Sonntag, 20. Oktober 2019

Zwischen engen Gassen und der Weite der Anden

Peru erleben: Ein Bericht aus den ersten Wochen meines Freiwilligendienstes in Südamerika

Holzminden (28.10.15). Liebe TAH-Leser, vielleicht erinnern Sie sich noch an meinen kurzen Artikel im Mai dieses Jahres über meinen geplanten Freiwilligendienst in Peru, in dem ich angekündigt hatte, ab und zu von meinen Erfahrungen zu berichten, um Ihnen das Land an der Pazifikküste Südamerikas, seine Kultur und Menschen etwas näher zu bringen

Peru – mehr als Lamas und Machu Picchu

Peru, das ist ein dreigeteiltes Land, in Costa (Küste), Sierra (die Andenregion) und die Selva (Regenwald). An der Küste gibt es große Industriehäfen, Pazifikstrand und Surferorte, große Metropolen, wie Perus Hauptstadt Lima, und kleinere Orte, wie Pisco, berühmt für den „Pisco“, einen Traubenschnaps und Perus Nationalgetränk. Die Sierra wird durch das Andengebirge durchzogen. 3.500 Höhenmeter werden hier schnell erreicht, und die Menschen, die in diesen Regionen in den „Pueblos“ (Dörfern) leben, sind oft Kleinbauern und Selbstversorger. Sie haben ihre eigenen Traditionen und Kultur, zum Teil sogar ihre eigenen indigenen Sprachen, wie Quechua. Die Selva wiederum beginnt dort, am Fuß der mächtigen Bergregion im Landesinneren, und bietet eine einzigartige Flora und Fauna. Der Regenwald wird aber zunehmend durch die Abholzung der Urwaldriesen zur Schaffung von Palmölplantagen bedroht. Die Artenvielfalt ist gefährdet, da ergeht es Peru nicht anders, als seinem Nachbarn Brasilien.

Und ich Kleinstadtkind und frischgebackene Abiturientin lebe nun seit eineinhalb Monaten in Peru, genauer gesagt in Villa el Salvador, was übersetzt so viel wie „Stadt der Erlöser“ bedeutet, einer etwas ärmlicheren Region im Süden von Perus Hauptstadt Lima, in deren Einzugsgebiet offiziell neun Millionen, geschätzt aber über 13 Millionen Menschen leben. Mit der Bürokratie nimmt es hier niemand so genau.

Meine Arbeit und mein Leben in Villa el Salvador

Villa el Salvador ist ein sehr junger politischer Stadtteil, der durch eine Landbesetzung der aus Lima vertriebenen Siedler in den achtziger Jahren entstand. Durch die besondere Geschichte Villa el Salvadors, die Eigeninitiative und die Politisierung der Bevölkerung, gründete sich auch das Kommunikationszen-trum CECOPRODE, indem ich bei dem lokalen Radiosender „StereoVilla“ arbeite. Gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen gestalte ich ein interkulturelles Radioprogramm, das wir einmal im Monat senden. Indem wir uns mit interkulturellen Themen wie Migration, nationalen und internationalen Festen oder Sport beschäftigen, versuchen wir einen kleinen Beitrag zu einer verbesserten interkulturellen Kommunikation zu leisten.

Neben meiner Arbeit im Radio nutze ich vor allem die Wochenenden, um das Land mit seinem Menschen ein bisschen näher kennenzulernen. Ich lebe in einer Gastfamilie, in der drei Generationen unter einem Dach zusammenleben. Das kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein, aber auch unglaublich interessant, besonders dann, wenn wir zu Familienfesten eingeladen werden, und die Peruaner feiern oft und gerne. Auf diesen lernen wir neben peruanischem Essen, das von Cheviche (rohem Fisch in Zitronensoße) bis zum gegrillten Cuy (Meerschweinchen) alles zu bieten hat, den lateinamerikanischen Tanzstil kennen, der fröhlich und offen, bunt, kreativ und von Salsa geprägt ist.

