Montag, 21. Oktober 2019

Wenig Regen und Schafskälte statt Badefreuden

Das Wetter im Juni 2015:
Sommer bisher nur auf Kurzbesuch / Beginn einer hochsommerlichen Phase am Monatsende

Kreis Holzminden. Nur wenige sommerlich warme Tage, dafür aber eine ausgeprägte kühle Phase nach Monatsmitte kennzeichneten den ersten meteorologischen Sommermonat in unserer Region. Dass eine solche Verteilung allerdings alles andere als ungewöhnlich ist, zeigt der Vergleich mit den langjährigen Klimadaten: Gegenüber dem Temperaturmittelwert der 30-Jahres-Periode von 1961 bis 1990 war der Juni 2015 an der Station des Deutschen Wetterdienstes in Bevern mit 15,7° C sogar ein klein wenig wärmer (0,2° C bzw. Kelvin), während die Abweichung gegenüber dem jüngeren, etwas höheren Mittel des Zeitraums von 1991 bis 2010  -0,3 K betrug.

Wie schon im Mai gab es ein deutliches Niederschlagsdefizit, wobei in der ersten Monatshälfte so gut wie kein Regen fiel –ganze 2,6 mm verirrten sich an den ersten 16 Tagen in das Auffanggefäß der Messstation. Nachfolgend konnte die Trockenheit zwar  etwas gelindert werden, am Ende wurden mit 34,0 mm jedoch lediglich 40,6 % des langjährigen Mittels von 83,7 mm registriert. Beim Vergleich des älteren und des jüngeren 30-Jahres-Klimamittelwerts fällt allerdings eine Tendenz zu abnehmenden Niederschlägen auf: In den Jahren 1981-2010 fielen durchschnittlich nur noch 68,1 mm. Damit hat bei uns der Dezember den Juni als klimatologisch niederschlagsreichsten Monat des Jahres abgelöst.

Auch wenn es so manchem wohl anders vorgekommen sein mag: Die Sonnenscheinbilanz des Monats war völlig unauffällig und lag mit vom DWD per Schätzverfahren ermittelten rund 186 Stunden sogar geringfügig über dem langjährigen Mittelwert von rund 179 Stunden. Dieser im bundesweiten Vergleich niedrige Klimawert zeigt, dass wir auch im Monat mit der größten lichten Tageslänge nicht allzu viel Sonnenschein „zu erwarten“ haben. Astronomisch möglich sind übrigens im Juni auf unserem Breitengrad rund 480 Stunden, davon wären je nach Stationsstandort und der damit verbundenen Horizontverschattung etwa 450 Stunden mit den heute üblichen Instrumenten messbar. Mit anderen Worten: in einem durchschnittlichen Juni versteckt sich die Sonne bei uns zu rund 60 % der Zeit zwischen Auf- und Untergang hinter Wolken.

Längere sonnige Abschnitte gab es ganz zum Ende vom 28. bis 30. sowie zu Monatsbeginn, als an den fünf Tagen zwischen dem 4. und 8. Juni rund ein Drittel der Monatssumme gemessen wurde. In diese Phase fiel mit einem Höchstwert von 31,9° C am 5. auch der wärmste und einzige heiße Tag des Monats. Von einem heißen Tag oder Hitzetag sprechen Meteorologen, wenn mindestens 30 Grad gemessen werden, ein Sommertag ist bei einem Höchstwert von 25 Grad erreicht – davon gab es im Juni 2015 an der Beveraner Station fünf. Zum Vergleich: 2014 gab es im Juni ebenfalls fünf Sommertage, davon waren aber vier zugleich heiße Tage (Pfingsthitze) und wie in diesem Jahr gab es eine längere recht kühle und trübe Phase um die Zeit des kalendarischen Sommeranfangs am 21. Juni. Zufall oder nicht: Seit 2009 finden sich regelmäßig um diesen Termin herum wenig sommerlich anmutende Witterungsphasen.

Weiterhin kaum
Südwestlagen

Meist dominierte wie schon über weite Strecken des Frühjahrs hoher Luftdruck westlich von uns. Nur kurzzeitig kam es zu einer Strömungsumkehr, als sich vorübergehend ein nach Süden ausgreifendes Tief über Westeuropa bildete und uns auf seiner Vorderseite mit Luftmassen subtropischen Ursprungs versorgte: etwas kräftiger am 5. Juni und dann noch einmal eine Woche später. Eine nachhaltige Umstellung der Großwetterlage war damit allerdings zumindest in der Nordhälfte nicht verbunden, das ursprüngliche Muster kehrte schnell zurück. Nach Süden hin konnte sich die Warmluft dagegen längere Zeit behaupten, so dass sich das ohnehin vorhandene klimatologische Temperaturgefälle von Süd nach Nord gerade in der ersten Monatshälfte noch einmal deutlich verstärkte. In der zweiten Monatshälfte kam die kältere Luft dann aber auch in den  Süden des Landes voran.

