Montag, 21. Oktober 2019

„Ich komme nicht wieder“

Am Ende bleiben eine Uhr und eine Grabplatte

Weserbergland (13.06.15). Mein Vater lag im Krankenhaus. Er war schwer krank und er wusste, dass er nicht mehr lange leben wird. Er wusste es, ich wollte es nicht wahrhaben. Wir waren allein im Krankenzimmer. „Wenn ich nicht mehr bin, musst Du die Uhr von Onkel Heinrich nehmen, hörst Du?“ Ich habe einfach mit dem Kopf genickt. „Es ist wichtig, dass du die Uhr bekommst, das hat er so bestimmt.“ Mein Vater hatte mir schon früher die Geschichte von seinem Onkel Heinrich erzählt, der im Ersten Weltkrieg gefallen war und auf seinem letzten Fronturlaub seinem Bruder – meinem Großvater – eine Taschenuhr mit seinem Monogramm übergab. Eine Uhr, auf die er sehr stolz war. „Die soll derjenige bekommen, der unsere Familie weiterführt“, hat er zu seinem Bruder gesagt. „Ich komme nicht wieder.“

Das Vermächtnis des Vaters

Fünf Tage später war mein Vater tot. Fast genau 90 Jahre nach dem Tod seines Onkels im Ersten Weltkrieg. Schmerz, Trauer, Beerdigung, Leere und die Sorge um meine Mutter bestimmten die Tage, Wochen und Monate nach dem Tode meines Vaters. An die Uhr habe ich nicht mehr gedacht. Irgendwann gab meine Mutter sie mir. „Du weißt, was Papa gesagt hat.“ Ich nahm die Uhr an mich. Zu Hause habe ich sie mir einmal angeschaut und dann weggepackt. Irgendwie habe ich sie immer mit dem Tod meines Vaters verbunden. Und das wollte ich nicht.

Vier Jahre nach meinem Vater starb meine Mutter. Als wir – meine Schwestern und ich – uns mit dem Nachlass unserer Eltern auseinandersetzten, bekam ich die Unterlagen von Papa in die Hand, die er in seinem Schrank aufbewahrte. Unterlagen der Familie, wie er immer sagte. Sein Gesellenbrief, Fotos, sein Zeugnis von der Bauschule, das Familienbuch, wichtige Briefe und Zertifikate, Urkunden und Erinnerungen an andere Menschen.

Vor einigen Tagen habe ich die Sachen durchgeschaut. Einfach so, ohne Anlass. Eine Todesanzeige fiel mir auf. „Der zu den schönsten Hoffnungen berechtigende Jüngling“ war dort zu lesen. Dazu war das Bild eines schneidigen und selbstbewussten jungen Mannes in Uniform zu sehen. Es war die Todesanzeige von Heinrich Müntefering, der Onkel Heinrich mit der Uhr, die jetzt bei mir war. Ich holte die Uhr aus der Schublade und las die Anzeige. Im August 1898 wurde Heinrich Müntefering in Steinhausen (Kreis Paderborn) geboren. Auf das Gymnasium ging er damals, musste aber wegen des Ersten Weltkriegs seine Schullaufbahn in der Obersekunda (11. Klasse) abbrechen und wurde zum Militär eingezogen. Nach einer militärischen Ausbildung kämpfte er an der Westfront, und in den furchtbaren Schlachten in Flandern gegen die Engländer fiel er am 24. September 1917.

Gerade mal 19 Jahre ist er alt geworden, gestorben in der Dritten Flandernschlacht, einer der grausamsten und schrecklichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs. Die Uhr in den Händen habe ich mir die Todesanzeige immer wieder durchgelesen. Und dann fielen mir die Sätze wieder ein, die mein Vater und meine Großmutter über ihn erzählten. Heinrich war ein begabter, sehr intelligenter Junge. Obwohl meine Familie hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig war, sollte Heinrich Abitur machen. Er wurde als einziger von insgesamt neun Kindern aufs Gymnasium geschickt. Mein Vater und meine Großmutter berichteten das, was mein Großvater erzählte. Er war gut in der Schule, das Lernen fiel ihm leicht. Und gute Noten brachte er nach Hause. Heinrich sollte richtig was werden, sollte studieren. Die Familie arbeitete dafür, dass das Schulgeld bezahlt werden konnte. Besonders mein Großvater kümmerte sich um seinen kleinen Bruder.

