Mittwoch, 21. August 2019

Dem alten Paar mit dem Leiterwagen ein Denkmal

Alltag in einer mitteldeutschen Kreisstadt: Das Haus der Geschichte in Bonn hat 100 Fotografien von Norbert Triestram angekauft

Holzminden (30.05.2015). Nun werden seine Fotografien auch dort in Ehren gehalten, wo man sie als ausdrucksstarke Zeitdokumente zu schätzen weiß, von handwerklich wie visuell zweifellos herausragender Qualität, die den Vergleich mit den großen und namhaften Fotografen nicht zu scheuen braucht. Weit weg von Holzminden und weltweit einsehbar. 25 Jahre nach dem Tod des ehemaligen TAH-Fotografen Norbert Triestram hat das Haus der Geschichte in Bonn inzwischen rund 100 Motive, aufgenommen überwiegend in den 1950er Jahren in Stadt und Landkreis Holzminden, aus Triestrams fotografischem Nachlass angekauft. Den verwaltet und archiviert sein Sohn Axel akribisch gleichermaßen mit großer Liebe und Sachkenntnis. Mit dem Ankauf erfahren die Aufnahmen Norbert Triestrams wissenschaftliche Würdigung und werden über das Internet für die Öffentlichkeit wahrnehmbar – beides war lange überfällig.

Das alte Paar zieht einen schwer mit Holz beladenen Leiterwagen über den schneebedeckten Haarmannplatz. Oder: Ein alter Mann mit Nickelbrille und Hosenträgern schärft seine Sense. Oder: Sechs Kinder drücken sich an der Schaufensterscheibe die Nasen platt, betrachten sehnsuchtsvoll die Auslagen eines Geschäftes. Oder: Frauen legen auf der Bleiche-Wiese in Holzminden ihre weiße Wäsche aus. Norbert Triestram war dabei, zückte seine Kamera, hielt diese Szenen für die Ewigkeit fest. Das Haus der Geschichte sagt es so: „Seine Fotografien dokumentieren den Alltag in einer mittelgroßen Kreisstadt der Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre. Der Betrachter kann zeittypische Neuerungen wie die Musikbox in der örtlichen Kneipe, die Auslagen im örtlichen Kaufhaus oder die Tankstelle entdecken.“

Der aus Breslau stammende Norbert Triestram war seit 1948 als freier Fotograf in Holzminden tätig, arbeitete für den Täglichen Anzeiger und die Neue Presse, fotografierte Porträts und auf Hochzeiten und war später fest beim TAH angestellt. Er war Chronist einer sich wandelnden Zeit, in der das Leben auf der Straße pulsierte. Das Auge für den richtigen Moment, für Perspektive und Motiv, das Gefühl für Bildkomposition, -ästhetik und Ausdruck – diese Fotografentugenden wusste Triestram mit Gespür und Empathie für den abgebildeten Menschen wie nur wenige zu vereinen. Er war ganz nah dran an den von ihm Porträtierten, war ein ganz Großer mit der Kamera, der dem kleinen Mann fotografisch zu Größe und Persönlichkeit verhalf. Das Alltagsleben, die Urbanität der Stadt, verstand er auf erhabene Weise abzubilden, als scheinbar beiläufiger Beobachter ihm Maßgeblichkeit und Bedeutung zu schenken. Seine Bilder wirken nicht konstruiert, sondern ungekünstelt, wie zufällig eingefangen, sie dokumentieren das kleinstädtische oder ländliche Leben des Nachkriegsjahrzehnts im Raum Holzminden auf eine merkwürdig zeitlose, kraftvolle und erhabene Weise. Und genau das findet nun, völlig zu Recht, mit der Aufnahme in den Fundus des Hauses der Geschichte seine Entsprechung.

Dr. Tuya Roth, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, die über Fotografie promoviert hat, hat das Archiv Triestram gesichtet, war in Holzminden zu Gesprächen mit Sohn Axel Triestram, begab sich auch im TAH-Archiv auf Zeitreise. Sie ist ob des gehobenen Schatzes voll des Lobes: „Besonders an diesen Aufnahmen ist ihre Alltäglichkeit. Sie sind so nah am Leben und transportieren so viel Atmosphäre. Sie sind richtig gut fotografiert und technisch 1A.“ Das Werk Norbert Triestrams sei bislang ein „unbeflecktes Blatt, das es noch zu entdecken gilt, ein wunderbares Thema für eine Doktorarbeit“, findet Dr. Roth. „Die wissenschaftliche Aufarbeitung würde ihm einen Platz in der Fotogeschichte geben, der ihm zusteht.“ Die angekauften Fotografien Triestrams (die Urheberrechte liegen weiter bei Axel Triestram) werden fortan in thematische Ausstellungen des Hauses der Geschichte einbezogen. Bereits bearbeitete Motive sind über die Suche in den Sammlungen im Internet digital einsehbar (www.hdg.de, Bonn, Sammlungen, Suche in den Sammlungen, Stichwortsuche Norbert Triestram).

Axel Triestram hat sich viele Jahre lang mit dem umfangreichen fotografischen Nachlass seines Vaters befasst, dafür sogar die inzwischen aufgelöste „Photographisch-Historische Gesellschaft Holzminden“ gegründet, Ausstellungen („Streiflichter“ 2002) organisiert, Fotobücher veröffentlicht – und sich oft wie der „einsame Rufer in der Wüste“ gefühlt. Lange hat sich außerhalb Holzmindens kaum jemand für die Fotografien seines Vaters interessiert. Er sagt: „Es war immer mein Anliegen, den Stellenwert meines Vaters als Fotograf herauszustreichen.“ Er habe eigentlich nun aber vorgehabt, sie „zur Seite zu legen und es anderen Generationen zu überlassen, aus dem Fundus etwas zu erarbeiten“. Dann nahm er Kontakt mit Dr. Roth vom Haus der Geschichte auf, und die interessierte sich plötzlich für diese erstklassigen Zeitdokumente aus Holzminden.

Jetzt ist er stolz und froh ob der späten Würdigung des väterlichen Werkes: „Ich freue mich sehr, das ist eine Auszeichnung.“ Und er ist wieder motiviert, sich mit dem Nachlass zu befassen: Im Herbst will er ein neues Buch über die Fotografien Norbert Triestrams veröffentlichen.

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