Sonntag, 20. Oktober 2019

Von Hitzehoch Annelie bis Sturmtief Zeljko

Das Wetter im Juli 2015: Ein neuer Temperaturrekord, schwere Sturmböen und viel Regen

Kreis Holzminden (08.08.15). Eine ausgeprägte Hitzewelle zu Beginn des Monats mit Schwüle, einer Tropennacht, wiederholten Gewittern und der höchsten je vor Ort gemessenen Temperatur, nachfolgend ein kräftiger Absturz und ein weitgehend unbeständiger Verlauf mit regelmäßigen Regenfällen und schließlich noch ein ausgewachsenes Sturmtief, das mehrere Bäume im Umkreis fällte und zu Straßensperren führte: Das Wetter im Juli brachte gleich mehrere außergewöhnliche Ereignisse und vermutlich mehr Abwechslung, als so manchem lieb gewesen sein dürfte, denn auf eine beständige Hochsommerlage wartete man auch in diesem Monat in unserer Region vergeblich.

Mit einer Mitteltemperatur von 18,9 Grad Celsius an der DWD-Station in Bevern war es im Juli 2015 um 1,9 Grad und damit deutlich wärmer als im langjährigen Mittel der Klimareferenzperiode von 1961-1990. Gegenüber dem aktuellen Vergleichsmittel der Jahre 1981-2010 fällt die Abweichung mit 0,7 Grad merklich geringer aus, da sich der zweite meteorologische Sommermonat stärker als alle anderen Monate erwärmt hat, was auch ein Blick in die Rangfolge der wärmsten Julimonate vor Ort seit 1951 zeigt: Im 65-jährigen Gesamtzeitraum zählt der Juli 2015 zu den 16 wärmsten, wobei von den 15 wärmeren gleich neun aus der Zeit seit 1994 stammen. Schaut man auf die Tageswerte, sieht man: Der Temperatur-Überschuss im abgelaufenen Monat wurde maßgeblich von der Hitze in der ersten Woche verursacht, die anschließenden dreieinhalb Wochen verliefen dagegen mal etwas wärmer, mal etwas kühler (vor allem zum Monatsende) und boten damit meist mitteleuropäische Sommerdurchschnittskost. Da die Hitze zu Monatsbeginn mit mehreren kräftigen gewittrigen Schauern einherging, wurde das Monatsmittel des Niederschlags von 74,0 mm bereits nach acht Tagen übertroffen. Anschließend regnete es zwar weniger stark, aber dennoch regelmäßig weiter, so dass am Ende nur sieben trockene Tage und mit einer Gesamtsumme von 151,1 mm mehr als das Doppelte des Klimamittelwerts in der Bilanz stehen. Mehr Regen im Juli gab es in den letzten 65 Jahren nur viermal und in den letzten 50 Jahren sogar nur einmal: 2002 fielen noch einmal gut 10 mm mehr, wobei anders als in diesem Juli ein extremes Ereignis auftrat, als am 17. Juli an einem einzigen Tag 77,5 mm vom Himmel fielen – dies ist der höchste Tageswert der lokalen Wetterhistorie im Wesertal, und an der damaligen Station in Silberborn wurden sogar 87,5 mm gemessen. Nach den drei trocken ausgefallenen Monaten zuvor konnte somit zwar ein Teil des Niederschlagsdefizits wieder ausgeglichen werden, für manche Getreidesorte kam der Regen allerdings zu spät.

Beim Sonnenschein gab es wie bei der Temperatur ein klares Gefälle zwischen Monatsbeginn und weiterem Verlauf: Brachte es die erste Dekade noch auf rund 97 Stunden, überwogen an vielen nachfolgenden Tagen die Wolken, und in der zweiten Monatshälfte gab es nur noch einen Tag mit über zehn Sonnenstunden (siehe Diagramm). Die Monatssumme von 210 Stunden lag dennoch um rund 33 Stunden oder 18 Prozent über dem Mittelwert der Jahre 1961-1990 und immerhin noch um etwa zehn Stunden über dem Mittelwert der Periode von 1981 bis 2010, wobei sowohl die Klimamittelwerte als auch die aktuellen Daten aufgrund der Herleitung aus Messwerten anderer Stationen die hier bereits mehrfach erläuterte Unschärfe aufweisen.

