Montag, 21. Oktober 2019

Vom Eierglas zur Bauhaus-Lampe

Boffzen (02.05.14). „Das kenne ich, das hatten wir auch – Ach, der hat das gemacht?– Wie, das hat der schon vor 80 Jahren entwickelt?“ Solche Sätze sind im Glasmuseum Boffzen und in der Remise des Schloss Fürstenberg derzeit oft zu hören. Seit 1. April werden dort die Werke des Produkt-Designers Wilhelm Wagenfeld gezeigt. Werke, die bei vielen Besuchern einen echten Aha-Effekt auslösen. Die Reaktion der Menschen zeigt, dass das ausgestellte Geschirr oder die Gegenstände des täglichen Gebrauchs den meisten Besuchern bekannt ist. Sie zeigt, dass die Entwürfe von Wilhelm Wagenfeld so alltäglich sind, dass sie gar nicht als Wagenfeld-Werke wahrgenommen werden.

Genau das ist es, was die Kunstfertigkeit, das außergewöhnliche Können und die besondere Schöpfungskraft Wagenfelds ausmachen. Seine Werke sind so gelungen, dass sie selbstverständlich sind. „Die Form folgt der Funktion“ war das Leitmotiv des Industriedesign-Pioniers Wilhelm Wagenfeld. Am 15. April 1900 wurde er in Bremen geboren. Wagenfeld machte eine Lehre in einer Bremer Silberwarenfabrik und besuchte die Hanauer Zeichenakademie, bevor er 1923 als Silberschmied-Geselle am Bauhaus in Weimar aufgenommen wurde.

Nach der Verlegung des Bauhauses nach Dessau im Jahre 1925 blieb Wagenfeld in Weimar und trat 1926 als Assistent in die Metallwerkstatt der neu gegründeten Bauhochschule Weimar ein, 1928 übernahm er die Leitung der Metallwerkstatt. Nachdem die Staatliche Bauhochschule Weimar bereits 1930 geschlossen wurde, war Wagenfeld als freier Mitarbeiter beim Jenaer Glaswerk Schott tätig. In dieser Zeit entstanden so bekannte Entwürfe wie das Teeservice aus feuerfestem Glas, die zu Klassikern wurden und bis heute produziert werden.

1931 bis 1935 hatte er eine Professur an der Staatlichen Kunstschule in Berlin inne. Danach übernahm er die künstlerische Leitung der Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) in Weißwasser. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und musste aufgrund seiner Weigerung, der NSDAP beizutreten, an die Ostfront. Nach der Rückkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft hatte er für kurze Zeit eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste Berlin inne. 1954 gründete er die Werkstatt Wagenfeld, die er bis 1978 betrieb. Wilhelm Wagenfeld starb am 28. Mai 1990 in Stuttgart.

Service 639 für Manufaktur Fürstenberg

1934 arbeitete Wilhelm Wagenfeld, der sich viel mit Glas beschäftigte, für die Porzellanmanufaktur Fürstenberg. Ihm gelang mit dem Entwurf des Service 639 ein Werk, das heute noch zum Programm von Fürstenberg gehört und gefragt ist. Genauso wie die Eierkochgläser, die er für Schott entwickelte und die noch heute hergestellt und verkauft werden. Die Ausstellung, die sich an zwei Standorten auf das Schaffen Wagenfelds in den 1930er und 1940er Jahren konzentriert, ist keine bloße Präsentation der Wagenfeld-Werke. Sie inszeniert sein Schaffen, informiert über Leben und Werk, setzt sein Wirken in die Zeitumstände und arbeitet mit verschiedenen Medien, um die Inhalte zu transportieren. Es ist eine spannende und sehr gelungene Ausstellung.

Die Werkschau, die unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Stephan Weil steht und vom früheren Landrat Walter Waske und dem Freundeskreis des Glasmuseums initiiert und konzipiert wurde, ist im Glasmuseum Boffzen mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr (Bahnhofstraße 9c, 37691 Boffzen, Telefon 05271/49909 www.glasmuseum-boffzen.de) und in der Porzellanmanufaktur Fürstenberg dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr (Meinbrexener Straße 2, 37699 Fürstenberg, Telefon 05271/401-161 www.fuerstenberg-porzellan.com) zu sehen.  (fhm)