Die Uhr bedeutete Heinrich viel. Er schaffte sie sich an und ließ seine Initialen eingravieren. Er hatte sie immer bei sich und zeigte sie mit Stolz. Auch als er zur Armee musste, trug er sie immer bei sich. Bis zu dem Tag im Sommer 1917. Er war auf Fronturlaub zu Hause in Steinhausen. Und er sprach mit meinem Großvater. Über den Krieg redete er nicht, wollte er nicht, erinnerte sich mein Großvater. Ganz zum Schluss holte er seine Uhr aus der Uniformjacke und gab sie seinem Bruder. Als sein kleiner Bruder dann wegging, habe er Tränen in den Augen gehabt. Wenige Wochen später kam die Nachricht vom „Heldentod“. Seine Kameraden hätten ihm eine würdige Ruhestätte bereitet.

An diesem Abend lief eine Dokumentation im Fernsehen – „Vor 100 Jahren Erster Weltkrieg 1914 bis 1918“. Als Bilder von der Flandernschlacht 1917 zu sehen sind, erschaudere ich. Es sind Bilder direkt aus der Hölle. Zerrissene Menschen im Schlamm, abgetrennte Arme und Beine, Verwundete, die in gefluteten Schützengräben ertrunken sind – so stelle ich mir die Apokalypse vor. Und dort ist Heinrich Müntefering gestorben.  Ich forsche hinter meinem Verwandten her. Eine Granate hat ihn im Kampf getroffen. In einem Waldstück wurde er dann beigesetzt mit anderen toten Soldaten. Beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bekomme ich weitere Auskunft. Der Landsturmmann Heinrich Müntefering gehörte zum 7./Infanterie-Regiment 115 und wurde zuerst in einem Wald in der Nähe der belgischen Stadt Menen beigesetzt. Mitte der 50er Jahre wurden seine sterblichen Überreste mit denen anderer Soldaten auf den deutschen Soldatenfriedhof in Menen umgebettet. Hier liegen fast 50.000 tote junge Männer aus Deutschland. Eine Grabplatte mit seinem Namen erinnert an ihn. Block L, Grab 2823 – das ist die letzte Adresse meines Großonkels auf dem Soldatenfriedhof Menen. Er ist gerade mal 19 Jahre alt geworden. Bevor sein Leben begann, war es schon zu Ende.

Millionen Menschen leiden

Was wäre aus Onkel Heinrich geworden, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre? Was hat er gedacht, was hat er gefühlt in diesem Inferno? Mir gehen viele Fragen durch den Kopf. Ich schaue auf das Bild und sehe einen Menschen, der keine Chance hatte. Er musste in den Krieg, der ihm und Millionen das Leben kostete und wie jeder Krieg einfach nur sinnlos ist. Mit wird klar, warum mein Vater in seinen letzten Tagen an Onkel Heinrich dachte und mir die Uhr übertrug. Krieg ist das Grausamste und Schlimmste, was Menschen anderen Menschen zufügen. Unschuldige müssen unendliches Leid ertragen. „Aus Onkel Heinrich wäre richtig was geworden“, hat mein Vater mal gesagt. „Wenn nicht Krieg gewesen wäre. Krieg darf nicht mehr sein.“

Ich trage jetzt die Uhr. Sie erinnert mich an einen jungen Mann, der einen grausamen Tod erleiden musste und keine Chance zum Leben hatte. Weil Kaiser, Könige, Generäle und Politiker Krieg um der Macht willen wollten. Und sie erinnert mich an meinen Vater, für den diese Taschenuhr meines Großonkels einen besonderen Wert hatte. Für mich ist mit der Uhr ein Auftrag verbunden. Es darf nie wieder Krieg sein. Wir müssen alle die Chance zum Leben bekommen und uns dafür einsetzen.  (Frank Müntefering)