Eine denkwürdige Hitzewelle hatte fast das gesamte Bundesgebiet zu Beginn des Juli erfasst: Ein lang amplifizierter Hochdruckrücken konnte sich weit nach Norden ausweiten, westlich davon herrschte tiefer Luftdruck, und so strömte zunächst Subtropik-, im Verlauf sogar Tropikluft (die heißeste mögliche Luftmasse) direkt aus Süden bis in unsere Breiten. War die Luft in unserer Region zunächst noch relativ trocken, mischte sich im Verlauf immer mehr Feuchtigkeit unter, so dass es ab Freitag Morgen fast täglich zu Gewittern kam, die aber keine Abkühlung brachten, sondern die empfundene Schwüle sogar noch verstärkten. Am Wochenende 4./5. Juli erreichte die Hitze dann ihren Höhepunkt, an diesen Tagen fielen an zahlreichen Stationen des Deutschen Wetterdienstes bis dahin gültige Höchstmarken, und am Sonntag wurde im mainfränkischen Kitzingen sogar ein neuer bundesweiter Allzeitrekord aufgestellt: Die „magische Marke“ von 40 Grad Celsius, seit Tagen vorherrschendes Thema in den Wetterberichten, wurde dort gegen 15.40 Uhr überschritten, und nach der routinemäßigen Überprüfung erklärte der DWD tags drauf den Wert von 40,3 Grad auch offiziell zum neuen Rekord seit Beginn der flächendeckenden Messungen im Jahr 1881. Der bis dahin gültige Wert von 40,2 Grad stammte vom 27. Juli 1983 aus dem oberpfälzischen Gärmersdorf und wurde im August 2003 in Karlsruhe und Freiburg eingestellt – diese beiden Stationsstandorte waren aber seinerzeit wegen der Bebauungssituation in der unmittelbaren Umgebung bereits umstritten und wurden mittlerweile verlegt.

Solch hohe Temperaturen sind in Deutschland nur möglich, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen: eine sehr heiße Luftmasse, die zudem gut durchmischt sein muss, so dass sie bis in die bodennahe Schicht durchgeheizt werden kann, weitgehend ungehinderte Sonneneinstrahlung und trockene Böden. An jenem Wochenende lagen diese Voraussetzungen verbreitet vor, so auch am 4. Juli in Bevern, als es an der dortigen Station mit 37 Grad den höchsten bisher gemessenen Wert gab.

Warum dann aber kleine Fragezeichen? Gehen wir hierzu in die Details: Unstrittig ist, dass der bisherige Höchstwert von 36,0 Grad vom 20. Juli 2006 in Bevern deutlich übertroffen wurde und auch an den verschiedenen Standorten der Vorgängerstation in Holzminden von 1951-1991 kein höherer Wert gemessen wurde. Weiterhin lässt sich anhand der Messungen der Umgebungsstationen belegen, dass es auch in der Zeit der Messlücke zwischen August 1991 und Juli 2006 kein höheres Maximum in einem Juli gab. Gesichert ist also ein neuer Julirekord in der Messreihe Holzminden/Bevern.