Wenn ich nicht gerade auf einem Familienfest bin, versuche ich zu reisen, um etwas von dem Land zu sehen. In Peru reist man auf Kurzstrecken in Kleinbussen, den sogenannten Colectivos, die immer unglaublich überfüllt und dessen Sitze nicht für die langen Beine eines Europäers ausgelegt sind. Während der Fahrt schmerzen mir schon Mal die Knie oder ich stoße mir den Kopf an den niedrig angebrachten Haltegriffen. Dafür kostet eine Fahrt mit dem Colectivo in der peruanischen Währung Nuevo Sol zwischen 1 und 5 Sol, umgerechnet 30 Cent bis 1,50 Euro. Für längere Strecken steigt man, weil es in Peru bis auf einige Ausnahmen kaum Züge gibt, in Fernbusse, die dann komfortabler sind und auch europäische Beinfreiheit gewähren. Es gibt unzählige Anbieter, man unterscheidet grob zwischen sehr teuren Luxusbussen (muy seguro), mittelklassigen Bussen (más o menos seguro) und den Bussen aus der untersten Schublade (nicht mehr so seguro).

Meine erste Reise habe ich in die Anden unternommen. Der 8. Oktober ist in Peru ein Feiertag, also beschloss ich, das verlängerte Wochenende zu nutzen, um den lauten, vollen Straßen Limas zu entkommen und mit ein paar anderen Freiwilligen nach Huancayo, eine Stadt ungefähr acht Stunden von Lima entfernt, zu reisen.

Um die Stadt, die auf 3.200 Metern Höhe liegt, zu erreichen, muss man einen 5.000 Meter hohen Pass überqueren. Lima liegt nahezu auf Höhe des Meeresspiegels. Also musste ich in wenigen Stunden 5.000 Höhenmeter überwinden. Um den Symptomen von soroche (so nennen die Menschen hier die Höhenkrankheit, die ab ungefähr 3.500 Metern eintreten kann) vorzubeugen, gibt es
aber Medikamente, und dank dieser war die Fahrt relativ erträglich.

Trockenfrüchte und Cocatee

Huancayo ist ein altes Handelszentrum für Agrarprodukte aus der Andenregion, und auch heute gibt es hier immer sonntags den größten Handwerkermarkt Perus, die Feria, durch dessen Gedränge und enge Gassen wir an diesem Wochenende schlenderten, um hier ein paar Trockenfrüchte, dort ein paar Cocablätter für unsere anstrengende Tageswanderung am nächsten Tag zu kaufen. Coca ist eine südamerikanische Pflanze, vorwiegend heimisch in Kolumbien, Bolivien und Peru. Ein Cocatee oder einfach das Kauen der Blätter hilft am besten gegen die Höhenkrankheit. Die Cocapflanze hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Aus ihrem Extrakt lässt sich zwar die Droge Kokain gewinnen, doch bei der natürlichen Cocapflanze handelt es sich nachgewiesenermaßen weder um ein Rauschprodukt noch um ein Suchtmittel. Trotzdem ist der Export der Pflanze, die Generationen von Andenbewohnern ein Leben in diesen Höhenlagen ermöglicht, verboten.

Damit die anderen Freiwilligen und ich jedoch nach nur zwei Tagen der Akklimatisierung in bis dahin unbekannten Höhenlagen, die Wanderung angehen konnten, nahmen wir ebenfalls Cocablätter mit.

Die Tour startete am frühen Sonnabendmorgen. Das Ziel war der Gletscher Huaytapallana, einer von wenigen noch verbliebenen Gletschern in den Anden, die wie in vielen anderen Regionen der Erde, ebenfalls dem Klimawandel zum Opfer fallen. Der Huaytapallana liegt auf 5.150 Metern, unsere Wanderung begann auf 4.200 Metern. Die zu überwindenden Höhenmeter brachten mich an meine Grenzen und darüber hinaus, doch irgendwann stand ich tatsächlich oben, auf dem Gletscher. Und die Aussicht  war die Schmerzen des Aufstieges wert. Das ist auch Peru: Die Stille, das andächtige in die Ferne Blicken, im Kontrast die belebten, hektischen Gassen in den Städten, die modernen Städter in Lima, die unter einer für Lima typischen grauen Wolkendecke von einem Geschäftstermin zum nächsten eilen und wiederum die Bäuerin in den Anden, die ihre kleine Schafs- und Rinderherde zusammentreibt, gerade rechtzeitig, bevor die Sonne hinter den Berggipfeln verschwindet und den Himmel in rotes Licht taucht.

Peru ist definitiv ein Land der Gegensätze. Ein Land, dessen ganz besonderen Charme ich auch die nächsten Monate auf mich wirken lasse und bestimmt schon bald wieder davon berichten werde.

Viele Grüße y Hasta Pronto      Lisa Pramann