt von Jürgen Erbach gibt es im Internet auf der Seite www.untaten-an-unorten.de.