Singularität Schafskälte

Die Schafskälte gehört zu den sogenannten meteorologischen Singularitäten. Darunter versteht man eine bestimmte Großwetterlage, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums gehäuft auftritt, in diesem Fall den Transport von Luftmassen polaren Ursprungs bis in unsere Breiten in nördlicher bis nordwestlicher Strömung, meist an der Ostseite eines Hochs westlich von uns bei den Britischen Inseln bei gleichzeitigem Tiefdruck über dem südlichen Skandinavien. Da es im Juni in Mitteleuropa häufig noch einmal zu Kälterückschlägen kommt und dies teilweise in die Zeit nach der traditionellen Scherung der Schafe fällt, verpasste der Volksmund dieser Singularität den Namen Schafskälte. Der Zeitraum ist allerdings mit 17 Tagen zwischen dem 4. und 20. des Monats sehr weit gefasst. Aufgrund des seit Monaten vorherrschenden Strömungsmusters mit häufigen Winden aus nördlicher Richtung hatte die Schafskälte in diesem Jahr eine besonders hohe Eintreffwahrscheinlichkeit und trat dann tatsächlich nach Monatsmitte deutlich in Erscheinung. Besonders kalt fiel der 16. Juni aus, als nach sehr frischer Nacht am Tag kaum über 15 Grad erreicht wurden und das Tagesmittel nur 10,7° C betrug. In der nachfolgenden Nacht wurde dann bei Aufklaren mit 3,4° C nicht nur der tiefste Wert des Monats gemessen, sondern der lokale Kälterekord für eine zweite Junihälfte in der Messreihe seit 1951 nur um 0,2° C verfehlt. Fünf Zentimeter über dem Erdboden waren es nur 1,3°C in jener Nacht. Weiter nach Norden hin wurde sogar an mehreren Stationen Bodenfrost gemessen, nicht nur an den als „Kältelöchern“ bekannten Stationen in Faßberg in der Heide und Quickborn nördlich von Hamburg, sondern auch an den Flughäfen von Hamburg und Hannover in Fuhlsbüttel bzw. Langenhagen.

Zunehmende Bewölkung führte dazu, dass die nachfolgenden Nächte wieder deutlich milder wurden, tagsüber allerdings blieb das Thermometer nun an sechs Tagen in Folge meist deutlich unterhalb der 20-Grad-Marke stehen, da es neben einer kühlen Luftmasse kaum noch Unterstützung durch die Sonne gab: nur etwa neun Stunden ließ sie sich in den sieben Tagen zwischen dem 18. und 24. Juni am Himmel blicken – zur Erinnerung: an einem einzigen Tag sind um diese Jahreszeit rund 15 Stunden möglich. In diese Witterungsphase, die weiterhin von einer nordwestlichen Strömung geprägt war, fielen dann auch die beiden einzigen Tage mit größeren Regenmengen am 22. und 23.06. Dennoch blieb die höchste Tagesmenge mit 9,6 mm im einstelligen Bereich – für einen Sommermonat ist dies ein außergewöhnlich niedriger Wert.

Hitze im Anmarsch...

Eine langsame Wetterbesserung stellte sich ab dem 25. Juni mit einer vorübergehenden Westlage ein. Zwar dominierten zunächst weiterhin meist dichtere Wolkenfelder, aber die Temperaturen erreichten nun mit Werten zwischen 23 und 27 Grad wieder ein sommerliches Niveau und an den letzten Tagen zeigte sich dann auch die Sonne wieder häufiger. Dies war der Übergang zu einer hochsommerlichen Wetterlage und zugleich das Vorspiel zu einer intensiven Hitzewelle zu Beginn des Juli. Ob es sich dabei um eine nachhaltige Umstellung der Großwetterlage im sogenannten Siebenschläferzeitraum handelt und was es mit dieser Lostagsregel überhaupt auf sich hat, lesen Sie im kommenden Monatsrückblick in der Reihe TAH exklusiv.

Bis dahin wünscht der Autor allen Lesern einen schönen Hochsommer, ob im Urlaub oder zu Hause und mit welchen persönlichen Wettervorlieben auch immer. Glaubt man dem Volksmund, gibt es ja ohnehin nur falsche Kleidung und kein schlechtes Wetter. Von Jürgen Höneke