Weniger klar ist die Situation jedoch, wenn die Frage nach einem lokalen Allzeitrekord beantwortet werden soll, denn hier kommt einerseits der August 2003 ins Spiel und anderseits muss man sich nun auch mit den 37,0 Grad vom 4. Juli etwas genauer beschäftigen: Um Messlücken durch Ausfälle der Digitaltechnik zur vermeiden, rüstet der DWD seine aktuelle Automatengeneration AMDA III mit zwei Sensoren aus, die unabhängig voneinander die Temperaturwerte erfassen und übermitteln. An jenem Tag lagen die Höchstwerte der beiden Sensoren mit 37,3 beziehungsweise 36,8 Grad Celsius um immerhin ein halbes Grad auseinander und damit gerade noch an der vom DWD für die Stufe 1 der Qualitätskontrolle festgelegten Grenze. Der offizielle Wert von 37,0 Grad ist in diesem Fall also der Mittelwert aus den beiden Messungen (in der Meteorologie wird mathematisch gerundet, das heißt, auf eine gerade Nachkommastelle) und daher leider als unscharf einzustufen.

Da vom August 2003 nur aus Messungen benachbarter Stationen berechnete Werte existieren, die bei knapp über 37 Grad liegen und mit einer ebensolchen Unschärfe behaftet sind, kann also die Frage nach einem neuen Allzeitrekord letztlich nicht seriös beantwortet werden, man muss sich damit begnügen, dass dieser „um 37 Grad herum“ lag und weiterhin liegt. Eigene Messungen in Holzminden ergaben übrigens 37,5 Grad am Stadtrand in der Bülte und 37,8 Grad in der enger bebauten Innenstadt.

Wie auch immer: in der Sonne war es noch heißer an jenem Sonnabend, und dazu gab es eine sehr hohe Luftfeuchte. Dennoch fanden die regionalen Veranstaltungen dieses Tages, der Flohmarkt in Holzminden und das Mountainbike-Rennen im Solling, wie geplant statt.

In der Nacht zum Sonntag sank das Thermometer nicht unter 20 Grad und bescherte der Beveraner Station das äußerst seltene Ereignis einer Tropennacht. Beachtlich war auch der Temperatursturz nach dem Ende der Hitzewelle: Der Höchstwert am 8. Juli lag mit 19,6 Grad um 11,5 Grad niedriger als am Vortag.

Das andere Extremereignis in diesem Monat, der schwere Sturm Zeljko, der am 25. Juli an einigen Stationen in Böen sogar volle Orkanstärke erreichte, war potenziell gefährlicher als die Hitze. Zum Glück blieb es bei uns bei meist leichten Sachschäden, hauptsächlich durch umgestürzte Bäume. Dennoch sucht ein solches Sturmereignis in den Niederungen des Landesinneren im Hochsommer seines Gleichen. Anhand der Umgebungsstationen (in Bevern wird kein Wind gemessen) ist von Spitzenböen von über 80 km/h, vielleicht auch 90 km/h auszugehen – solche Werte werden bei uns selbst bei Herbst- und Winterstürmen nur sehr selten erreicht.

Die Bildung dieses außergewöhnlichen Sturmtiefs mitten im Sommer war das Resultat einer sehr hohen Temperaturdifferenz über dem östlichen Nordatlantik, wo subtropische Luftmassen aus Süden und sehr kalte Luft aus dem Nordmeer zusammenströmten, ein Effekt, der üblicherweise erst später im Jahr zur Entstehung von Sturmzyklonen führt.

Die angekündigte Betrachtung der Siebenschläferregel musste leider den spannenden Wettereignissen in diesem Juli weichen, aber es lässt sich auch ohne weitere Erläuterungen feststellen: Das lokale Wetter ab dem 8. Juli unterschied sich dann doch maßgeblich von dem des sogenannten Loszeitraums Ende Juni/Anfang Juli. Während im Süden des Landes, wo die Hitze mit kurzen Unterbrechungen noch bis zum Eintreffen von „Zeljko“ durchhielt, eine gewisse Aussagekraft gegeben war (langfristig unter Berücksichtigung einiger Wenns und Abers etwa 70 Prozent Trefferquote), sollte man sich weiter nach Norden hin von den possierlichen Tierchen auch im Hochsommer nicht in den April schicken lassen. (Jürgen Höneke)