Sonntag, 20. Oktober 2019

Eine fast vergessene Katastrophe

Vor 50 Jahren sorgte die „Heinrichsflut“ auch in Bevern und dem gesamten Kreisgebiet für verheerende Schäden

Ich kann mich nur an einen kurzen Moment erinnern, ganz schwach sind die dazugehörenden Bilder: Ich stehe mit meiner Großmutter vor dem Papierwarengeschäft Müller (heute Darms), sie zeigt in Richtung Beverbach-Brücke und sagt: „Da sind vorgestern ersoffene Schweine vorbeigetrieben.“ Das ist alles, mehr kann ich aus eigenem Erleben nicht beisteuern zu diesem Artikel über die Hochwasser-Katastrophe von 1965. Na ja, ich war gerade mal fünf Jahre alt, und wir waren auch nicht direkt betroffen von der Flut. Aber als vor einigen Tagen Beverns früherer Samtgemeindedirektor Friedrich Dörnemann mit einem Stapel Schwarz-Weiß-Fotos von damals in der TAH-Redaktion auftauchte, stand mir sofort das Bild mit meiner Oma vor Augen.

Gleichzeitig wunderte ich mich darüber, von diesem wirklich schlimmen Hochwasser, bei dem sogar eine Frau aus Lobach ertrank, später nie mehr etwas gehört zu haben. Aber selbst Friedrich Dörnemann, der „erst“ 1975 nach Bevern kam und sich in der Geschichte des Ortes heute auskennt wie kaum ein Zweiter, hatte das „Jubiläum“ der Katastrophe, sprich das 50-Jährige, nicht „auf dem Schirm“. Erst beim Archivieren der Fotos entdeckte er die Jahreszahl. Viele dieser Fotos, die Dörnemann über Jahrzehnte zusammengetragen hat, stammen vom TAH. Der hat Mitte Juli 1965 viele Tage lang überregional (schließlich waren weite Teile Deutschlands betroffen) und lokal seitenweise über das Hochwasser und die entstandenen Schäden berichtet.

Im Kreis Holzminden zog sich die Spur der Verwüstung von Hellental über Stadtoldendorf durchs Forstbachtal und über Lobach nach Bevern, quer durch den Solling nach Holzminden und natürlich die Weser entlang bis Bodenwerder. Wobei die Schäden keineswegs nur durch übergelaufene Bäche und Flüsse verursacht wurden – teilweise kamen regelrechte Schlammlawinen von den Berghängen herab.

Begonnen hatte die Katastrophe auch im Kreis Holzminden bereits am Abend des 15. Juli mit einem heftigen Gewitter über dem Solling. Am nächsten Tag kam das Wasser tosend aus den Höhen und suchte sich bisher nie gekannte Wege – auch, weil vielfach die Brückendurchlässe von Treibgut verstopft waren. Die Kreisverwaltung rief am 16. Juli sogar den „Wassernotstand“ aus. Polizei und Feuerwehr, aber auch die Bundeswehr waren von da an pausenlos im Einsatz. Zum Beispiel auch, um die Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Während in den Dörfern entlang der Bäche bereits das große Aufräumen begann, mussten die Weser-Anrainer noch einige Tage lang bangen; denn hier kam die Flutwelle erst mit Verzögerung an.

Alle Details von damals hier aufzulisten, würde den Rahmen sprengen. Die Fotos aus Bevern können vermutlich sowieso ein viel eindrucksvolleres Bild von den verheerenden Kräften des Wassers geben. Auch nach 1965 hat es alle paar Jahre Hochwasser-Schäden im Kreis Holzminden gegeben. Doch so eine Katastrophe wie vor 50 Jahren ist nicht wieder passiert. Vielleicht auch, weil sie damals der Auslöser für umfangreiche Hochwasserschutz-Maßnahmen war.

Übrigens: Während ich über das Hochwasser von 1965 so gut wie nichts mehr weiß, konnte mein – einige Jahre jüngerer! – Kollege aus Warburg dem Geschehen sogar einen Namen geben: Heinrichsflut! Tatsächlich war seine Heimatstadt ein „Epizentrum“ der Katastrophe, und schon früh hat er zu Hause und in der Schule davon gehört. (Gudrun Reinking)