Montag, 10. Dezember 2018

Das Lager am Sollingrand ist fast vergessen

Es gab zwei Gefangenenlager im Ersten Weltkrieg in Holzminden

Holzminden (28.11.15). In der Veranstaltungsreihe der Alten Holzmindener wurde über die beiden Gefangenenlager berichtet, die sich vor genau 100 Jahren in Holzminden befanden. Das Interesse an diesem Thema war sehr groß, fast alle Stühle im Gemeindesaal der St. Michaeliskirche waren besetzt. Es stellte sich erwartungsgemäß heraus, dass Kenntnisse über die beiden Lager kaum vorhanden waren. Die Überraschung war groß, als der Vortragende Hartwig Drope die Zahl der Gefangenen mit der damaligen Einwohnerzahl der Stadt Holzminden verglich. Es gab etwa 10.000 Einwohner und etwa 10.000 Gefangene.

Zu unterscheiden sind zwei Lager. In den neu erbauten ersten Kasernen an der Bodenstraße waren 600 Offiziere untergebracht. Sie kamen vorwiegend aus England, Australien und Südafrika. Dieses Lager ist im Juli 1918 durch einen spektakulären Gefangenenausbruch bekannt geworden. Über 100 Offiziere hatten einen ungefähr 60 Meter langen Tunnel gegraben. Dieser war zusammengebrochen, nachdem 29 Offiziere entkommen waren. Etwa 3.000 Soldaten und Privatpersonen versuchten, die Entflohenen wieder einzufangen. So gelangten nur zehn Offiziere in die Freiheit. Über den Ausbruch wurde in Romanen berichtet, es entstand ein Spielfilm, der 1920 in England ein Bestseller wurde.

Während die Erinnerung an das Gefangenenlager der Offiziere inzwischen immer mehr verblasst, ist das Lager am Sollingrand heute in Holzminden schon regelrecht vergessen. Hartwig Drope sprach deshalb vorwiegend von dem viel größeren, unbekannten Lager.

Die militärische Führung mit Generalmajor Pflugradt an der Spitze des Stabes hatte ihre Quartiere in den Räumen des Landschulheims. Die Wachmannschaft, ein Landsturm-Infanterie-Reserve-Bataillon unter der Leitung von Oberst Gallus (im Zivilberuf Gefängnisdirektor), war im umzäunten Lagerbereich untergebracht und die Landsturm-Rekruten wohnten in den provisorischen Baracken im Lindenhof an der Fürstenberger Straße.

Der Bau des Lagers am Rand des Solling, ist erst begonnen worden, nachdem der Erste Weltkrieg nach dem Attentat auf das Österreichische Kronprinzenpaar in Sarajewo früher ausgebrochen war als erwartet. Im September 1914 kamen fast 400 belgische Kriegsgefangene nach Holzminden. Unter scharfer Bewachung der Landsturm-Infanteristen mussten sie Wohnbaracken aufbauen. Im Verlauf des Krieges wurden die Gefangenen zu häufig wechselnden Arbeitseinsätzen vermittelt. Es gab schwere körperliche Arbeiten in Steinbrüchen, bei Erdarbeiten für Kanalisationen an verschiedenen Orten, beim Gleisbau, in der Rüstungsindustrie und auch in der Landwirtschaft.

Aus den Akten der Stadt Holzminden geht hervor, dass für den Bau der Kanalisation vom Lager bis zum Großen Brücktor über Monate hinweg 90 Gefangene eingesetzt worden sind. Die damals sehr bekannte Brückenbau-Firma Liebold aus Holzminden hatte die Bauleitung. In einem Brief an die Stadt Holzminden beklagte die Firma im Sommer 1916, die Gefangenen hätten nicht zur Verfügung gestanden, da sie zur Ernte in der Landwirtschaft abkommandiert worden waren. Aus einer Aktennotiz war zu ersehen, dass die 90 Gefangenen von 270 Bewachern des Landsturm-Bataillons begleitet wurden. (Hartwig Drope)

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