Sonntag, 18. August 2019

„Deine Haare sind ja gelb“

Über meine Zeit in Shanghai

(17.10.15). Shanghai. Es ist 22.39 Uhr – die Reifen des Flugzeugs, in dem ich sitze, berühren chinesischen Boden. Nun fällt der gesamte Stress des Fluges von mir ab – die Vorfreude steigt. Shanghai, die 23-Millionen-Metropole, wird für drei Monate mein Zuhause sein. Die ersten Eindrücke sammle ich auf dem Weg vom Flughafen in meine Wohnung. Doch so recht bin ich noch nicht angekommen.

Erst am nächsten Tag versuch ich zu realisieren, dass es wirklich wahr ist. Shanghai. Ich bin da! Die Stadt an sich ist im ersten Eindruck riesengroß, voll, laut und natürlich auch dreckig. Das alles, was andere vielleicht als negative Eigenschaften ansehen würden, fasziniert mich. Ich finde es toll, wie die Menschen im Schein der Neonreklamen durch die Nacht hetzen und, dass hier jeder Ort eine besondere Magie versprüht. Nur nachts, wenn ich schlafen muss, könnte die achtspurige Straße vor meinem Fenster etwas leiser sein.

Was mich aber etwas verwundert: Es spricht so gut wie niemand Englisch. Nicht einmal ein Wort. Ich stehe also oft da und versuche, mich mit Hand und Fuß auszudrücken. Egal ob im Supermarkt, beim Zeitungsstand, oder in Restaurants. Meistens bekomme ich dann zwar nicht das, was ich will, aber so teste ich auch Dinge an, die ich eigentlich gar nicht versuchen möchte. Gerade wenn es ums Essen geht, sind der Kreativität und der Strapazierung eines europäischen Magens keine Grenzen gesetzt. Ob Zunge,  Magen oder Fuß – hier wird wirklich alles von einem Tier verwertet. Zu meiner Verwunderung schmeckt das Meiste aber auch echt gut – das Meiste wohlgemerkt, nicht alles.

Mein erstes chinesisches Abendessen hatte ich mit einem Englisch sprechenden Kollegen: Nach einem Gang habe ich ihn gefragt, was das denn gewesen sei, weil es mir sehr gut geschmeckt hat. Seine halb englisch, halb chinesische Antwort habe ich nicht verstanden, seine Frage: „Na, schmeckt es jetzt immer noch?“, ließ allerdings darauf schließen, dass es etwas – na ja – Spezielles war.

Schnell lerne ich auch, dass die deutsche Gründlichkeit hier nicht sehr häufig anzutreffen ist. So heißt eine grüne Ampel zum Beispiel auch noch lange nicht: „Ja, jetzt kannst du sicher die Straße überqueren“. Vorher müssen sämtliche Himmelsrichtungen nach anderen Verkehrsteilnehmern abgesucht werden. Erst dann kann man, unter größter Vorsicht, langsam über die Straße gehen. Auch ein Zebrastreifen wird hier nicht als Anhaltepflicht gesehen, eher wird er als Verhaltensvorschlag fehlinterpretiert.

All das ist es, was mich so beeindruckt. Dass die momentan wohl größte Wirtschaftsmacht im kompletten Chaos existiert und die chinesische Kultur so grundverschieden zu der Unseren ist. Das wird mir immer dann ganz besonders klar, wenn ich einmal wieder über das Leben in einer deutschen Kleinstadt erzähle und ich als Antwort meistens nur ein ungläubiges Grinsen erhalte.  Dass ich anders bin als die 23 Millionen anderen Menschen, die hier leben, wird mir oft vor Augen gehalten: „Deine Haare sind ja gelb“, oder „Wieso sind deine Augen blau?“, gehören zu den Sätzen, die ich nahezu jeden Tag zu hören bekomme.

Mittlerweile, nach zwei Monaten, habe ich mich auch schon richtig gut eingelebt. Das Leben unterscheidet sich nun nicht mehr so sehr von dem in Holzminden. Sobald der Alltag eintritt, verliert die ganze Sache den Glanz – man gewöhnt sich an alles. Und genau das finde ich extreme schade. In den ersten Wochen ist alles noch sehr spannend und aufregend. Nach einiger Zeit aber ist es fast nur noch Normalität.

Wenn man es aber schafft, sich die Besonderheit jeden Tag erneut vor Augen zu führen, dann kann man etwas von diesem Glanz bewahren. Auch hilft es, immer neue Dinge auszuprobieren – ob das nun ein unbekannter Ort, neues Essen oder einfach eine neue Aktivität sind, spielt keine Rolle. Wenn man sich das ein wenig zu Herzen nimmt, ist es leicht eine unglaublich schöne Zeit zu erleben.

Bewerten und richtig einordnen kann man seine Erlebnisse aber erst, wenn man wieder zu Hause ist. Je größer die Sehnsucht nach der Ferne dann erscheint, desto toller waren die Erfahrungen im Ausland. Leonard Müller

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