Montag, 21. Oktober 2019

Zum 269. Geburtstag: Campe und Robinson

Holzminden (27.06.15). Am 29. Juni 1746 wurde Joachim Heinrich Campe in Deensen geboren. Sein Geburtstag jährt sich heute zum 269. Mal, und das Campe-Gymnasium will an seinen Namensgeber auch in diesem Jahr mit einer kleinen Ausstellung erinnern. Standen im Jahr 2014 Campes wissenschaftliche Leistungen als Sprachforscher im Mittelpunkt, so soll die neue Präsentation Campes Leistungen als Kinder- und Jugendbuchautor würdigen.

„Robinson“ war das erste Buch für Kinder und Jugendliche

Literatur für Kinder und Jugend ist heutzutage ein fester Bestandteil des Buchmarktes. Im 18. Jahrhundert war sie dagegen nahezu unbekannt. Der Sinn, für Kinder anders als für Erwachsene zu schreiben, war den meisten Autoren auch gar nicht ersichtlich. Von daher füllte Joachim Heinrich Campe eine Lücke, die er als Lehrer und Erzieher erkannt hatte. Mit seinem Werk „Robinson der Jüngere“ veröffentlichte er im Jahre 1780 ein Erziehungsbuch, das bis in unsere Zeit über 120 Auflagen erlebt und unzählige Übersetzungen und Nachahmungen gefunden hat. Man übertreibt nicht: Campes Robinson zählt zu den erfolgreichsten Büchern deutscher Sprache.

Grundlage des Werkes, das Campe bescheiden als „Lesebuch für Kinder“ bezeichnet hat, ist der Roman des Engländers Daniel Defoe. Im Jahre 1719 erschien dessen Robinson Crusoe, ein Bekehrungs- und Erbauungsroman für Erwachsene. Defoe schildert darin das Schicksal des Robinson, der Schiffbruch erleidet, auf eine Insel verschlagen wird und im festen Vertrauen auf Gott und die Kraft der Vernunft in der Einsamkeit eine neue Zivilisation schafft.

Aufklärerische Pädagogik

Diesen Stoff hat Campe übernommen und im Sinne seiner aufklärerischen Pädagogik umgestaltet. Er gab dem Stoff einen neuen Rahmen: Ein Vater erzählt seinen Kindern die Geschichte von Robinson und vermittelt seiner Familie dabei in zahlreichen Gesprächen umfangreiche Kenntnisse von dessen Kulturleistungen und Vorgehen.

Sein Robinson gestaltet ohne alle Hilfsmittel, aber mit Geschick und Verstand die ihn umgebende Natur. Die Kinder hören zu, verstehen die genauen Schilderungen ihres Vaters, fragen interessiert und ahmen gleich spielerisch und mit eigenen Ideen nach. Das ist Aufklärung im Sinne Rousseaus.

Die kleine Ausstellung im Foyer des Holzmindener Campe-Gymnasiums präsentiert nun Robinson-Ausgaben aus verschiedenen Epochen. Neben einer neuen Auflage aus dem Jahre 1991 erscheinen ältere Adaptionen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die besonders wegen ihrer Illustrationen sehenswert sind.

Philologische Raritäten sind lateinische und französische Übersetzungen aus den Jahren 1795 und 1801, die belegen, wie groß schon das zeitgenössische Interesse an der neuen Literaturgattung war. Joachim Heinrich Campe jedenfalls konnte von den Tantiemen des Buches gut leben; es machte ihn finanziell unabhängig.

Historisches kombiniert mit Kunst aus Schülerhand

Die Besonderheit der Ausstellung im Foyer des Campe-Gymnasiums liegt aber wie im Vorjahr darin, dass die historischen Ausgaben mit Arbeiten des Fachbereichs Kunst kombiniert werden.

Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen des Holzmindener Campe-Gymnasiums beschäftigten sich mit Campes Robinson und bauten Modellhäuser aus Naturmaterialien. Die fantasievollen Unterkünfte bieten einfallsreichen Schutz vor Wetter, wilden Tieren und Kannibalen und zeigen, wie jemand wie Robinson, der allein auf sich gestellt war, mit Köpfchen und Geschick seine Lebensumstände gestalten und verbessern konnte.

Erkennen, begreifen, gestalten – ganz im Sinne des Campe-Mottos!

Von Werner Wellmann
und Jette Piper